02. Oktober 2020

Lockdown bleibt nicht ohne Folgen – was sind mögliche Gesundheitsrisiken?

Ohne Zweifel hat der bundesweite Lockdown im Frühjahr 2020 die schlimmsten Auswüchse der Covid-19-Pandemie in Deutschland verhindert. Sind damit aber auch neue gesundheitliche Gefahren für die Bevölkerung entstanden? Damit hat sich PD Dr. Gabor Gäbel vom Helios Klinikum Krefeld einem Übersichtsartikel beschäftigt.1

Lesedauer: 2 Minuten

Verzögerte Notfalltherapie

Aus aller Welt wird berichtet, dass während des Lockdowns deutlich weniger medizinische Notfälle gesehen wurden. Auch in Deutschland kam es zu einer deutlichen Abnahme der Patientenzahlen, die alle Leistungsbereiche der Krankenhäuser betraf. Dies betraf zum einen elektive Eingriffe, für die bestimmte Regularien während des Lockdowns galten. Es kamen aber auch deutlich weniger Patienten mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder TIA in die Notaufnahmen. Dies kann nach Aussage des Autors mehrere Gründe haben.

Wahrscheinlich mieden einige Patienten aus Angst vor Ansteckung auch im Notfall die Gesundheitseinrichtungen, durch die Kontaktbeschränkungen könnten aber auch Infektionen als häufige Trigger von Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen weggefallen sein.

Aufgrund geschlossener Praxen und Krankenhauseinrichtungen wurde auch die Diagnostik heruntergefahren, was zu weniger Einweisungen mit dringlicher Indikation geführt hat. Dies könnte zu einer Verzögerung der Therapie mit negativen Konsequenzen für den Patienten beigetragen haben. So hätten sich auch in seiner Klinik Patienten mit peripherem Bypassverschluss erst Wochen später vorgestellt.

Höherer Konsum von Alkohol und Zigaretten

Die massiven Einschränkungen sozialer Kontakte und persönlicher Freiheit könnten sich auch negativ auf die psychische Gesundheit auswirken. Dies hat schon die Erfahrung mit der ersten SARS-Epidemie gezeigt, bei der nach der Quarantäne eine erhöhte psychische Belastung – oft in Form von posttraumatischen Belastungsstörungen – beobachtet wurde. Auch Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit nahmen zu – zumal Alkoholkonsum bei vielen Menschen ein gelernter Bewältigungsmechanismus bei Krisen aller Art ist.

Unterstützt wird der übermäßige Alkoholkonsum zudem durch den Wegfall sozialer Aufgaben und Kontrollen. In Deutschland sind die Alkoholverkäufe an Privatpersonen zu Beginn der Pandemie um 6,1 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. Auch eine Untersuchung des Zentralinstitutes in Mannheim hat gezeigt, dass mit Beginn der Ausgangsbeschränkungen deutlich mehr getrunken und geraucht wurde.

Mehr Junkfood statt frischem Gemüse

Auch die Essgewohnheiten scheinen sich durch den Stress des Lockdowns negativ verändert zu haben. Beschrieben wird ein Trend zu kohlenhydratreicherer Ernährung und ein vermehrter Verzehr der in Hamsterkäufen gehorteten, lange haltbaren Lebensmitteln mit höherem Salz- und Zuckergehalt statt frischem Obst und Gemüse. Zusammen mit der oft reduzierten körperlichen Aktivität könnte dies kardiovaskulären und metabolischen Erkrankungen Vorschub geleistet haben.

Thrombosegefahr durch mangelnde Bewegung

Durch den eingeschränkten Aktionsradius vor allem in kleinen Wohnungen und langes Sitzen ist auch ein erhöhtes Risiko für tiefe Beinvenenthrombosen (VTE) denkbar. Für Patienten mit höherem Risiko (z.B. bei VTE in der Vorgeschichte), die keine Antikoagulanzien einnehmen, sollte nach Meinung des Autors während des Lockdowns eine vorübergehende VTE-Prophylaxe in Erwägung gezogen werden.

Dies gilt auch für ambulant betreute Patienten mit Covid-19, die zuhause in Quarantäne bleiben. Auf jeden Fall sollten aber alle Menschen während des unfreiwilligen Zuhausebleibens zu vermehrter körperlicher Aktivität aufgefordert werden.

  1. Gäbel G et al; Risiken der „Stay at home“-Politik im Rahmen der COVID-19-Pandemie; Gefäßchirurgie (2020); DOI: https://doi.org/10.1007/s00772-020-00697-2

Bildquelle: © gettyImages/fpm

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