08. Dezember 2021

Erste Daten zum Immunschutz gegen Omikron-Variante

Gleich mehrere Analysen des Immunschutzes gegen die neue SARS-CoV-2-Variante Omikron sind in den vergangenen Stunden veröffentlicht worden. Sie alle zeigen nach verschiedenen Kombinationen von Impfungen und natürlicher Infektion eine stark, circa 40-fach reduzierte neutralisierende Wirkung von Antikörpern – also eine Infektion – zu verhindern.1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Dieser Artikel beruht auf Informationen des Science Media Center Germany

Immunescape ist möglich

Omikron hat damit das Potenzial, der Immunantwort des Körpers zum Teil zu entgehen. Ergebnisse zur Schutzwirkung der zellulären Bestandteile des Immunsystems, wie B- und vor allem T-Zellen, vor einer schweren Covid-19-Erkrankung fehlen weiterhin.

Aus Deutschland stammen erste Daten von dem Team aus Forschenden rund um Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt. Sie isolierten das Virus aus Proben einer sehr früh am Frankfurter Flughafen entdeckten Person mit Omikron-Infektion und züchteten es im Labor an.

Ihre Ergebnisse teilte die Forscherin bisher nur sehr knapp auf Twitter mit; eine vorläufige Publikation sei eingereicht. Die Ergebnisse zeigen eine bis zu 37-fach reduzierte neutralisierende Wirkung der Antikörper im Vergleich zur Delta-Variante. Die Daten deuten allerdings ebenfalls daraufhin, dass Auffrischungsimpfungen oder eine vorangegangene Infektion plus zweifacher Impfung noch eine stärkere Wirkung gegen die Variante entfalten können als die Immunantwort zweifach geimpfter Menschen. Bisher sind allerdings noch sehr wenige Details bekannt; so ist zum Beispiel unklar, wie viele Proben für die Analysen verwendet wurden.

Infektion plus doppelte Impfung immunologisch vorteilhaft

Auf einen vorteilhafteren Schutz nach durchgemachter Infektion plus einer zweifachen Impfung mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech deuten auch weitere Ergebnisse aus einem Labor in Durban in Südafrika hin. Die Forschenden teilten ebenfalls erste Ergebnisse aus Neutralisationsversuchen in Lebendkulturen des Virus in einem vorläufigen Manuskript.

Zwar fanden auch sie eine deutliche Reduktion der neutralisierenden Wirkung der Antikörper um das circa 41-Fache nach einer doppelten Impfung, allerdings zeigte sich ein deutlich positiveres Bild bei der Immunantwort von zuvor infizierten Personen mit doppelter Impfung.

Ein drittes Ergebnis, das eine weniger stark abnehmende neutralisierende Wirkung andeutet, stammt von Forschenden aus Südafrika und Schweden. Sie machten allerdings Versuche mit einer künstlich hergestellten Form des Virus und unterschieden ihre Daten nicht nach dem Impfstatus der Probanden.

Expertenstatement

Prof. Dr. Carsten Watzl,
Leiter des Forschungsbereichs Immunologie und wissenschaftlicher Direktor, Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo), Dortmund, und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI)

„Bisher kannten wir nur die Mutationen von Omikron und konnten vermuten, dass diese wahrscheinlich zu einer schlechteren Schutzwirkung der Impfungen gegen eine Infektion mit der Omikron-Variante führen werden. Daher ist es jetzt wichtig, erste Daten zu sehen. Die Ergebnisse zeigen ganz klar, dass auch die neutralisierenden Antikörper von Geimpften in der Lage sind, Omikron zu binden und zu neutralisieren. Die Impfungen sind also nicht nutzlos.

Aber: Man braucht deutlich höhere Antikörperspiegel, um Omikron noch erfolgreich zu neutralisieren – ungefähr 40-fach mehr. Die Experimente mit den Pseudoviren haben einen geringeren Abfall gezeigt, die Daten mit dem isolierten Virus sind aber relevanter. Das ist ein großer Unterschied – der größte Unterschied, den wir je bei einer Variante beobachtet haben.

Die Daten zeigen, dass selbst zweifach Geimpfte oft nicht genügend Antikörper haben, um Omikron zu neutralisieren. Erst nach einem Booster oder nach der Kombination aus Infektion plus zweifacher Impfung sind genügend Antikörper vorhanden. Das bedeutet, dass wir mit Omikron noch mehr Durchbruchsinfektionen sehen werden. Die Inzidenzen könnten daher noch mal deutlich steigen.“

„Was aktuell noch fehlt, sind Daten dazu, ob eine Omikron-Durchbruchsinfektion auch mehr schwere Verläufe verursacht. Oder anders gesagt: Ob der Impfschutz vor schwerer Erkrankung bei Omikron noch hoch ist. Da dieser Schutz nicht nur auf den Antikörpern beruht, gehe ich aktuell davon aus, dass der Schutz vor schwerer Erkrankung auch bei Omikron noch vergleichsweise hoch ist. Das könnte auch erklären, warum man in Südafrika eher milde Verläufe sieht.

Es stecken sich Personen mit Immunschutz an, die noch gut vor einer schweren Erkrankung geschützt sind. Wobei das Alter der Infizierten in Südafrika auch eine Rolle spielt. Aber: Ungeimpfte werden gegenüber Omikron noch weniger geschützt sein. Daher werden mit steigenden Inzidenzen auch mehr schwere Fälle und damit eine zusätzliche Belastung des Gesundheitssystems einhergehen.“

„Meiner Meinung nach wird es notwendig sein, die Impfstoffe anzupassen. Ein Booster mit einem angepassten Impfstoff würde genau die Gedächtniszellen stimulieren, die Antikörper produzieren, die auch Omikron neutralisieren können. Daher würde ein Booster mit einem angepassten Impfstoff sicherlich auch einen guten Schutz gegen Omikron vermitteln.

Da diese angepassten Impfstoffe frühestens nächstes Jahr im Februar oder März kommen werden, sollte man aber jetzt nicht darauf warten, sondern sich jetzt impfen oder boostern lassen. Wenn Omikron die Delta-Variante weltweit komplett verdrängt, werden die aktuellen Impfstoffe alle durch neue Versionen ersetzt werden müssen. Das geht bei mRNA-Impfstoffen vergleichsweise schnell, bei den anderen Impfstoffen kann es aber deutlich länger dauern.“

  1. SMC – Erste Daten zum Immunschutz gegen Omikron-Variante. 08.12.2021

Bildquelle: © Getty Images/Andriy Onufriyenko

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