05. März 2021

Interview

Die Zukunft zoonotischer Pandemien

Im zweiten Teil des Interviews geht Prof.Dr. Beer auf die Faktoren ein, welche das Risiko für zoonotische Pandemien erhöhen, er erklärt, weshalb Influenzaviren ein besonders guter Kandidat hierfür sind und was die Vogelgrippewelle dieses Jahr besonders macht.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

SARS-CoV-2 ist mutmaßlich von einem tierischen Wirt auf den Menschen übergesprungen. Erwarten Sie in der Zukunft vermehrt zoonotische Infektionen?

Beer Es gibt viele Faktoren, die hier eine Rolle spielen. In der Regel hängt es davon ab, wie viele Menschen Kontakt zu Tierreservoiren haben. Das kann Bushmeat sind, das konsumiert wird, oder die Abholzung des Regenwaldes, wo Menschen in neue Gebiete vordringen und erstmals Kontakt zu Tierspezies haben, oder die sogenannten Wet Markets, die Tiermärkte in Asien.

Das ist ein System, in dem sehr viele Dinge zusammenpassen müssen. Das richtige Virus muss den Weg in den Menschen finden und muss dann auch von Mensch zu Mensch übertragbar sein. Deswegen ist es schwer zu sagen, dass Zoonosen häufiger werden. Was das Auftreten jedoch wahrscheinlicher macht, sind die wachsende Weltbevölkerung, das Vordringen in entlegene Gebiete und der globale Handel.

Es kann niemand vorhersagen, ob der nächste Übertritt jetzt in einem oder 30 Jahren auftritt. Ein guter Kandidat für Pandemien sind die Influenzaviren, weil wir dort umfangreiche Tierreservoire haben.

Was macht die Influenzaviren zu potenziell pandemischen Erregern?

Beer Wir haben das Tierreservoir im Wildvogel, außerdem das Hausgeflügel, mit verschiedensten Influenzaviren, und wir haben vor allem auch das Schwein als wichtiges Reservoir für zoonotische Influenzaviren, wie auch die H1N1 Pandemie 2009 eindrucksvoll belegt hat.

Ein weiterer Faktor bei den Influenzaviren ist das Reassortment, das Mischen genetischer Informationen verschiedener Influenzaviren. Deswegen ist es wichtig auch weiterhin die Situation bei Influenza immer besonders im Auge zu behalten.

Kürzlich gab es Berichte über die erstmalige Übertragung des Vogelgrippevirus H5N8 auf den Menschen. Wie bewerten Sie dies?

Beer Es handelte sich um eine symptomlose oder sehr milde Infektion. Wir wissen nicht genau, welche Faktoren bei der Übertragung von infiziertem Geflügel auf das Personal eine Rolle gespielt haben.

Im Moment gibt es in Europa, auch in Deutschland, Ausbrüche mit ähnlichen Viren. Es liegen aber nach wie vor keine Hinweise von humanen Infektionen oder, was für uns ein Indikator ist, auch keine Hinweise auf Spill over-Infektionen an Katzen oder andere Säugetierraptoren. Wenn wir uns an H5N1 in den Jahren 2006/2007 erinnern, gab es durchaus die eine oder andere Katze, die sich infiziert hatte und auch einen Steinmarder.

Hierzulande haben sich die Sicherheitsmaßnahmen nicht geändert. Es ist aber trotzdem wichtig und interessant, dass die Kollegen in Russland einen solchen Fall gemeldet haben und man wird prüfen, ob es weitere humane Infektionen gegeben hat, z.B. durch Antikörpernachweise.

Vogelgrippe ist im Moment wirklich spannend. Wir haben derzeit eine Welle, die wahrscheinlich die Welle von 2016/17 noch übertreffen wird. Und trotzdem ist es eine glückliche Situation, dass zumindest das zoonotische Potenzial nicht besonders hoch zu sein scheint. Allerdings muss die Situation genau beobachtet werden und die beteiligten Viren sind so gut wie möglich zu charakterisieren, um angepasste Risikobewertungen vornehmen zu können.

© Friedrich-Loeffler-Institut
© Friedrich-Loeffler-Institut

Prof. Dr. Martin Beer ist Leiter des Instituts für Virusdiagnostik (IVD) des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riems. Er ist Fachtierarzt für Virologie und Mikrobiologie.

Bildquelle: © Getty Images/appledesign ; © Friedrich-Loeffler-Institut

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