13. April 2022

Aprotinin-Inhalation bei Covid-19-Pneumonie wirksam

Die Inhalation des Wirkstoffs Aprotinin konnte in einer kleinen spanischen Studie bei hospitalisierten Covid-19-Patientinnen und Patienten die Dauer des Krankenhausaufenthaltes deutlich verkürzen. Trotz der geringen Teilnehmerzahl bewertet das Autorenteam die Ergebnisse als vielversprechend und sieht einen potenziellen Einsatz eines Aprotinin-Inhalators auch in der Covid-19-Prophylaxe sowie in der ambulanten Anwendung bei leichter bis mittelschwerer Erkrankung. 1,2

Lesedauer: 3 Minuten

Symbolbild
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Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Bevor SARS-CoV-2 über sein Spike-Protein an den ACE2-Rezeptor auf der Oberfläche der Wirtszelle andocken kann, müssen Teile des Spike-Proteins, durch Enzyme (Proteasen) abgespalten werden. Diese Spaltung ist ein kritischer Schritt: Sie führt zu einer strukturellen Änderung des Spike-Proteins, die für eine Bindung an den ACE2-Rezeptor und so für den Eintritt des Virus in die Zelle erforderlich ist.

Bereits 2020 wies ein Forschungsteam anhand von Zellkultur-Experimenten nach, dass der Protease-Inhibitor Aprotinin in der Lage ist, die für das Eindringen der SARS-CoV-2-Viren nötige Proteasen zu hemmen und so die Vermehrung des Erregers zu stoppen. Weitere in-vitro-Experimente bestätigten, dass Aprotinin auch gegen die Delta- und Omikron-Variante von SARS-CoV-2 wirkt.

Nun hat ein Team um Francisco Javier Redondo-Calvo von der Universitätsklinik Ciudad Real in Spanien in der Fachzeitschrift European Journal of Clinical Investigation Ergebnisse einer klinischen Phase-III-Studie vorgestellt: Danach lässt sich mittels einer Aprotinin-Inhalation die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Krankenhaus von Covid-19-Patientinnen und Patienten um fünf Tage verkürzen.

Das Studiendesign

Es handelt sich um eine kleine, multizentrische, doppelblinde, randomisierte Studie, die zwischen dem 20. Mai 2020 und dem 20. Oktober 2021 in vier spanischen Krankenhäusern durchgeführt wurde.

Ausgewertet wurden die Daten von 60 Patientinnen und Patienten mit moderater Covid-19-Pneumonie. Die wichtigsten Einschlusskriterien waren Alter >18 Jahre, radiologischer Nachweis von Lungeninfiltraten, Sauerstoffsättigung >90% und Sauerstofftherapie mittels Sauerstoffbrille (2-3 L/min).

Die Kontrollgruppe (n=32) erhielt die Standard-Behandlung, während die zweite Gruppe (n=28) zusätzlich alle sechs Stunden Aprotinin über einen kleinen Vernebler für jeweils 10 Minuten inhalierte (500 Kallikrein Inhibiting Units bis 2000 KIU/Tag).

Teilnehmende der Kontrollgruppe erhielten parallel eine physiologische Kochsalzlösung zur Inhalation. In beiden Gruppen wurde die Therapie unmittelbar nach der Randomisierung und für 11 Tage oder bis zur Entlassung verabreicht.

Die primären Endpunkte waren Dauer des Krankenhausaufenthalts sowie Aufnahme auf die Intensivstation. Zu den sekundären Endpunkten zählten: Umfang der zusätzlichen Sauerstofftherapie, klinische und analytische Parameter und Tod. Als Sicherheits-Endpunkt wurde die Häufigkeit von unerwünschten Ereignissen analysiert. Eine abschließende Kontrolle wurde am 30. Tag nach Randomisierung persönlich bei den hospitalisierten Patientinnen und Patienten oder durch Einsichtnahme in die elektronischen Krankenakten bei den entlassenen Teilnehmenden durchgeführt.

Ergebnisse: Deutliche Vorteile der Aprotinin-Inhalation

Die Behandlung mittels Aprotinin-Inhalation führte im Vergleich zur Placebo-Behandlung zu folgenden signifikanten Ergebnissen:

  1. Die Behandlungsdauer verkürzte sich um zwei Tage.
  2. Patientinnen und Patienten konnten das Krankenhaus im Durchschnitt fünf Tage früher verlassen.
  3. Die Inzidenz der Entlassung war mehr als doppelt so hoch (HR: 2,188 [1,182-4,047]) als in der Kontroll-Gruppe (p = .013).
  4. Es wurde weniger zusätzlicher Sauerstoff benötigt.

Außerdem erwies sich die Inhalation von Aprotinin als sicher und führte zu keinen unerwünschten Ereignissen.

Limitationen

Wegen der geringen Teilnehmerzahl hat die Studie eine begrenzte Aussagekraft. Außerdem wurde sie als Intention-to-treat-Analyse konzipiert: So hatte sich das Ärzteteam dazu entschlossen, Patientinnen und Patienten aus dem Krankenhaus zu entlassen, sobald dies medizinisch angezeigt war – unabhängig davon, ob sie die gesamte Aprotinin-Behandlung abgeschlossen hatten oder nicht.

Eine weitere wichtige Einschränkung besteht darin, dass keine Daten zur SARS-CoV-2-Viruslast während und nach der Behandlung vorlagen.

Fazit des Autorenteams

„Diese Ergebnisse sind ein vielversprechender erster Schritt bei der Evaluation von inhaliertem Aprotinin gegen Covid-19 und eröffnen die Möglichkeit, eine internationale multizentrische randomisierte Studie mit einer größeren Anzahl von Patienten zu starten”, schreiben Redondo-Calvo und Kollegen. Da es sich bei dem verwendeten Vernebler um ein kleines, tragbares und leicht zu bedienendes Gerät handele, könne die Behandlung auf folgende Bereiche ausgedehnt werden:

  • Prophylaxe bei Personen, die einer Ansteckung ausgesetzt sind,
  • ambulante Patientinnen und Patienten mit leichter bis mittelschwerer Ansteckung und/oder Thromboembolierisiko sowie
  • Patientinnen und Patienten mit mittelschwerer Covid-19 bei Krankenhauseinweisung.

Das Autorentem gibt an, keinen Interessenskonflikt zu haben.

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