18. September 2020

Wird Covid-19 eine saisonale Erkrankung?

Die anfängliche Hoffnung, dass Covid-19 wie die Influenza im Sommer Pause macht, hat sich so nicht erfüllt. Eine gewisse Saisonalität ist aber nicht ausgeschlossen, was eine weitere starke Welle in den kommenden Wintermonaten befürchten lässt. Amini Audie von der Universität Beirut und Kollegen fassen in einem Übersichtsartikel das Wissen dazu zusammen.1

Lesedauer: 2 Minuten

Die meisten viralen Atemwegerkrankungen zeigen vor allem in gemäßigten Klimazonen die höchste Inzidenz in den Wintermonaten. Das gilt auch für die durch altbekannte Coronaviren (HCoV) hervorgerufenen Erkältungskrankheiten: Sie treten vorwiegend im Winter und Frühjahr auf und die Viren zirkulieren ansonsten nur gering.

Kälte lässt respiratorische Viren stabiler werden

Diese klare Saisonalität respiratorischer Viren wird auf verschiedene Ursachen zurückgeführt. Die niedrigeren Temperaturen scheinen einen positiven Einfluss auf die Stabilität der Viren zu haben, wie es z.B. für Influenza-Viren gezeigt wurde. Dadurch können die Viren längere Zeit außerhalb des Körpers überleben. Außerdem ist die Übertragung durch Aerosole bei niedrigen Temperaturen und geringerer relativer Luftfeuchtigkeit offensichtlich am höchsten. Eine weitere Rolle könnte im Sommer das UV-Licht spielen, das Viren direkt inaktivieren kann.

Höhere Infektionsanfälligkeit im Winter

Die klimatischen Bedingungen beeinflussen auf der anderen Seite auch die Anfälligkeit der Menschen für Infektionen. Ob kaltes Wetter direkt das Immunsystem schwächt, wird kontrovers diskutiert. Einiges weist aber darauf hin, dass eine kalte trockene Umgebung einen immunsuppressiven Effekt hat und dadurch das Risiko für Infektionen erhöht. Auch die lokale Abwehr in oberen und unteren Atemwegen und die Zilienaktivität könnte geschwächt werden. Ebenfalls postuliert wurde eine Assoziation zwischen niedrigeren Vitamin-D-Spiegeln und höheren Infektionsraten in den Wintermonaten. Auch das verstärkte Zusammentreffen vieler Menschen in geschlossenen Räumen könnte natürlich eine Rolle spielen.

Saisonalität auch für Covid-19?

Wie sieht es jetzt aber mit SARS-CoV-2 aus? Zu Beginn der Pandemie sah es so aus, als ob sich Covid-19 in Ländern mit kälterem Klima leichter ausbreitet als in tropischen Regionen. Als ideal für die Virusübertragung wurden Temperaturen um 8°C und eine Luftfeuchtigkeit von 60-90 % angesehen. Durch den größeren Einfluss der Lockdown-Maßnahmen in vielen Ländern lässt sich aber zurzeit noch keine klare Aussage über eine mögliche Saisonalität treffen.

Die Frage, ob Covid-19 irgendwann genauso rein saisonal auftreten wird wie die Grippe, lässt sich somit nicht klar beantworten. Folgende Faktoren könnten aber dazu beitragen, dass uns die Erkrankung auch in den warmen Sommermonaten erhalten bleibt:

  • Die Basis-Reproduktionsrate (R0) ist höher als z.B. bei Influenza.
  • SARS-CoV-2 ist deutlich stabiler und kann auf Oberflächen bei Temperaturen von 21-23°C bis zu 72 Stunden überleben.
  • Die Viren treffen auf eine große immunologisch naive Population.

Ohne entsprechende Public-Health-Interventionen wird Covid-19 im Sommer somit nicht so leicht verschwinden, wie viele Beispiele in wärmeren Ländern zeigen. Wenn die Herdenimmunität aber stark zu- und R0 abnimmt, ist aber eine saisonale Fluktuation durchaus denkbar, schreibt der Autor.

  1. Amani Audie et al; Seasonality of Respiratory Viral Infections: Will COVID-19 Follow Suit?; Front. Public Health 2020; DOIhttps://doi.org/10.3389/fpubh.2020.567184

Bildquelle: © gettyImages/AlenaPaulus

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