17. April 2020

Immunität, Maskensterilisation & Langzeitfolgen

10 aktuelle Fragen zu Covid-19

Auf einer weltweiten Live-Konferenz zu Covid-19 beantworteten 8 internationale Experten drängende Fragen zur Coronavirus-Epidemie. Wir haben im Nachgang weitere Fragen u.a. zur Mutation von SARS-CoV-2, Maskensterilisation und Immunität beantwortet.

Stand: 17.04.2020

Wie ist der Wissensstand bezüglich Remdesivir in der Behandlung von Covid-19-Patienten?

  • Remdesivir hemmt die Replikationen von Coronaviren und ist nach Einschätzung von Experten am ehesten geeignet, den Verlauf von Covid-19 günstig zu beeinflussen. Seit 25. Januar wird das Virustatikum vom Hersteller für Heilversuche („compassionate use“) zur Verfügung gestellt und weltweit wurden bereits mehr als 1.800 Covid-19-Patienten damit behandelt. [Link]

    Experimentelle Daten aus dem Mausmodell zeigten bei MERS eine bessere prophylaktische und therapeutische Wirksamkeit als eine Kombination aus Lopinavir/Ritonavir und Interferon Beta. Remdesivir verbesserte die Lungenfunktion und verringerte die Viruslast der Lunge und pulmonale Schäden. [Link] Auch der erste Patient mit SARS-CoV-2 in den USA verbesserte sich nach intravenöser Behandlung dramatisch mit Remdesivir.

    US-Mediziner berichten jetzt von ihren Erfahrungen bei 53 Patienten mit bestätigter Infektion mit SARS-CoV-2. Bei etwa zwei Drittel der im Rahmen von Heilversuchen behandelten Patienten trat eine klinische Besserung, einige Patienten verstarben aber trotz der Therapie. Dabei beobachteten die Ärzte bei nicht beatmeten Patienten und einem Alter unter 50 Jahren häufiger eine Besserung unter Remdesivir. Ein erhöhtes Mortalitätsrisiko sahen die Mediziner bei älteren Pateinten und bei eingeschränkter Nierenfunktion mit erhöhtem Serumkreatinin. Mehr dazu lesen Sie hier.

Ist zu erwarten, dass SARS-CoV-2 häufig mutiert und so jedes Jahr ähnlich wie bei der Grippe  eine Impfung notwendig macht?

  • Der Virologe Prof. Dr. Alexander Kekulé hat am 11.April im Rahmen der Live-Konferenz CovidCon Global zu dieser Frage erklärt, dass Coronaviren grundsätzlich mutieren können. Entsprechend sei zu erwarten, dass sie nach ihrer „Wanderung“ von der Südhalbkugel zurück zur Nordhalbkugel, wenn hierzulande wieder Herbst ist, verändert auftreten.

    Deshalb könne er die Notwendigkeit einer erneuten Impfung, ähnlich wie bei Influenzaviren, nicht ausschließen. Auf der anderen Seite sei allerdings auch bekannt, dass Coronaviren nach ihrer Anpassung an den Wirt üblicherweise weniger gefährlich sind, also zu weniger schweren Krankheitsverläufen führen. Aus diesem Grund sei nach dem Erreichen einer Herdenimmunität möglicherweise keine Impfung mehr notwendig, so die Mutmaßung Kekulés. Alle Statements von Prof. Kekulé zum Thema Covid-19 können Sie sich hier anschauen: Zum Video.

Sind Patienten nach einer durchlebten Covid-19-Infektion immun?

  • Die Frage nach der Immunität nach einer durchgemachten Covid-19-Infektion ist bislang nicht eindeutig geklärt. Erste Studien haben jedoch gezeigt, dass Personen nach durchgemachter SARS-CoV-2-Infektion spezifische Antikörper entwickeln, erklärt das RKI und verweist eine Studie.[Link]

    Auch gehen Experten davon aus, dass genesene Patienten ein nur sehr geringes Reinfektionsrisiko haben. Unklar ist jedoch, wie regelhaft, robust und dauerhaft dieser Immunstatus aufgebaut wird.

Ist eine erneute Ansteckung nach einer Covid-19-Infektion möglich?

  • Aktuelle Fallberichte aus Asien berichten von Patienten, die als genesen galten, Tage später jedoch wieder auf das Virus positiv getestet wurden. Diese Beobachtung führen Virologen jedoch auf Schwankungen des Testes insbesondere am Ende einer Erkrankung zurück. Außerdem betonen sie, dass PCR-Tests keine Aktivität der Viren nachweisen können, sondern lediglich virales Erbmaterial detektieren. Nach derzeitigem Kenntnisstand sei das nach der Genesung nachgewiesene Virusmaterial wohl nicht infektiös, so die Meinung der Experten. [Link]

    Die Erfahrungen mit anderen Coronaviren-Infektionen (SARS und MERS) deuten darauf hin, dass die Immunität bis zu drei Jahre anhalten könnte. Um mehr Informationen zur Immunität zu erhalten, hat das RKI bundesweite Antikörper-Studien gestartet.

Wie lange sind Covid-19-Patienten infektiös?

  • Nach Angaben des RKI ist das Ende der infektiösen Periode momentan nicht sicher anzugeben. In einer Studie mit neun Patienten wurde die Ausscheidungsdynamik vermehrungsfähiger Viren aus Proben von Rachen und Sputum untersucht. Abstrichproben vom Rachen enthielten vermehrungsfähige Viren bis zum vierten, aus dem Sputum bis zum achten Tag nach Symptombeginn. [Link]

Welche Masken sollten Ärzte tragen, die Covid-19-Patienten intubieren müssen?

  • Hierzu lauten die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts: Bei direkter Versorgung von Patienten mit bestätigter oder wahrscheinlicher Covid-19 sollten bevorzugt FFP2-Masken getragen werden (Schutz vor Aerosolen und Tröpfchen). Bei allen Tätigkeiten, die mit Aerosolproduktion einhergehen (z.B. Intubation oder Bronchoskopie), sollen Atemschutzmasken (FFP2 oder darüber hinausgehender Atemschutz) und Hauben getragen werden. [Link]

Gibt es die Möglichkeit, Masken zu sterilisieren, etwa durch UV-Desinfektion oder Behandlung in der Mikrowelle?

  • Der Krisenstab der Bundesregierung billigt in der aktuellen Versorgungskrise die Wiederverwendung von Schutzmasken in Ausnahmefällen, wenn nicht ausreichend Material zur Verfügung steht. In einer Erklärung heißt es:

    1. MNS-Masken können nach geeigneter Wiederaufbereitung bei 65-70 Grad Celsius wiederverwendet werden.
    2. FFP2/3 Masken mit CE Kennzeichnung oder solche, die nach dem Prüfgrundsatz der Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik (ZLS) zugelassen sind, können ebenfalls nach Hitzebehandlung wiederverwendet werden.
    3. FFP2/3 Masken aus den USA, Kanada, Australien oder Japan sind vor Wiederaufbereitung einem Schnelltest zur Temperaturbeständigkeit zu unterziehen.

    Masken chinesischer Herkunft dürfen bei Importen aktuell den größten Mengenanteil ausmachen. Sie fallen in die Nummer 2 und können unter den genannten Bedingungen wiederaufgearbeitet werden. [Link]

    Hinweis: Kontaktieren Sie vor einer Wiederaufbereitung der Schutzmaske auf jeden Fall die Hersteller
    So rät Dräger etwa von einer Wiederaufbereitung ab: Alle FFP-Schutzmasken enthielten elektrostatische Filtermaterialien, deren Ladung durch Hitze, radioaktive Strahlung, UV-Strahlung und dergleichen zerstört würde, wodurch die Maske die meisten ihrer Filtrationseigenschaften verliert. Desinfektionsmittel wie Isopropyl, Ethanol und andere Reinigungsmittel zerstörten ebenfalls die Ladung des Filtermaterials.[Link]

Gibt es Hinweise, dass das Virus das Nervensystem schädigt?

  • Aus jüngsten Veröffentlichungen weiß man, dass SARS-CoV-2 wie die bereits bekannten Coronaviren SARS und MERS auch in das zentrale Nervensystem (ZNS) bzw. in das Gehirn eindringen können, insbesondere in den Hirnstamm. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. hin.[Link]

    Das könnte erklären, warum bei Covid-19-Erkrankungen zusätzlich zu den typischen Krankheitszeichen Fieber, Halsschmerzen und Husten – manchmal auch ohne respiratorische Beschwerden – neurologische Symptome wie der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Bewusstseinsstörungen auftreten. Besonderes Aufsehen erregte nun auch ein Fallbeispiel aus Japan, bei dem SARS-CoV-2 bei einem jungen Mann eine Hirnhautentzündung (Meningitis) ausgelöst hat.[Link]

    Zudem beschreibt eine kürzlich publizierte Arbeit, dass auch ein Atemstillstand bei an Covid-19-Erkrankten auch neural vermittelt sein könnte. Dies deshalb, da sich im Hirnstamm wichtige Steuerzentralen von Vitalfunktionen wie das Atemzentrum befinden. Eine durch Viren ausgelöste Dysfunktion könnte einen Atemstillstand begünstigen, auch ohne Lungenentzündung.[Link]

Gibt es Hinweise auf Langzeitfolgen von Covid-19?

  • Bislang liegen nur wenige belastbare Informationen zu Langzeitfolgen von Covid-19 vor, so das Robert-Koch-Institut (Stand 10.04.2020). Allerdings könnten Studien zu den Langzeitfolgen von SARS-CoV-1-Infektionen unter Umständen Hinweise auch für die Folgen von Covid-19 geben. Hier deuten Studien auf verschiedene körperliche und psychische Langzeitfolgen hin. So wurde nach SARS-CoV-1-Erkrankungen von anhaltender Einschränkung der Lungenfunktion, geminderter physischer Leistungsfähigkeit, geminderter gesundheitsbezogener Lebensqualität und von verschiedenen psychischen und neuropsychiatrischen Beeinträchtigungen wie Angststörungen, Panikattacken, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen berichtet.[Link]

    Neue Studien zu Covid-19-Erkrankten berichten über neurologische Symptome und Erkrankungen, die darauf schließen lassen, dass u. a. neurologische Langzeitfolgen auftreten können. So wurde beispielsweise von einer Patientin mit möglicherweise SARS-Cov-2-assoziierter akuter nekrotisierender hämorrhagischer Enzephalopathie berichtet. Auch Störungen des Geruchssinns gehören zu typischen neurologischen Symptomen bei Covid-19-Patienten.

Was ist über die Rolle von Kortikosteroiden zur Verhinderung von Entzündungen und „Zytokinstürmen“ bekannt?

  • Coronaviren induzieren überschießende und aberrante, letztlich unwirksame Immunantworten des Wirts, die mit schweren Lungenschäden verbunden sind. Ähnlich wie bei SARS und MERS entwickeln einige COVID-19-Patienten ein akutes Atemnotsyndrom (ARDS), oft verbunden mit einem Zytokinsturm.

    In einer Publikation geht Dr. Christoph Spinner, der ebenfalls an der Live-Konferenz CovidCon Global teilgenommen hat, auf den aktuellen Wissensstand ein.[Link]

    Danach erhielten in der bislang größten Beobachtungsstudie von 1099 COVID-19-Patienten, insgesamt 19 % Kortikosteroide, bei schweren Krankheitsverläufen fast die Hälfte. Gemäß den aktuellen WHO-Leitlinien werden Steroide außerhalb von Studien aufgrund bekannter Komplikationen, insbesondere Superinfektionen, dennoch nicht empfohlen. Ein systematischer Review bei SARS (Stockman LJ et al. PLoS Med 2006) erbrachte keinen Benefit und nur Nebenwirkungen (avaskuläre Nekrosen, Psychosen, Diabetes). Allerdings wird der Einsatz bei Covid-19 weiter kontrovers diskutiert.[Link]

Bild: © GettyImages/MicroStockHub

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