
Fehler passieren – auch in der Medizin. „Just Culture“ könnte den Weg zu einer offeneren, transparenten und lernorientierten Fehlerkultur in der Medizin ebnen. Was genau steckt dahinter und ist das Konzept praxistauglich?
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Redaktion: Kristina Lutilsky
Man hört immer wieder mal von "old-school" Chirurgen, bei denen es Gang und Gebe war, bei Fehlern im OP rumzubrüllen und auch mal mit Instrumenten durch die Gegend zu werfen. Auch Unfallchirurg und Notarzt Dr. Don-Felix Ryzek aus München hat in der Vergangenheit solche Vorgesetzten erlebt.
Genau solche Erlebnisse in der ärztlichen Laufbahn sind es, die seiner Meinung nach zu einer Verdeckungskultur führen. Er plädiert stattdessen für einen offenen und kooperativen Umgang mit Fehlern. Um sein Team dafür zu begeistern, gibt er in Nachbesprechungen sogar Fehler zu, die im Grunde so nicht passiert sind. Doch dieser Eisbrecher ist es ihm Wert.
„Unser Ziel in der Medizin sollte sein, sowohl als Individuen als auch als System kontinuierlich für unsere Patientinnen und Patienten besser zu werden”, ist Dr. Ryzek überzeugt. “Um dieses Ziel zu erreichen, ist es unabdingbar, dass wir lernen, offen mit Fehlern umzugehen und an und mit ihnen zu wachsen.“
In der aktuellen Folge „Ärztliche Redepflicht”, dem neuen Realtalk-Podcast von coliquio, geht es darum, ob es im Arztberuf eine Fehlerkultur ohne Schuldzuweisungen überhaupt geben kann. Und wenn ja, wie. Kann der Ansatz der Just Culture, wie sie schon jahrelang erfolgreich in der Luftfahrt praktiziert wird, auch in der Medizin die Lösung sein? Dr. Don-Felix Ryzek und Jan Brützel sprechen dazu mit Luftfahrtpsychologin Dr. Michaela Schwarz und hinterfragen, wie eine gute Fehlerkultur in Klinik und Praxis aussehen kann.
Just Culture leitet sich von „Justice” ab, dem englischen Wort für Gerechtigkeit. Sie beschreibt die Kultur des gerechten Umgangs mit Fehlern und Regelverstößen. Treffender wird sie auch mit „Redlichkeitskultur“ übersetzt. Sicherheitsmanagerin Dr. Schwarz nennt sie die goldene Mitte zwischen den beiden Extremen der Strafkultur und der absoluten Narrenfreiheit. Just Culture zielt darauf ab, Fehler hinsichtlich ihrer Ursachen zu analysieren und aus ihnen zu lernen. Dabei wird vor allem das System betrachtet, der Arbeitsplatz, in dem ein professionell ausgebildeter Mensch Fehler macht und warum er es tut.
In der Luftfahrt hat man ihrer Meinung nach schon eine gesunde Systemgestaltung geschafft – weg vom menschlichen Versagen hin zum systemischen Versagen. In der Medizin ist Just Culture noch ganz am Anfang. Es gibt noch keine Standards dafür, wie beispielsweise das System “Krankenhaus” oder „Rettungsdienst“ gestaltet sein müssen, damit das gut ausgebildete Fachpersonal nicht unnötig zu Fehlern verleitet wird. Oder wie ein faires Meldewesen aussehen kann, in dem Fehler freiwillig gemeldet werden, weil es um Lernpotenziale statt Schuldzuweisungen geht.
Denn beim Thema Schuld kommt immer auch der Patient oder die Patientin beziehungsweise Angehörige mit ins Spiel. Selbst wenn Just Culture optimal etabliert wäre und sich intern keine Schuldfrage stellt - wie sieht es mit dem Strafrecht aus? Welche Erwartungen haben Patientinnen und Patienten, wenn es um Gerechtigkeit bei Fehlern geht, und wie würde ein Richter entscheiden?
Finden Sie heraus, wie eine lernorientierte Fehlerkultur nicht nur die Patientensicherheit erhöhen, sondern auch das Arbeitsklima und die Zusammenarbeit im medizinischen Team verbessern kann. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Hören!
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