11. August 2020

Covid-19-Impfstoff

„Auf dem Weg zur Zulassung kann es keine Kompromisse geben“

Prof. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, beantwortet im Interview Fragen zur Entwicklung von Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 und erklärt, wie die Zulassungsverfahren beschleunigt werden, ohne Kompromisse bei der Sicherheit einzugehen.

Lesedauer: 3 Minuten

Interview: Christoph Renninger

Prof. Klaus Cichutek ist Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel.

Derzeit werden über 20 Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 in klinischen Studien getestet und knapp 150 Kandidaten befinden sich in präklinischen Phasen. Gab es eine vergleichbare Situation bei anderen Krankheiten?

Was die heutigen Möglichkeiten angeht, Pandemien wie die derzeitige hoffentlich eindämmen zu können, befinden wir uns in einer bislang historisch einmaligen Situation. Nein, eine vergleichbare Pandemie-Situation war in den letzten 20 Jahren aus PEI-Sicht nicht gegeben. Bei der sog. Schweinegrippe-Pandemie in 2009/10 waren im Vorfeld Musterimpfstoff-Zulassungen von Pandemie-Impfstoffen durchgeführt worden und die übliche Herstellung der saisonalen Influenza-Impfstoffe auf die Influenza-Pandemie-Impfstoffe konnte rechtzeitig umgestellt werden. Insofern ist die derzeitige Situation in der Coronavirus-2-Pandemie nicht vergleichbar: neuer Erreger, neue Impfstoff-Entwicklungen, allerdings zumindest Vorarbeiten zu SARS- und MERS-Coronavirus-Impfstoffen und anderen Impfstoffen auf Basis der jetzt zum Einsatz kommenden Plattformtechnologien, die genutzt werden können.

Erstmalig wird weltweit und zeitgleich mit Hochdruck an einer Vielzahl von Impfstoffentwicklungen gegen das SARS-CoV-2-Virus gearbeitet.

Anders als bei SARS- und MERS-Coronavirus oder den beiden Ebola-Epidemien der letzten Jahre in Westafrika und später in der Demokratischen Republik Kongo hat sich SARS- CoV-2 sehr schnell pandemisch ausgebreitet, sodass akademische und industrielle Entwickler auf fast allen Kontinenten, wenn auch regional unterschiedlich stark, nach geeigneten Therapien und vor allem nach vor Covid-19 schützenden Impfstoffen suchen.

Dieses dringliche Vorhaben wird von den Arzneimittelbehörden, organisiert in Europa in der Gruppe der „Heads of Medicines Agencies“ (HMA) und dem weiter internationalen Netzwerk „International Coalition of Medicines Regulatory Authorities“ (ICMRA), bestehend aus den global agierenden Arzneimittelbehörden, und nicht zuletzt der WHO unterstützt. Auch das Paul-Ehrlich-Institut, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, ist reges Mitglied dieser Netzwerke und arbeitet aktiv in wichtigen Ausschüssen der WHO u.a. mit seinen WHO-Kooperationszentren mit. Konsortien wie CEPI und global agierende Stiftungen und Organisationen, aber auch Forschungskonsortien wie das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung DZIF sowie die eigenen Forschungsaktivitäten im Paul-Ehrlich-Institut fördern Covid-19-Impfstoff- und Therapie-Entwicklungen. Wichtig ist dabei auch die Unterstützung der Bundesregierung, des BMG und der Europäischen Kommission. Die globale Anstrengung mit aktuell etwa 170 Impfstoffprojekten, über 20 bereits in der klinischen Prüfung, spiegelt wider, welche Bedeutung Covid-19-Impfstoffen in der Bekämpfung und Überwindung dieser Pandemie weltweit beigemessen wird.

In Deutschland werden derzeit zwei RNA-Impfstoffe untersucht, obwohl bislang keine Impfstoffe dieser Art zugelassen sind. Was macht diesen Ansatz besonders und vielversprechend?

RNA-Impfstoffe übertragen Teile der Erbinformation des Virus, die den Bauplan für das Antigen, also das schützende Erregerprotein, umfasst. Komplexiert mit Lipid-Nanopartikeln wird die RNA auf einige wenige Körperzellen übertragen. Die Körperzellen nutzen diese Erbinformation als Vorlage, um das spezifische Antigen, hier das Spikeprotein des Coronavirus-2 oder eines Teils davon, selbst zu erzeugen, dem Immunsystem zu präsentieren und die gewünschte Immunreaktion auszulösen. Aus klinischen Prüfungen von Impfstoffkandidaten zum Schutz vor anderen viralen Erregern und zur Tumor-Immuntherapie liegen bereits erste Erfahrungen mit dieser Plattformtechnologie vor.

RNA-Vakzine können aufgrund der Nutzung gentechnischer Verfahren deutlich schneller entwickelt werden als die etablierten inaktivierten Virus-Impfstoffe. Sobald die Erbinformation eines Virus vollständig sequenziert ist, können die Genabschnitte mit den Bauplänen der Proteine identifiziert und entsprechende, den Bauplan enthaltende RNA hergestellt werden. Die komplexe Anzucht des Virus unter erhöhten Sicherheitsbedingungen wie bei inaktivierten Impfstoffen entfällt. RNA-Impfstoffe können sowohl eine humorale (Antikörper-vermittelte) als auch eine zelluläre Immunantwort induzieren.

Ein besonderer Vorteil dieses Impfstoffansatzes ist die Möglichkeit, viele Millionen Impfstoff-Dosen in kurzer Zeit von etwa 6-8 Wochen herzustellen, natürlich von der optimalen, noch nicht bestimmten Dosis abhängig – in einer Pandemiesituation ein sehr wichtiger Aspekt.

Wissenschaftler aus Oxford konnte mit einem Impfstoff auf Basis eines viralen Vektors sowohl die Produktion spezifischer Antikörper wie auch von T-Zellen anregen. Wie bewerten Sie diese Studiendaten?

Auch Vektor-Impfstoffe wie der von Astra Zeneca und der Oxford University auf Adenovirusvektor-Basis sowie anderen Entwicklern beruhen auf Erbinformation und entfalten ihre Wirkung im Wesentlichen über die für RNA-Impfstoffe geschilderten physiologischen Mechanismen. Die bereits für einige Impfstoffkandidaten gelungene Demonstration in klinischen Prüfungen der Phase I und II, dass bei einer bestimmten Dosis eines Impfstoffkandidaten bei akzeptabler Verträglichkeit eine spezifische Immunreaktion gegen den Zielerreger auch beim Menschen erzeugt werden kann, der Impfstoffkandidat also immunogen ist, ist ein wichtiger Schritt der Impfstoffentwicklung.

Ebenso wichtig ist, dass nach Impfung nicht nur an Virusprotein bindende Antikörper, sondern auch sogenannte neutralisierende Antikörper gebildet wurden. Auch die Erzeugung einer zellulären Immunantwort ist von Bedeutung. Erst in Wirksamkeitsstudien der Phase III wird sich aber zeigen, ob die von dem jeweiligen Impfstoffkandidaten erzeugte Immunantwort auch gegen Covid-19 schützt.

Außerdem wird sich in diesen Studien zeigen, wie lange der Immunschutz anhält, ob ein- oder zweimal geimpft werden muss, ob auch die Übertragung des Coronavirus-2 von Geimpften auf weitere Personen, die Transmission, reduziert wird. Über das übliche Maß hinausgehende Impfreaktionen und mit einer Häufigkeit von 0,1% oder größer auftretende Risiken werden dabei ebenso ermittelt.

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