11. September 2020

Covid-19 ist keine Grippewelle

Im kürzlich veröffentlichten Epidemiologischen Bulletin zeigt das Robert-Koch-Institut anhand des Krankenhaus-Sentinels für kritische Atemwegsinfektionen der letzten 5 Jahre, warum die Covid-19-Pandemie keine gewöhnliche Grippewelle ist.1-2

Lesedauer: 3,5 Minuten

Dieser Artikel basiert auf der Veröffentlichung von Tolksdorf et al. (2020) im Epidemiologischen Bulletin.1 Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera.

Daten aus dem deutschen Krankenhaus-Sentinel

Die Daten stammen aus dem Krankenhaus-Sentinel ICOSARI, das seit 2014 in 70 Akutkrankenhäusern bundesweit Fälle schwerer akuter Atemwegsinfektionen erfasst und damit etwa 6% der in Deutschland stationär aufgenommenen Patienten. Dafür kooperiert das Robert-Koch-Institut mit der Helios Kliniken GmbH. 2

Verglichen wurden Patienten, die von 2015 bis 2019 in den Kalenderwochen 3-11 aufgenommen wurden und einen ICD-10-Code J09-J22 erhielten. Ihnen gegenübergestellt wurden Patienten, die im Jahr 2020 in den Kalenderwochen 10-18 aufgenommen worden und zusätzlich zu J09-J22 den ICD-10-Code U07.1! für einen positiven SARS-CoV-2-Labortest hatten.

Ausgeschlossen waren in der Grippe-Kohorte Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren. Der Grund dafür ist bereits der erste Unterschied zwischen den beiden Erkrankungen, denn in den Grippewellen lag der Anteil der Kinder unter 15 Jahren bei 17%, in der Covid-19-Kohorte lediglich bei 0,1%.

Insgesamt wurden 1426 Covid-19-Patienten mit 69.573 Patienten mit anderen akuten Atemwegserkrankungen verglichen, alle Daten stammen von hospitalisierten Patienten.

Altersstruktur sehr ähnlich, außer bei den milden Fällen

Die verstorbenen Patienten der beiden Kohorten sind im Median 81 Jahre alt. Patienten, die auf einer Intensivstation behandelt oder sogar beatmet werden mussten, waren in der Kontrollgruppe nur wenige Jahre älter, der Median rangiert hier zwischen 71 und 76 Jahren. Diejenigen Patienten, die ohne Intensivbehandlung wieder nach Hause entlassen werden konnten, waren in der Covid-19-Gruppe jedoch mit 64 Jahren im Median deutlich jünger als in der Kontrollkohorte mit 76 Jahren.

Covid-19-Patienten brauchten häufiger Intensivbehandlung

In der Covid-19-Patientengruppe waren 37% der Patienten intensivpflichtig, 22% mussten beatmet werden, 21% verstarben. Dahingegen waren in der Kontroll-Gruppe 32% der Betroffenen auf der Intensivstation, 14% wurde beatmet und 12% sind verstorben. Im Vergleich dazu konnten in der Kontroll-Gruppe mehr Patienten ohne intensivmedizinische Behandlung entlassen werden als in der Covid-19-Gruppe. Eine Übersicht über die Zahlen mit den Konfidenzintervallen gibt Tabelle 1.

Covid-19-Gruppe
n = 1426
Kontroll-Gruppe (2015-2019)n = 69573
Intensivpflichtig37 % [35;40]32 % [30;34]
Beatmet22 % [20;24]14 % [13;15]
Verstorben21 % [19;23]12 % [11;12]
Ohne Intensivbehandlung entlassen43 % [40;46]55 % [53;58]

Tabelle 1: Vergleich Covid-19-Patienten mit Kontroll-Patienten der Vorjahre; Anteil in % [95% Konfidenzintervalle]. Modifiziert nach Tolksdorf et al. 1

Covid-19-Patienten wurden mehr als doppelt so lange beatmet

Covid-19-Patienten waren im Median 2 Tage länger im Krankenhaus als die Kontroll-Patienten. Diese Differenz beruht besonders auf denjenigen Betroffenen, die eine intensivmedizinische Behandlung benötigten. So dauerte die Beatmung bei Covid-19-Patienten im Median 10 Tage, in der Kontrollkohorte dabei 4 Tage. Kein Unterschied in der Behandlungsdauer entstand bei denjenigen Patienten, die ohne intensivmedizinische Behandlung entlassen werden konnten.

Bei Betrachtung des zeitlichen Ablaufs zeigte sich, dass nach 14 Tagen bei 85,6% der Kontroll-Patienten die intensivmedizinische Behandlung beendet werden konnte, jedoch lediglich bei 73,9% der Covid-19-Patienten. Nach 28 Tagen waren 94,6% der Kontroll-Patienten nicht mehr auf der Intensivstation, aber nur 88,0% der Covid-19-Patienten.

Wie sind die Ergebnisse einzuordnen?

In dieser statistischen Auswertung wurde kein exklusiver Vergleich zwischen Erkrankungen, die durch eine Influenza-Infektion ausgelöst wurden, und einer Sars-CoV-2-Infektion gezogen. Stattdessen liegt hier eine Gegenüberstellung der Covid-19-Welle in Deutschland mit schweren akuten Atemwegserkrankungen aus den 5 vorherigen Grippe-Saisons vor.

Es ist aus der Originalquelle nicht ersichtlich, wie sich die Kontrollkohorte aus den einzelnen Diagnosen, die in ICD-10 J09-J22 enthalten sind, zusammensetzt. In einem anderen epidemiologischen Bulletin wurde ein Vergleich zwischen chinesischen Covid-19-Patienten und deutschen Pneumoniepatienten aus dem ICOSARI-Sentinel veröffentlicht.

Vielmehr handelt es sich bei der vorliegenden Publikation um eine Beschreibung, inwiefern sich die Erkrankung, die das neue Coronavirus auslöst, von den bisher bekannten, akuten Atemwegsinfekten abgrenzt. Dabei wird deutlich, dass diejenigen Covid-19-Patienten, die schwer erkranken, deutlich mehr intensivmedizinische Ressourcen benötigen, als der „durchschnittliche“ Patient mit einer vergleichbar schweren Atemwegserkrankung. Damit bestätigt die Statistik den persönlichen Eindruck vieler Intensivmediziner, die diese Patienten behandeln.

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt auf Grundlage der vorliegenden Daten, dass für die kommende Grippewelle 2020/21 mehr intensivmedizinische Ressourcen, darunter besonders Beamtungsplätze, vorgehalten werden sollten, als es in den letzten Saisons der Fall war. Die Originalpublikation finden Sie hier.

Eine Einordnung des epidemiologischen Gesamtgeschehens in Deutschland und eine statistisch fundierte Kritik an zu restriktiven Schutzmaßnahmen hat das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. kürzlich veröffentlich. Lesen Sie hier mehr.

  1. Tolksdorf K, Buda S, Schuler E, Wieler LH, Haas W: Eine höhere Letalität und lange Beatmungsdauer unterscheiden COVID-19 von schwer verlaufenden Atemwegsinfektionen in Grippewellen. Epid Bull 2020;41:3–10 DOI 10.25646/7111
  2. Robert-Koch-Institut: Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan – COVID-19 – neuartige Coronaviruserkrankung (Stand 04.03.2020)

Bildquelle: © gettyImages/Tempura

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