07. Mai 2021

Sinus- und Venenthrombose nach Covid-19-Impfung: Tipps für die Behandlung

Bloß kein Heparin bei Sinus- und Hirnvenenthrombose nach Covid-19-Impfung – das ist die wichtigste Botschaft des Spezialreports der American Heart Association (AHA) und der American Stroke Association. Lesen Sie hier mehr über die Empfehlungen.1

Lesedauer: 2 Minuten

Thrombose nach Impfung, oder kurz: VITT

Vor wenigen Wochen ließen die US-amerikanischen Behörden die Impfungen mit dem Covid-19-Impfstoff von Johnson & Johnson wieder zu. Ähnlich wie bei dem Astrazeneca-Vakzin kam es auch dort zu einer Häufung von Hirnvenenthrombosen in Kombination mit Thrombopenie. Genauer spricht man von einer „Vakzin-induzierten, immun-vermittelten, thrombotischen Thrombopenie“, kurz VITT.

Immernoch seltener als bei Infektion

Kürzlich erschien in der Fachzeitschrift „Stroke“ ein Spezialreport der amerikanischen Fachgesellschaften mit Hilfestellungen für Ärzte, um VITT richtig zu erkennen und zu behandeln. Dabei bleibe zu betonen, dass das Risiko einer Hirnvenenthrombose durch Covid-19 8-10 Mal höher sei als nach einer Impfung, so Dr. Karen L. Furie, Erstautorin der Publikation.2

Die Thrombosen treten einige Tage bis zu 2,5 Wochen nach der Impfung mit dem Johnson & Johnson-Wirkstoff auf, sowie bis zu 3,5 Wochen nach einer Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin. Um das Ausmaß einzuordnen:

  • von fast 7 Millionen Geimpften mit Johnson & Johnson erlitten 15 Frauen zwischen 18 und 59 Jahren eine Thrombose mit Thrombozytopenie,
  • von 25 Millionen Geimpften mit Astrazeneca erlitten 62 Menschen eine Sinusvenenthrombose, vor allem Frauen zwischen 22 und 60 Jahren.

Bloß kein Heparin

„Patienten, die sich mit den Symptomen einer Sinus- und Hirnvenenthrombose oder Blutgerinnseln vorstellen und die kürzlich eine Covid-19-Impfung erhalten haben, sollten mit Nicht-Heparin-Antikoagulanzien behandelt werden. Bei Verdacht auf Sinus-/Venenthrombose, eine Thrombose bei gleichzeitiger Thrombozytopenie oder VITT sollten absolut keine Heparinpräparate verabreicht werden. Mit der richtigen Behandlung können die meisten Patienten eine vollständige Genesung erfahren”, erklärt Dr. Furie. Die Empfehlung gegen Heparin stützt sich auf Parallelen zwischen der Heparin-induzierten Thrombozytopenie und VITT.

Die Empfehlungen zur Behandlung

  • Alle Patienten mit Verdacht auf Sinus-/Venenthrombose aufgrund einer Covid-19-Impfung sollten mit Nicht-heparinergen-Antikoagulantien wie Argatroban, Bivalirudin, Danaparoid, Fondaparinux (weitere Anmerkung s.u.) oder einem direkten oralen Antikoagulans (DOAC) behandelt werden. Es sollten absolut keine Heparinprodukte in irgendeiner Dosis gegeben werden.
  • Zur Diagnose wird ein MRT mit Venogramm oder ein CT mit Venogramm empfohlen
  • Benötigte Laborwerte sind:
  • Großes Blutbild
  • Blutausstrich
  • Quick-Wert, aPTT
  • Fibrinogen, D-Dimere
  • PF4-Antikörper
  • Die Antikoagulation muss angepasst werden wenn die Thrombozytenzahl unter 20.000/mm³ liegt oder das Fibrinogen vermindert ist
  • Bei Sinusvenenthrombose sollte auch dann antikoaguliert werden, wenn eine sekundäre Hirnblutung besteht, um eine Progression der Thrombose zu verhindern.
  • Eine Thrombozyten-Transfusion sollte vermieden werden.
  • Sobald die Thrombozyten wieder auf normalem Niveau sind (150.000 -450.000/mm³), können die meisten Patienten auf ein orales Antikoagulanz eingestellt werden, sofern keine Kontraindikationen bestehen.
  • Nachdem sich die Thrombozyten-Zahl komplett erholt hat, sollte man je nach Patient entscheiden, ob ein DOAC oder ein Vitamin-K-Antagonist passender ist.

Die komplette Stellungnahme ist auf der Website von „Stroke“ offen zugänglich. Als Referenz beziehen sich die Autoren unter anderem auf ein detaillierteres Review mit Empfehlungen der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung, das ebenfalls frei zugänglich ist.

Anmerkung zu Fondaparinux: Die Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung gibt in ihrem Review zu bedenken, dass Fondaparinux theoretisch die Thrombenbildung begünstigen könnte, wenn es als Thromboprophylaxe direkt nach der Impfung gegeben wird. Für die Behandlung einer bereits bestehenden Thrombose (mind. 4 Tage nach der Impfung) könne es jedoch in Betracht gezogen werden.3

  1. Pressemitteilung der American Heart Association vom 29. April 2021 auf heart.org
  2. Diagnosis and Management of Cerebral Venous Sinus Thrombosis with Vaccine-Induced Thrombotic Thrombocytopenia. Stroke 2021; DOI: 10.1161/STROKEAHA.121.035564
  3. Oldenburg et al.: Diagnosis and Management of Vaccine-Related Thrombosis following AstraZeneca COVID-19 Vaccination: Guidance Statement from the GTH. Hamostaseologie. 2021 Apr 1.

Bildquelle: © Getty Images/jarun011

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