12. Mai 2020

Blick über den Tellerrand

USA: „Wir entlassen alle Patienten mit Sauerstoff nach Hause“

Die aktuelle Covid-19-Situation in den USA ist auch hierzulande ein heiß diskutiertes Thema. Dr. Peter Niemann behandelt täglich bis zu zehn Covid-19-Patienten in einem US-Krankenhaus (Nobles County, Minnesota). Im Interview teilt er seine Erfahrungen in Bezug auf Diagnostik und Therapie.

Lesedauer: 3 Minuten

Interview: Marina Urbanietz

Wie viele Covid-19-Patienten behandeln Sie gerade?

Dr. Niemann: Meine Kollegen und ich behandeln derzeit täglich zwischen fünf und zehn Covid-19-Patienten. Da wir ein kleines, ländlich gelegenes Krankenhaus sind, können wir maximal zehn Patienten auf unsere Covid-19-Station aufnehmen, die sowohl Intensiv- als auch Normalstation ist. Alle anderen Patienten werden entweder per Hubschrauber oder mit dem Krankenwagen in ein größeres Krankenhaus gebracht oder – bei leichteren Verläufen – direkt aus der Notaufnahme mit Sauerstoff und ggf. Therapie nach Hause entlassen.

Welche Patientinnen und Patienten haben Sie überwiegend (Alter, Vorerkrankungen, etc.)?

Dr. Niemann: Unsere jüngste Patientin, die stationär aufgenommen werden musste, war 28 Jahre alt. Der älteste Patient, an den ich mich erinnern kann, war 74. Dabei hatten alle Patienten Vorerkrankungen (u.a. Diabetes, Hepatitis, etc.) und/oder Risikofaktoren, wie z. B. Übergewicht (BMI > 30). Auffällig ist außerdem, dass wir mehr Männer als Frauen haben.

Die meisten Patienten mit schweren Verläufen gehören zu den ethnischen Minderheiten.  In unserem Krankenhaus handelt es sich hauptsächlich um Hispanics und Asiaten. Bei den meisten Patienten brauchen wir einen Übersetzer – dies erschwert die Situation für uns als Behandler zusätzlich.

Wie sieht das diagnostische Vorgehen in Ihrem Krankenhaus aus?

Dr. Niemann: Patienten mit Verdacht auf SARS-CoV-2 werden gleich in der Notaufnahme isoliert. Danach wird ein Nasenabstrich durchgeführt. Die Testergebnisse haben wir nach etwa einer Stunde. Bei den positiv getesteten Patienten werden routinemäßig D-Dimer-, Ferritin- und LDH-Werte bestimmt plus ein paar andere Parameter, die wir dann im Verlauf regelmäßig kontrollieren. Bei erhöhten D-Dimeren wird ein CT des Thorax veranlasst. Wir behandeln hauptsächlich mit Sauerstoff (in der Regel 1-4 L O 2 /min bei SpO 2 ≤93%. In Ausnahmefällen gehen wir sogar bis 60 L O 2 /min).

Mindestens die Hälfte der Patienten wird gleich aus der Notaufnahme wieder nach Hause geschickt – zum Teil mit Sauerstoff, zum Teil mit Sauerstoffsättigungs-Messgeräten. Zuhause werden sie dann regelmäßig von einer Krankenschwester besucht. 

Sind auf dem Lungen-CT spezifische Covid-19-Merkmale sichtbar? Oder sehen die Bilder genau so aus, wie jede andere virale Pneumonie?

Dr. Niemann: Mit bloßem Auge kann man keine spezifischen Muster erkennen. Das sind primär basale posteriore Infiltrate, die – in Extremfällen – von den Basen bis in die Spitzen hineinreichen. Nur die anterioren Felder bleiben oft ausgespart.

Wie genau gehen Sie bei der Therapie vor, medikamentös und auch beatmungstechnisch?

Grundsätzlich gibt es in den USA 4 Therapie-Strategien:

  • Hydroxychloroquin plus Azithromycin: Dies ist die in unserem Krankenhaus bevorzugte Therapie. Die Therapiedauer: 5 Tage. Dabei ist es wichtig, die QT-Zeit laufend zu monitoren, weil es in manchen Fällen zu Arrhythmien kommen kann.
  • Interleukin-6-Rezeptor-Inhibitor Tocilizumab: Wir setzen Tocilizumab nicht in unserem Krankenhausverbund ein. Es wird aber in einer Reihe von Krankenhäusern eingesetzt – vor allem bei schwereren Verläufen. In manchen Fällen scheint es erfolgversprechend zu sein, auch wenn ich das Präparat als teuer einschätze. Wir versuchen Erfahrungen zu sammeln, indem wir die Interleukin-6-Spiegel bei Patienten mit schweren Verläufen bestimmen, um dann besser abschätzen zu können, ob wir es in naher Zukunft auch einsetzen wollen.
  • Remdesivir: In unserem Krankenhaus dürfen wir mit Remdesivir nicht behandeln. Diese Therapie ist in den USA nur in den ausgewählten „Spezial-Kliniken“ zugelassen. Die Kolleginnen und Kollegen, die damit arbeiten, scheinen mit den Ergebnissen sehr zufrieden zu sein. Ich selbst kann es noch nicht beurteilen.
  • Plasmatherapie: In sehr schweren Fällen wird die Plasmatherapie angewendet – bisher mit guten Ergebnissen. Es ist allerdings immer die letzte Option (wenn z. B. 60 L O 2 /min nicht mehr ausreichen).

Zur Beatmung: Wir versuchen nicht zu intubieren, sondern ausschließlich mit Sauerstoff zu behandeln. Wir empfehlen jedem Patienten die Bauchlage, weil hierbei die Sauerstoffwerte am besten sind. Falls dies nicht möglich ist, versuchen wir die Seitenlage. Aufgrund des Übergewichtes der allermeisten Patienten werden jedoch sowohl die Bauch- als auch die Seitenlage nicht gut toleriert.

Ein aus meiner Sicht wichtiger Punkt: Wir versuchen die Patienten, so schnell wie möglich nach Hause zu entlassen, weil wir merken, dass sie in den Isolierungszimmern schnell den sogenannten „Krankenhaus-Koller“ kriegen. Dabei werden fast alle mit Sauerstoff (1-4 L O 2 /min) entlassen, sodass sie in den nächsten 1-2 Wochen die Sauerstofftherapie Zuhause fortsetzen können.

Vitamine: Ergänzend bekommen bei uns die meisten Covid-19-Patientinnen und Patienten auch einige Vitamine (Vitamin C: 1000 mg täglich; Vitamin D: zwischen 1000 und 5000 Einheiten; Zink: 220 mg Zinksulfat; Magnesium: abhängig vom Magnesiumspiegel, meist 400 mg Magnesiumoxid und manchmal Melatonin: 1-2 mg).

Wie ist die durchschnittliche Dauer des Krankenhausaufenthaltes?

Dr. Niemann: Die meisten Patienten kommen zu uns erst ca. 1 Woche nach Auftreten der Symptomatik. Im Durchschnitt bleiben sie 7-10 Tage bei uns. Dann, wie gesagt, wird fast jeder mit Sauerstoff entlassen. Bis heute konnten wir alle Patienten nach Hause entlassen. Nur eine Patientin mit Krebs im fortgeschrittenen Stadium und einem positiven SARS-CoV-2-Nachweis ist leider verstorben.

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