25. September 2020

Meinung

Durch Corona in die Schlagzeilen?

Das Thema „Corona” generiert enorme Aufmerksamkeit. Das haben auch manche medizinische Fachgesellschaften entdeckt. Doch Aufmerksamkeit um jeden Preis ist problematisch, wenn es an inhaltlicher Substanz mangelt. Zu diesem Schluss kommt unser Gastautor Dr. med. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Corona medienwirksam in Szene gesetzt

„86 Prozent sterben WEGEN, nicht MIT Corona“ verkünden so manche Medien nach der Pressekonferenz des Bundesverbands Deutscher Pathologen (BDP). 1-3 Doch hinter der scheinbaren Sensation verbirgt sich eine methodische Luftnummer. Tatsächlich handelt es sich nicht um eine solide Studie. Die Pathologen hatten eine unsystematische, informelle Befragung unter Kollegen in die Schlagzeilen gebracht.

Abgefragt wurde der Eindruck zur Todesursache von 154 möglicherweise an Corona Verstorbenen. Mit oder ohne Erregerindiz (PCR-Test) attestierten die Pathologen den kausalen Coronatod. Einzige Bedingung waren Organalterationen. Meist diffuse alveoläre Veränderungen. Doch niemand hat bisher belegt, wie man eine für Corona typische alveoläre Veränderung standardisiert. Niemand kennt die Trefferquote dieser Art der Beweisführung. Und ganz nebenbei wird gefordert, die Kostenerstattung für Sektionen fast zu verdoppeln. Ein medienwirksamer Coup, der zur Nachahmung animiert.

Ein Problem mit Blutspenden?

Und so sind nun auch die Transfusionsmediziner auf den Corona-Zug aufgesprungen. Mit der Suggestivfrage SARS-CoV-2: Gefährdet die Corona-Pandemie die Versorgung mit Blutprodukten?“ wird zur Eröffnungspressekonferenz des diesjährigen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie e.V. (DGTI) eingeladen. 4,5 Das klingt nach Dramatik im OP oder verblutenden Unfallopfern.

Doch auf den zweiten Blick sieht die Sache ganz anders aus. Tatsächlich gab es nur zu Beginn des Lockdowns, für wenige Wochen, einen signifikanten Ausfall an Spendern und damit ein echtes Problem. Das änderte sich dann schlagartig: „Parallel zu dieser ersten Welle des Spenderausfalls und der Reaktivierung von Spendern fuhren die Krankenhäuser aber ihre Elekivprogramme nach unten und in den Folgewochen war der Bedarf deutlich geringer. Um etwa 30 % ging der Gesamtverbrauch in Deutschland zurück. Sodass dann ausreichend Blut da war“, erläutert der saarländische Transfusionsmediziner Professor Hermann Eichler.

Angst vor Corona oder heißes Sommerwetter?

Und nun, weil wieder normal operiert wird, fehlt es an Blutspendern. Schuld sei die Angst, sich bei der Spende mit Corona zu infizieren, so wird insinuiert. Nur, auf gezielte Nachfrage erfährt man Erstaunliches: „Aktuell ist sicherlich das heiße Sommerwetter und die Urlaubszeit der Hauptgrund für die Problematik. Aber es ist eben auch die Angst der Menschen sich zu infizieren“, erklärt der Transfusionsexperte. Doch konkrete Zahlen gibt es keine. „Ich kann im Moment nicht sagen, wie hoch der Prozentsatz ist, der coronabedingt zu einer Zurückhaltung führt, aber es ist sicherlich ein relevanter Prozentsatz“, betont Eichler.

Schlagzeilen ohne valide Daten

Dabei hätte ein simpler Vergleich der jährlichen Spenderzahlen – zumindest an der eigenen Blutbank – schnell Auskunft über die Dimension des vermeintlichen Coronaeffekts geben können. Solche Zahlen müssten für das eigene Institut doch vorrätig sein? Offen bleibt auch die Frage, in welchem Umfang das gegenwärtige Spenderdefizit klinisch relevant wird, etwa weil OPs ausfallen. Allzu viele können es nicht sein, denn die meisten „blutigen“ Eingriffe kann man mit einem Cellsaver, ganz ohne Blutkonserven, durchführen. Aber egal: In die Schlagzeilen kommt man problemlos immer noch ohne valide Daten.

  1. Pressekonferenz des Bundesverbands Deutscher Pathologen (BDP). Klinische Obduktion bei COVID-19-Erkrankung. 20. Aug. 2020. Aufgerufen am 20. Sept. 2020. Pressemappe >>
  2. Deutscher Pathologenverband veröffentlicht neue Zahlen: 86 Prozent sterben wegen, nicht mit Corona. Bild.de, 21. Aug. 2020. Aufgerufen am 20. Sept. 2020.
  3. COVID-19 bei Mehrzahl der Betroffenen auch die Todesursache. Deutsches Ärzteblatt, 20. Aug. 2020. Aufgerufen am 25. Sept. 2020.
  4. Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI). SARS-CoV-2: Gefährdet die Corona-Pandemie die Versorgung mit Blutprodukten? Sept. 2020. Aufgerufen am 25. Sept. 2020.
  5. Online-Pressekonferenz anlässlich der 53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI), 14. Sept. 2020.

Bildquelle: © GettyImages/https://www.facebook.com/PlargueDoctor

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