03. Juli 2020

SARS-CoV-2: Diese Organsysteme können betroffen sein

Nach Ausbruch der Covid-19-Epidemie wird immer deutlicher, dass es sich nicht nur um eine reine Atemwegsinfektion handelt. Die Liste möglicher Symptome wird immer länger und zahlreiche Organsysteme können betroffen sein. Die Verteilung der ACE2-Rezeptoren im Körper scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen.1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Redaktion: Maria Weiß

Bei manchen Erkrankungen kann es Jahre dauern, bis man die verschiedenen Pathomechanismen der Infektion voll erfasst hat. Dies gilt insbesondere, wenn zahlreiche Organsysteme betroffen sind. Bei SARS-CoV-2 steht man hier im Prinzip  immer noch ganz am Anfang, beschreiben US-Mediziner die Lage.

Zumindest weiß man schon, dass auch SARS-CoV-2 den ACE2-Rezeptor als Eintrittspforte in die Zellen nutzt. Diese Rezeptoren befinden sich nicht nur in der Lunge, sondern auch in vaskulären Endothelzellen, in den Nierentubuli, im Gastrointestinaltrakt und sogar in den Hoden. Die Infektion dieser Zellen  scheint aber nur ein Weg zu sein, über den die Viren verheerenden Schaden anrichten. Patienten mit schwerem Covid-19-Verlauf zeigen häufig auch eine überschießende Immunantwort und können Thrombosen mit verschiedenen Organmanifestationen entwickeln.

Für ein besseres Verständnis der Erkrankung folgten die Wissenschaftler weltweit der Verteilung der ACE2-Rezeptoren im Körper.

Darm: ACE2-Rezeptoren findet man in Enterozyten des Dünn- und Dickdarms. Die Infektion dieser Zellen ist verantwortlich für Symptome wie Durchfall, Übelkeit und Bauchschmerzen, über die etwa ein Drittel der Covid-19-Patienten berichten.   

Niere: Auch die Nierentubuluszellen sind voll von ACE2-Rezeptoren. Dies könnte erklären, warum nach den Ergebnissen einer Studie 78 % von Covid-19-Patienten auf Intensivstationen ein akutes Nierenversagen entwickeln.

Geschmackssinn: Etwa 40 % der Covid-19-Patienten berichten über einen Verlust von Geruchs- und/Geschmackssinn. Dies ist nicht erstaunlich, da die ACE2-Expression in den Nasenepithelien mit am höchsten ist. Anders als bei anderen Atemwegerkrankungen geht der Geruchssinn hier nicht durch die Entzündung der Nasenschleimhaut mit Schwellung verloren, sondern durch eine direkte Schädigung der Zellen. Auch in den Keratozyten der Zunge befinden sich ACE2-Rezeptoren, sodass der Geschmacksverlust nicht nur sekundär auf den Verlust des Geruchssinns zurückzuführen ist.

Der Verlust von Geruchs- und Geschmacksinn ist ein sehr frühes Symptom, das schon Tage vor einem positiven Rachenabstrich auftreten kann. Bei einer Untersuchung von 77.167 Menschen, die auf SARS-CoV-2 getestet wurden, war die Häufigkeit von Geruchs- und Geschmacksverlust in der Woche vor der Diagnose 27 mal häufiger als bei nicht Infizierten – und damit wesentlich spezifischer als z.B. Fieber, Schüttelfrost oder Husten und Atemprobleme.

Lunge: Die Alveolarzellen sind reichlich mit ACE2-Rezeptoren ausgestattet. Bei Infektion verlieren diese Zellen ihre Funktion oder sterben ab, was zu einem ARDS (acute respiratory distress syndrome) führen kann. Nach neueren Untersuchungen können auch Megakaryozyten in den Lungen betroffen sein. Diese infizierten Zellen gelangen dann in den Kreislauf und können hier in allen möglichen Lokalisationen zu Thrombosen und Gefäßverschlüssen führen.

Pankreas: Auch in der Bauchspeicheldrüse ist die Expression von ACE2-Rezeptoren hoch. Chinesische Wissenschaftler konnten bei 17 % schwer erkrankter Covid-19-Patienten Biomarker für eine Pankreasschädigung nachweisen.

Herz: Patienten mit schwerem Covid-19-Verlauf zeigen eine hohe Inzidenz an Herzstillstand und Arrhythmien. Dies kann zum einen durch die überschießende Immunantwort bedingt sein – zum anderen aber auch durch eine direkte Schädigung der ebenfalls gut mit ACE2-Rezeptoren ausgestatteten Kapillar-Endothelzellen.

Gallenblase: Auch hier sind hohe Mengen von ACE2-Rezeptoren. Die Infektion dieser Zellen könnte einen Teil der Verdauungsstörungen erklären.

Möglicherweise ist der ACE2-Rezeptor aber auch nicht die einzige Erklärung für das Krankheitsgeschehen. Nach Aussage der Wissenschaftler könne man nur hoffen, dass SARS-CoV-2 nicht noch mehr böse Überraschungen im Gepäck hat.

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