30. Oktober 2020

SARS-CoV-2

Das fatale Versprechen der Herdenimmunität

Manaus – eine 2-Millionen-Stadt in Brasilien – wurde von verschiedenen Forschern als positives Beispiel für eine Herdenimmunität gegen SARS-CoV-2 herangezogen. In einem Artikel in der Fachzeitschrift „Nature“ wird diese Möglichkeit kritisch hinterfragt.1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Manaus als Exempel

Im Mai 2020 kam es zu einem großen Covid-19-Ausbruch in Manaus, die Krankenhäuser waren überfüllt und es mussten bei einer Exzessmortalität von 120 Todesfällen pro Tag neue Gräber außerhalb der Stadtgrenzen ausgehoben werden. Trotz Lockerung der Kontaktbeschränkungen im Juni sank die Exzessmortalität dann im August auf beinah null.

Dies führten einige Wissenschaftler darauf zurück, dass ein großer Teil der Bevölkerung inzwischen exponiert war und immun geworden ist. Tatsächlich ließen sich am Ende der ersten Welle bei 66 % von mehr als 6.000 getesteten Einwohner positive Antikörper nachweisen. Die Forscher schlossen daraus, dass die Zahl an vulnerablen Menschen nicht mehr für einen neuen Ausbruch ausreicht – die Herdenimmunität hätte der Pandemie hier ein Ende gesetzt.

Sollte man daher die bisherige Strategie überdenken und der Virusverbreitung einfach ihren natürlichen Lauf lassen? Epidemiologen haben solche Argumente prompt zurückgewiesen. Kristian Andersen, Immunologe am Scripps Research Institute in La Jolla, Kalifornien, meint dazu, dass solch ein Ansatz zu großem Leid und zu einem katastrophalen Verlust an Menschenleben führen würde, ohne dass die Gesellschaft notwendigerweise zur Normalität zurückkehren könnte.  

Trotzdem poppt die Idee der Herdenimmunität in verschiedenen Ländern wie Schweden, Großbritannien und den USA immer wieder auf. Ein gefährlicher Trugschluss ohne wissenschaftliche Evidenz, schreibt eine Gruppe von Wissenschaftlern im Lancet.2

Fünf Fragen stehen bei der Diskussion um die Herdenimmunität im Fokus:

1. Was ist eigentlich „Herdenimmunität“?

Der Begriff stammt eigentlich aus der Impfstoffforschung und bedeutet, dass für einen ausreichenden Schutz nicht unbedingt die gesamte Bevölkerung geimpft werden muss. Durch die Reduktion der Virenzirkulation in teilgeimpften Bevölkerungsgruppen werden auch Ungeimpfte geschützt – man spricht von Herdenimmunität oder besser Herdenprotektion. Jetzt ist dieser Begriff etwas kritiklos auf die Frage übertragen worden, wieviel Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert sein müssten, bevor die Pandemie stoppt.

2. Wie erreichen wir sie?

Wann theoretisch eine Herdenimmunität erreicht wird, hängt entscheidend von der Infektiosität der Viren und dem R0-Wert ab. Aus solchen mathematischen Formeln lässt sich aber kein exakter Zeitpunkt ableiten, an dem dann solch eine Immunität erreicht ist. Und selbst wenn eine Bevölkerung immun zu sein scheint, kann es jederzeit wieder zu großen Ausbrüchen kommen, wie es in Gegenden mit rückläufigen Impfraten immer wieder beobachtet wurde.

3. Wie hoch wäre der Grenzwert für SARS-CoV-2?

Wissenschaftler haben eine mathematische Annährung in 30 verschiedenen Ländern versucht. Der Anteil der Bevölkerung, die immun sein müsste, variiert hier zwischen 10 und 70 %. Dabei können zahlreiche Faktoren wie Interventionen, Verhaltensänderungen und sogenannte „Superspreader“ mit zahlreichen Kontakten einfließen, die kaum berücksichtigt werden.

In abgeschlossen Systemen wie dem San Quentin State Prison in Kalifornien mussten mehr als 60% der Population infiziert sein, bevor der Ausbruch unterbrochen wurde. Wirklich beurteilen kann man die Herdenimmunität wahrscheinlich erst auf Grundlage retrospektiver Daten in zehn Jahren, so Caitlin Rivers, Epidemiologin am Johns Hopkins Center.  

4. Wird die Herdenimmunität funktionieren?

Viele Wissenschaftler halten es für eine schlechte Idee, das Konzept der „Herdenimmunität“ weiter zu propagieren. Allein in den USA würde wahrscheinlich ein bis zwei Millionen Menschen versterben – ganz zu schweigen von weiteren negative Auswirkungen auf die Gesundheit und möglichen Spätfolgen.

Zudem häufen sich die Hinweise, dass das Ganze nicht funktioniert. In Schweden gab es zu Beginn der Pandemie kaum Einschränkungen im täglichen Leben – mit der Folge, dass zehnmal mehr Menschen an Covid-19 verstorben sind als im benachbarten Norwegen. Und auch im Paradebeispiel Manaus scheinen die Infektionszahlen inzwischen wieder anzusteigen.

5. Was steht der Herdenimmunität noch im Wege?

Das ganze Konzept beruht auf der derzeit unbewiesenen Annahme, dass Überlebende der Infektion in jedem Fall immun sind. Zwar scheint die Infektion mit SARS-CoV-2 zu einer Art funktionalen Immunität zu führen – aber niemand weiß zurzeit, wie lange die Immunität anhalten wird. Bei den saisonalen Corona-Viren ist das etwa ein Jahr – bisher spricht nichts dafür, dass es bei SARS-CoV-2 anders sein wird. Falls dies der Fall sein sollte, bricht das ganze schöne Konzept der „natürlichen Herdenimmunität“ zusammen.

In diesem Fall müsste man dann mit der Rückkehr zum normalen Leben doch warten, bis eine effektive Impfung tatsächlich für Herdenimmunität sorgt. Bis dahin bleibt die Einhaltung der AHA-Regeln das wichtigste Instrument im Kampf gegen die Pandemie.

  1. Aschwanden C; The false promise of herd immunity for COVID-19; Nature 2020; doi: https://doi.org/10.1038/d41586-020-02948-4
  2. Alwan NA et al. Scientific consensus on the COVID-19 pandemic: we need to act now. Lancet 2020; DOI: 10.1016/S0140-6736(20)32153-X

Bildquelle: © gettyImages/Shivendu Jauhari

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