18. Mai 2020

Laborfacharzt rät

Covid-19: „Antikörpertests gezielt einsetzen”

Antikörpertests gegen das SARS-CoV-2 werden zunehmend nachgefragt. Nach einer Serokonversion sei man immun gegen das Virus, so die weitverbreitete, aber falsche Ansicht. Der Berliner Facharzt für Laboratoriumsmedizin Dr. Michael Müller mahnt deshalb zur Umsicht bei der Durchführung des Antikörpertests.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Interview: Dr. med. Horst Gross

Ist der Antikörpertest etwas für die Hausarztpraxis?

Dr. Michael Müller
Dr. Michael Müller

Dr. Müller: Sinnvoll ist das nur bei einer wahrscheinlich durchgemachten Corona-Infektion. Also bei mit einer COVID-19 zu vereinbarenden Klinik oder besser noch bei einem vorher positiven PCR-Test. Sinnvoll kann die Untersuchung auch sein, wenn trotz typischer Symptome eine PCR-Untersuchung nicht möglich war oder das PCR-Ergebnis negativ ausfiel. Ohne Anlass ins Blaue hinein zu testen ist risikoreich. Dann können zu viele, falsch positive Tests resultieren. Ob die Ak-positiv Getesteten dann auch immun sind, ist noch unklar. Ein Neutralisationstest kann das teilweise beantworten, der nur in Speziallaboren und nur in eingeschränkter Zahl verfügbar ist. Allerdings ist die Frage der Immunität bei COVID-19 noch nicht vollständig geklärt. Mal sehen, was die nächsten Wochen bringen.


Und was ist mit den Schnelltests auf Antikörper?

Dr. Müller: Die sehe ich weiterhin sehr kritisch. Wir haben vernommen, dass Fälschungen am Markt unterwegs sein sollen. Die CE-Kennzeichnung ist leicht zu bekommen. Ihre Sensitivität und Spezifität ist meist zu gering. Problematisch sind auch Kreuzreaktionen mit anderen Coronaviren, die häufig nicht ausreichend genug untersucht worden sind. Die Untersuchung im Labor ist diesen Schnelltests bisher noch überlegen.

Ab wann kann getestet werden?

Dr. Müller: Da wir bei uns einen IgG-Antikörper-Test durchführen, kann die Serokonversion, also der Nachweis von IgG-Antikörpern gegen SARS-CoV-2, eine erhebliche Latenz benötigen. Im günstigsten Fall gelingt nach ca. einer Woche der Nachweis. Mit dem Auftreten von IgG-Antikörpern – diese sind für die Fragestellung am wichtigsten – ist meist etwa 2 bis 4 Wochen nach Symptombeginn zu rechnen, bei manchen Patienten dauert es auch deutlich länger, sodass gegebenenfalls eine Verlaufskontrolle sinnvoll ist.

Eignen sich diese Antikörpertests auch als Screeningverfahren?

Dr. Müller: Screeninguntersuchungen sind bisher nur im Rahmen von epidemiologischen Studien sinnvoll. Im konkreten Einzelfall wird von der Testung asymptomatischer Personen eher abgeraten. Nach der entsprechenden Latenzzeit ist ein negativer Test zwar relativ aussagekräftig. Der positive Antikörpernachweis bleibt jedoch mehrdeutig, vor allem dann, wenn in der Anamnese keine COVID-19-Erkrankung war bzw. es keine Symptome gab. Die aktuell verfügbaren Tests erreichen zwar eine hohe Spezifität von bis zu 99,5 %. Das klingt gut. Trotzdem sollte man damit nicht einfach drauf los screenen. Denn auch die sehr geringe Fehlerquote bekommt enorme Relevanz, wenn die Häufigkeit einer Infektion in der Population noch sehr gering ist.  Wir sprechen hier vom positiv prädiktiven Wert (PPV). Und er hängt von der Erkrankungsrate in der Bevölkerung ab.

Was bedeutet das konkret?

Dr. Müller: Nehmen wir an, man würde ganz Deutschland durchtesten.  Aus der Heinsberg-Studie kann man ableiten, dass etwa 1,8 Millionen mit dem Coronavirus Kontakt hatten. Das entspricht einer Prävalenz von 2,4 %. Da der Test in 0,5 % der Fälle statistisch gesehen falsch positive Ergebnisse liefert, führt das bei einer umfassenden Massentestung zu ca. 400.000 falsch-positiven Ergebnissen. Auf fünf richtig-positive Antikörpernachweise kommt also ein falsch-positiver Test. Bei epidemiologischen Studien kann man das berücksichtigen. Doch welche Konsequenz hätte ein positives Screeningergebnis für einen einzelnen Betroffenen, wenn es keine Symptome gibt? Woher weiß ich, zu welcher der beiden Gruppen (richtig- oder falsch-positiv) die Person gehört? Das macht es schwierig.

Ein Immunitätspass für medizinisches Personal ist also sinnlos?

Dr. Müller: Es ist im Augenblick nicht möglich, mit einem Antikörpertest die Immunität festzustellen. Denn man kann bei einem Massenscreening von medizinischem Personal eben nicht exakt sagen, wie zuverlässig ein positives Testergebnis ist. Zudem ist unklar, ob die im Test gefundenen Corona-IgG-Antikörper wirklich schützend sind, also eine Immunität vermitteln. Es ist auch denkbar, dass die zelluläre Abwehr eine wichtige Rolle spielt. Die wird durch den Antikörpertest aber nicht erfasst. Ein antikörperbasierter Immunitätspass im Rahmen eines Screenings würde dann nur eine Scheinsicherheit dokumentieren.

Sind medizinisch indizierte Antikörpertests eine Kassenleistung?

Dr. Müller: Für einen indizierten Test gibt es bereits eine EBM-Abrechnungsziffer. Das hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung in ihren Praxisnachrichten mitgeteilt. Wir gehen auch davon aus, dass die Abrechnungsziffer im Bereich der meldepflichtigen Erkrankungen angesiedelt wird. Der Antikörpertest bleibt dann für die ambulante Praxis budgetneutral.

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653