16. Juli 2020

Covid-19

Neurologische Symptome im Blick behalten

Seit Dezember 2019 sind weltweit mindestens 10 Millionen Menschen an Covid-19 erkrankt und 500.000 Menschen daran verstorben. Nachdem respiratorische Symptome anfangs im Vordergrund standen, mehren sich jetzt die Berichte über eine Beteiligung des zentralen und peripheren Nervensystems.1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Maria Weiß

Um erste Informationen über mögliche neurologische Komplikationen der Infektion mit SARS-CoV-2 zusammenzutragen, etablierten Ross W. Paterson und Kollegen vom National Hospital for Neurology and Neurosurgery in London ein wöchentliches interdisziplinäres virtuelles Meeting, um Patientenfälle mit Covid-19 und damit in Zusammenhang stehende neurologische Symptomen zu diskutieren.

Insgesamt konnten hier bisher 43 Fälle (24 Männer und 19 Frauen, Alter 16 bis 85 Jahre) ausgewertet werden. Bei 29 Patienten lag eine bestätigte Covid-19-Erkrankung vor, bei 8 war sie sehr wahrscheinlich und bei 6 möglich. Dabei ließen sich verschiedene zentrale und periphere neurologische Erkrankungsmuster erkennen.

ZNS-Beteiligung

Enzephalopathie

Insgesamt 10 Patienten entwickelten eine parainfektiöse oder septische Enzephalopathie. Diese Patienten waren zumeist über 50 Jahre alt (im Mittel 57,5 Jahre), ZNS-Bildgebung und Liquorbefunde waren in allen Fällen zum Zeitpunkt der Untersuchung unauffällig. Die häufigsten Symptome waren Verwirrtheit und Desorientierung, in einem Fall kam es zu einer Psychose und bei einem Patienten traten epileptische Anfälle auf. 7 von 10 Patienten erholten sich vollständig, bei 2 kam es inzwischen zu einer partiellen Besserung.

Neuroinflammatorische ZNS-Syndrome

12 Patienten (27 bis 66 Jahre) entwickelten neuroinflammatorische ZNS-Symptome. 2 dieser Patienten hatten eine para- oder postinfektiöse Enzephalitis – die übrigen 9 eine akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM). Von den ADEM-Patienten zeigten 4 Hämorrhagien in der ZNS-Bildgebung und einer eine Nekrose. Bei 3 Patienten lag eine Myelitis vor, bei einem von ihnen zusätzlich zu den Veränderungen im Gehirn.

Die klinischen Symptome waren weit gefächert, 7 der 12 Patienten wiesen Bewusstseinsstörungen auf und 10 Symptome des oberen Motoneurons. Das Auftreten von ADEM war nicht mit der Schwere einer Covid-19-Erkrankung assoziiert. Nur ein Patient hat sich bisher komplett erholt, ein Patient ist verstorben und 10 zeigen teilweise Besserungen der neurologischen Symptome.

Schlaganfälle

8 Patienten (im Mittel 62,5 Jahre) erlitten ischämische Schlaganfälle im Rahmen einer Hyperkoagulabilität. Bei allen der 6 durchgeführten Messungen zeigten sich signifikant erhöhte D-Dimere und bei der Hälfte der Patienten wurde eine Lungenembolie nachgewiesen. Alle Patienten erhielten eine antikoagulative Therapie, ein Patient ist verstorben und 7 zeigten eine inkomplette Besserung.

Periphere neurologische Symptome

8 Patienten wiesen periphere Syndrome auf, davon 7 ein Guillain-Barré-Syndrom (GBS) mit kranialer und peripherer Neuropathie und einer eine brachiale Plexopathie. Bei 3 dieser Patienten war eine Behandlung auf der Intensivstation erforderlich. Bei 5 der 7 GBS-Patienten ist eine Besserung mit weiterbestehenden Restsymptomen eingetreten.

Sonstige bzw. uncharakteristische Veränderungen

5 Patienten ließen sich schwer in eine dieser Kategorien einordnen. Dazu gehörte ein Patient mit einer Myelopathie bei normaler Bildgebung und ein Patient mit einer beidseitigen Abducens-Parese bei erhöhtem Hirndruck. Ein komplexer pädiatrischer Fall war ein Kind mit angeborener Entwicklungsstörung und stabil eingestellter Epilepsie, das während der Covid-19-Erkrankung einen Status epilepticus entwickelte, bei einem weiteren Patienten kam es zu einem bakteriellen Hirnstammabszess.

Ein 27-jähriger Patient mit akuter myeloischer Leukämie und Covid-19 entwickelte Krampfanfälle bei Nachweis von Mikrohämorrhagien.

Landesweite Registerdaten aus Großbritannien

Von solchen kleineren Fallserien zu neurologischen Komplikationen gibt es inzwischen mehrere. In Großbritannien haben sich jetzt die Fachgesellschaften der Neurologen, Schlaganfallspezialisten und Psychiater zusammengetan, um landesweit alle Fälle von Patienten mit Covid-19 und neurologischen Symptomen zusammenzutragen.2 Dazu gehörten zerebrovaskuläre Ereignisse wie ischämische oder hämorrhagische Schlaganfälle,  ein veränderter mentaler Status (z.B. Persönlichkeitsveränderungen und Verhaltens- und Bewusstseinsstörungen) sowie periphere neurologische Symptome.

Mentale Veränderungen häufig auch bei jüngeren Patienten

Zwischen Anfang und Ende April wurden  landesweit 153 solcher Fälle im mittleren Alter von 71 Jahren gemeldet, von denen 123 komplette Datensätze zur Verfügung standen. 77 dieser Patienten (62%) hatten ein zerebrovaskuläres Ereignis erlitten, davon 57 (74 %) einen ischämischen Schlaganfall, neu (12 %) eine intrazerebrale Blutung und einer (1 %) eine ZNS-Vaskulitis hatte. 39 der 125 Patienten (31 %) hatten einen veränderten Mentalstatus, der bei neun Patienten auf eine unspezifische Enzephalopathie und bei sieben auf eine Enzephalitis zurückgeführt wurde.

Bei den restlichen 23 Patienten wurde eine psychiatrische Diagnose gestellt, davon bei zehn eine neu aufgetretene Psychose, bei sechs ein demenzähnliches kognitives Syndrom und bei vier eine affektive Störung. Auffälligerweise waren die Patienten mit mentalen Veränderungen deutlich jünger als die Patienten mit zerebrovaskulären Ereignissen (49 % vs. 18 % unter 60 Jahre).

Beide Untersuchungen zeigen das breite Spektrum an möglichen neurologischen Manifestationen und Symptomen bei Covid-19. Insbesondere Schlaganfälle, eine z.T. mit Hirnblutungen einhergehende akute disseminierte Enzephalomyelitis und eine unspezifische Enzephalopathie scheinen relativ häufig aufzutreten.

Um die zugrundeliegenden pathobiologischen Mechanismen besser zu verstehen und entsprechende Therapiestrategien zu entwickeln, sollte in weiteren klinischen Studien nach neuroradiologischen und neuropathologischen Veränderungen sowie möglichen Biomarkern gesucht werden. Weiterhin sind Langzeit-Follow-Up-Studien bei Covid-19-Patienten erforderlich, um die Prognose abzuschätzen.

Neurologische Schäden von Covid-19: Welche Fragen haben Sie?

Ende August wird die coliquio-Redaktion ein kostenloses Webinar für alle coliquio-Mitglieder zum Thema „Neurologische Schäden von Covid-19“ veranstalten. Dabei wird es sowohl um die Akutphase der Erkrankung als auch um den aktuellen Stand der Forschung bezüglich der neurologischen Langzeitschäden gehen. Hierfür haben wir Experten aus dem Bereich der Neurologie eingeladen. Gerne können Sie Ihre Fragen an die Experten bereits jetzt im Kommentarfeld unter diesem Beitrag schreiben oder an medizinredaktion@coliquio.de senden.

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