12. November 2020

Covid-19 verschlimmert Tinnitus-Symptome

Psychosoziale Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Einzelpersonen fördern Tinnitus-Symptome. In manchen Fällen kann chronischer Tinnitus sogar die Langzeitfolge einer SARS-CoV-2-Infektion sein. Dies zeigen Ergebnisse einer aktuellen Studie zur Belastung von Tinnitus-Patienten in der Covid-19-Pandemie. 1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Quelle: Beukes et al.: „Changes in Tinnitus Experiences During the COVID-19 Pandemic“ in Frontiers in Public Health (2020). Redaktion: Dr. Linda Fischer.

Soziale Isolation kann den Gesundheitszustand beeinträchtigen

Im Zuge der direkten Mensch-zu-Mensch-Übertragung des SARS-CoV-2-Virus wurden in vielen Ländern soziale Interaktionen eingeschränkt und die Bevölkerung angehalten zu Hause zu bleiben. Im Zuge der direkten Mensch-zu-Mensch-Übertragung des SARS-CoV-2-Virus wurden in vielen Ländern soziale Interaktionen eingeschränkt und die Bevölkerung angehalten, zu Hause zu bleiben. Menschen mit chronischem Tinnitus sind in der Pandemie besonders vulnerabel, da sie unter anderem einem höheren Risiko ausgesetzt sind an Depressionen zu erkranken und an Angststörungen zu leiden. In der vorliegenden Studie wurde sowohl der Einfluss einer SARS-CoV-2-Infektion als auch die psychosozialen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Symptome von Tinnitus-Erkrankten untersucht. 1

Wie nehmen Betroffene den Tinnitus in der Covid-19-Pandemie wahr?

In der explorativen Querschnittsuntersuchung der Anglia Ruskin University (ARU) wurde in Zusammenarbeit mit der British Tinnitus Association und der American Tinnitus Association der Einfluss von Covid-19 auf den Tinnitus behandelt. Dazu wurden online insgesamt 3103 erwachsene Tinnitus-Erkrankte (Durchschnitt: 58 ± 14 Jahre) aus 48 Ländern (49% Nordamerika, 47% Europa) zu folgenden Bereichen befragt: 1,2

  • Demographische Informationen (Ethnie, Tinnitus-Dauer, Lebenssituation)
  • Schweregrad des Tinnitus während der Pandemie, gemessen anhand einer vereinfachten Version des Tinnitus Handicap Inventory (THI)
  • Covid-19-assoziierte Fragen zu Einhaltung der Richtlinien der sozialen Kontaktbeschränkungen, Covid-19-Symptomen und Medikamenteneinnahmen
  • Finanzielle und emotionale Auswirkungen der Covid-19-Auflagen
  • Coping-Strategien in Form von sozialer oder professioneller Unterstützung

  • Gesamt Score

    • 0-16 Punkte: Leicht – Tinnitus nur in leiser Umgebung hörbar
    • 18-36 Punkte: Milde – Tinnitus kann leicht von Geräuschen übertönt und bei Aktivitäten vergessen werden
    • 38-56 Punkte: Mäßig – Tinnitus wird auch in Präsenz von Hintergrundgeräuschen wahrgenommen, der Alltag kann noch bewältigt werden
    • 58-76 Punkte: Schwer – Tinnitus wird fast immer wahrgenommen, führt zu Schlafproblemen und beeinträchtigt den Alltag
    • 78-100 Punkte: Katastrophal – Tinnitus wird immer wahrgenommen, stört den Schlaf und behindert jegliche Aktivität 4

32% der Patienten mit höherer Tinnitus Belastung seit der Pandemie

Neben Befragten, die seit durchschnittlich 13,6 Jahren mit leichtem, chronischem Tinnitus leben (THI: 17 ± 10 Punkte) berichtet die Studie von sieben Fällen, bei denen der Tinnitus durch Covid-19-Symptome getriggert wurde und von vier Fällen, die einen Hörverlust erlitten. In Einzelfällen könnte chronischer Tinnitus demnach eine Langzeitfolge der Covid-19-Erkrankung sein.

32% der gesamten Tinnitus-Patienten, insbesondere Frauen und Erwachsene unter 50 Jahren, fühlten sich durch soziale und emotionale Folgen der Pandemie mehr von dem bereits zuvor existierenden Tinnitus beeinträchtigt. 1% der Patienten berichtete von schwächeren Tinnitus-Symptomen, 67% gaben keine Veränderung der Symptomatik an.

Zusätzlich wurden alle Tinnitus-Patienten in zwei Gruppen eingeteilt: Diejenigen mit Covid-19-Symptomen und symptomfreie Patienten. 40% der Gruppe mit Covid-19-Symptomen (95 von 237) gaben an, stärkere Tinnitus-Symptome mit Beginn der Covid-19-Erkrankung wahrzunehmen. 54% berichteten dagegen keinen Unterschied in der Tinnitus-Symptomatik, 6% dokumentierten reduzierte Tinnitus-Symptome.

Zudem wurde ein Teil der Patienten mit Covid-19-Symptomen auf das SARS-CoV-2-Virus getestet: Bei 18% der Patienten fiel das Testergebnis positiv aus, von welchen wiederum 58% berichteten, dass sich die Tinnitus-Symptome seit der Infektion verschlimmert hatten. 1,3

Interne und externe Faktoren beeinflussen Tinnitus-Symptome

Einflussfaktoren für signifikant stärkere Tinnitus-Symptome sind laut der Umfrage Folgen der Kontaktbeschränkungen: Isolation und Einsamkeit, Schlafprobleme, Bewegungsmangel, ein erhöhtes Depressionslevel, Angstzustände, Reizbarkeit, finanzielle Sorgen und erhöhter Kaffee- und Alkoholkonsum. Darüber hinaus begünstigte der in Folge der Pandemie erschwerte Zugang zu unterstützenden Maßnahmen im Gesundheitswesen für vermehrte emotionale Belastung und verstärkte Tinnitus-Symptome.

Erstautor der vorliegenden Studie und wissenschaftlicher Mitarbeiter der ARU in Cambridge (Vereinigte Staaten) und der Lamar University in Texas, Dr. Eldré Beukers sagt, die Studienergebnisse unterstreichen die Komplexität der Tinnitus-Wahrnehmung und zeigen den signifikanten Einfluss interner und externer Faktoren auf die Erkrankung. 1,3

  1. Beukes et al.: „Changes in Tinnitus Experiences During the COVID-19 Pandemicin Frontiers in Public Health (2020)
  2. Vindegaard und Benros: “COVID-19 pandemic and mental health consequences: Systematic review of the current evidencein Brain, Behavior, and Immunity (2020)
  3. ScienceDaily: “COVID-19 is making tinnitus worse, new study finds: New research also indicates that hearing loss could be ‘long COVID‘ symptom.“ (05.11.2020); Source: Anglia Ruskin University.
  4. TinnitusFormula: Tinnitus Handicap Inventory (article); abgerufen am 12.11.2020

Bildquelle: © Getty Images / vitapix

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