02. Juli 2021

Interview

Mucormykosen & Covid-19: In Deutschland noch sehr selten

In Indien verbreiten sich Infektionen mit dem „schwarzen Pilz“ bei Covid-19-Patienten. Prof. Dr. Oliver Kurzai, Experte für Pilzinfektionen, beantwortet Fragen zu Erregern, Symptomen, Behandlungsoptionen und der Lage in Deutschland.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

In Indien wird über Tausende Mucormykosen berichtet, die bei Covid-19-Patienten auftreten. Welcher Erreger steckt hinter dem „Schwarzen Pilz“ und wie kann eine Infektion erfolgen?

Prof. Kurzai: Die Situation in Indien ist tatsächlich dramatisch: Durch die extrem hohe Zahl an Covid-19-Fällen und besondere epidemiologische Gegebenheiten kommt es zu dieser enormen Zahl an Mucormykosen. Die Bezeichnung „schwarzer Pilz“ geht auf die nekrotischen Läsionen zurück, die diese Infektion oft verursacht und sagt nichts über die Erreger aus, die nicht pigmentiert beziehungsweise schwarz sind.

Daran erkennt man auch schon ein Problem: Die mykologische Diagnostik ist oft unzureichend, der genaue Erreger ist in der Regel nicht bekannt. Die sichere Differenzierung dieser Pilze ist schon in Deutschland nur in spezialisierten Labors sicher möglich.

Weshalb tritt die eigentlich seltene Erkrankung gerade bei Covid-19-Patienten auf? Welche Risikofaktoren gibt es?

Prof. Kurzai: Die Frage ist zum einen, warum bei Covid-19 und zum anderen, warum in Indien? Covid-19-Patienten haben eine Vorschädigung der Lunge und – bei schwerem Verlauf – auch eine starke Störung der Immunantwort mit ausgeprägter Entzündungsreaktion. Therapeutisch werden Steroide eingesetzt – vor allem wenn das zu lang und in zu hoher Dosis passiert ist das ein zusätzlicher Risikofaktor.

Aus Indien gibt es Berichte darüber, dass Steroide relativ frei verfügbar sind und zum Teil unkontrolliert und sogar in Selbstmedikation eingesetzt werden. Und dann ist noch der Diabetes mellitus ein bekannter und wichtiger Risikofaktor für diese Infektionen. In Indien ist insbesondere die Zahl von Personen mit nicht erkanntem und/oder nicht suffizient behandeltem Diabetes mellitus viel höher als bei uns.

Gerade bei einer schweren Infektion kann der Zuckerhaushalt entgleisen und dann der Pilzinfektion Vorschub leisten – viele der betroffenen PatientInnen in Indien haben eine entgleiste Zuckerstoffwechsellage.

Zuletzt: Schon vor Covid-19 waren diese Infektionen in Indien deutlich häufiger als bei uns. Sicher spielen also auch andere Gegebenheiten wie Lebensgewohnheiten oder Klima in Indien eine wichtige Rolle – darüber wissen wir noch zu wenig.

Welche Folgen kann eine Mucormykose haben? Wie hoch ist die Mortalität?

Prof. Kurzai: In Indien treten aktuell vor allem Infektionen der Haut und Weichteile sowie der Nasennebenhöhlen auf – das sind schwere destruierende Weichteilinfektionen. Die Behandlung ist schwierig und erfordert in der Regel auch eine operative Entfernung von infiziertem Gewebe – im Gesichtsbereich resultieren dabei in der Regel bleibende Schäden.

Gerade in Kombination mit Covid-19 ist die Mucormykose, obwohl sie bei diesen Patienten vor allem lokalisiert auftritt, potenziell auch eine lebensbedrohliche Infektion. In publizierten Fallserien lag die Sterblichkeit bei etwa 10-20%.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Prof. Kurzai: Wichtig ist die operative Entfernung von nekrotischem und infiziertem Gewebe. Daneben muss mit Antimykotika behandelt werden. AmBisome in hoher Dosierung ist meist Mittel der Wahl, daneben können auch neuere Azole, wie Posaconazol und Itraconazol, eingesetzt werden. Leider kam es in Indien nach Zeitungsberichten bei der Versorgung mit AmBisome zu Engpässen.

Was ist bislang über Fallberichte in Deutschland bekannt?

Prof. Kurzai: Das Nationale Referenzzentrum NRZMyk in Kooperation mit FungiScope erfasst gerade Fälle in Deutschland. Bisher sind nur einige wenige Fälle bekannt. Die genauen Details analysieren wir gerade.

Wer noch einen Fall kennt, kann sich gerne an das NRZMyk wenden. Wichtig ist aber klar zu sagen, dass Mucormykosen bei Covid-19 Patienten in Deutschland sehr selten sind.

Wie kann Infektionen vorgebeugt werden?

Prof. Kurzai: Eine Prophylaxe gibt es nicht. Bei einer ordnungsgemäßen Versorgung von Covid-19-Patienten ist die Mucormykose in Deutschland zahlenmäßig kein relevantes Problem. Andere Pilzinfektionen, wie die Aspergillose, sind häufiger.

Was können Ärztinnen und Ärzte noch tun, wenn eine Mucormykose in ihrem Patientenstamm auftritt?

Prof. Kurzai: Wichtig ist, dass man sich im Zweifelsfall beraten lässt – vor allem, wenn man wenig Erfahrung mit diesem seltenen Krankheitsbild hat. Die Behandlung dieser Infektionen ist komplex und multidisziplinär, die Erregerdiagnostik kann in vielen Laboren nur eingeschränkt geleistet werden.

Das NRZMyk bietet eine kostenfreie Differenzierung der Erreger und Resistenztestung und natürlich auch eine Beratung an. Aus epidemiologischer Sicht hilft es uns sehr, wenn solche Fälle in dem internationalen Register FungiScope erfasst werden.

Prof. Dr. Oliver Kurzai ist Lehrstuhlinhaber für Medizinische Mikrobiologie & Mykologie am Institut für Hygiene und Mikrobiologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Außerdem ist er am Leibniz Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut in Jena tätig. Prof. Kurzai ist Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Invasive Pilzinfektionen (NRZMyk).

Bildquellen: © Getty Images/
KATERYNA KON/SCIENCE PHOTO LIBRARY; © Oliver Kurzai

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