04. Juni 2021

Covid-19

Stille Hypoxämie kann schnell lebensbedrohlich werden

Potenziell lebensbedrohliche Hypoxämien wurden auch bei Covid-19-Patienten beobachtet. Häufig wird jedoch die Symptomatik von Betroffenen nicht wahrgenommen. Eine Fallserie beschreibt typische Verläufe, um mögliche Risikofaktoren zu identifizieren.1

Lesedauer: 2 Minuten

Fallserie von fünf Patienten zur Identifikation von Risikofaktoren

Besonders gefürchtet bei Covid-19 ist das Phänomen „Silent Hypoxaemia“, bei dem es zu ausgeprägter, potenziell lebensbedrohlicher Hypoxämie kommt, die subjektiv vom Patienten kaum wahrgenommen wird. In einer Fallserie beschreiben Christian Miller vom Herzzentrum der Universität Köln typische Verläufe, um mögliche Risikofaktoren zu identifizieren. Die fünf Patienten mit stiller Hypoxämie waren zwischen 49 und 76 Jahre alt. Ein Patient verstarb, die anderen konnten nach der stationären Behandlung im guten Allgemeinzustand entlassen werden.

Exemplarischer Fall: Trotz Verschlechterung subjektives Wohlempfinden des Patienten

Exemplarisch wird der Fall eines 60-jährigen Patienten ohne kardiopulmonale Vorerkrankungen geschildert, dessen SAR-CoV-2-Infektion zuerst ambulant behandelt wurde. In den ersten 10 Tagen gab der Patient beim täglichen Telefonkontakt ein relatives Wohlergehen an – ab der zweiten Wochen klagte er über trockenen Husten, Schlafprobleme und gelegentliche Kopfschmerzen. Bei einer Erstvisite durch das neu etablierte „Medizinische Einsatzteam“ (MET) der Berufsfeuerwehr Köln am Tag 10 fühlte er sich subjektiv nur gering beeinträchtigt, klagte über Anosmie, ein diskretes Krankheitsgefühl und leichte Belastungsdyspnoe. Der pulmonale Auskultationsbefund war unauffällig.

Zwei Tage später fielen pulmonalsonografischbeginnende B-Lines in den Arealen 4 und 6 beidseits auf, die vermehrte Flüssigkeitsansammlungen in pleuralen Alveolen anzeigen. Da sich auch Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung (SpO2) verschlechtert hatten, wurde zur Klinikeinweisung geraten, was der Patient bei subjektiv immer noch gutem Wohlbefinden ablehnte. Am nächsten Tage musste er dann aufgrund einer weiteren Verschlechterung doch notfallmäßig stationär aufgenommen werden, was dem Patienten selbst immer noch unnötig erschien.

Trotz geringer subjektiver Beeinträchtigung beatmet auf der Intensivstation

Bei Aufnahme zeigten sich die Covid-19-typischen Laborwerte und basale Infiltrate im Röntgenthorax. Noch am selben Tag fiel die die SpO2 unter 85 % (unter 4 L/min O2), sodass der Patient auf die Intensivstation verlegt wurde. Dort dekompensierte er respiratorisch und musste intubiert werden. Das Thorax-CT am Tag 14 zeigte ausgeprägte bipulmonale Infiltrate und Konsolidierungen. Ab Tag 16 war bei persistierender Hypoxämie eine intermittierende Bauchlagerung erforderlich, am Tag 21 erfolgte eine Tracheotomie. An Tag 29 konnte die Beatmung beendet werden, der Patienten wurde auf die Normalstation verlegt und an Tag 43 im guten Allgemeinzustand entlassen.

Verkennung der Situation: Ähnlich wie bei der akuten Höhenkrankheit?

Warum die betroffenen Patienten selbst bei profunder Hypoxämie keine Dyspnoe empfinden, ist nicht vollständig geklärt. Eventuell kommt es zu kognitiven Einschränkungen und Verkennungen der Situation ähnlich wie bei der akuten Höherkrankheit. Die Kollegen empfehlen, die kognitiven Fähigkeiten und damit die situativ-adäquate Urteilsfähigkeit anhand entsprechender validierter Tests untersuchen. Ein normales Abschneiden im Mini-Mental-Status-Test (MMST) bedeutet aber nicht automatisch, dass die Urteilsfähigkeit erhalten ist. In dem hier untersuchten Kollektiv erlaubte die pulmonale Sonographie die frühe Detektion von Befundmustern, die auf eine drohende krisenhafte Verschlechterung hinweisen.

  1. Christian Miller et al; Silent Hypoxemia bei COVID-19: Typische Verläufe mit Implikationen für die ambulante Betreuung; Dtsch Arztebl Int (2021); 118: 8-9; DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0115

Bildquelle: © gettyImages/BackyardProduction

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