09. Oktober 2020

coliquio-Podcast

Erste Apps verordnungsfähig & neue Studie zum Intervallfasten

Im heutigen Podcast sprechen wir über folgende Themen:

  • Apps auf Rezept: Ärzte können nun die ersten Apps verschreiben
  • Neue Studie zum Intervallfasten: Wie wirksam ist das Fasten auf Zeit?

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Hören!

Dauer: 8 Minuten

Redaktion: Marc Fröhling, Dr. Nina Mörsch

  • Nina Mörsch: Seit dieser Woche können in Deutschland Apps auf Rezept verschrieben werden und Jens Spahn spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer Weltneuheit. Was hat es damit konkret auf sich?  

    Marc Fröhling: Deutschland ist tatsächlich das erste Land, in dem Ärzte solche digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA genannt), gesetzlich Versicherten verschreiben können.  Und bis dahin war es ja ein ganz schön langer Prozess, von dem man zwischendurch relativ wenig gehört hatte. Das Ganze wurde schon Ende 2019 in die Wege geleitet, als das Digitale-Versorgung-Gesetz in Kraft getreten ist. Das Ergebnis ist nun das neue DiGA-Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Dort sind diese Apps gelistet.  

    Nina Mörsch: Bis dann eine App tatsächlich verschrieben werden kann, muss sie einige Anforderungen erfüllen. Wie sieht da genau der Prozess aus? 

    Marc Fröhling: Als Grundvoraussetzung muss die Anwendung als Medizinprodukt mit niedrigem Risiko CE-zertifiziert sein. Hier wird - noch ohne Beteiligung des BfArM - geprüft, ob die App überhaupt als Medizinprodukt in den Verkehr gebracht werden darf. Erst dann kann der Hersteller beim BfArM einen Antrag auf Aufnahme in das DiGA-Verzeichnis stellen.  

    Dann erfolgt eine Prüfung des BfArM im dreimonatigen Schnellverfahren. Hier wird die App auf Sicherheit, Funktionstauglichkeit und Datenschutz geprüft. Außerdem muss der Hersteller den medizinischen Nutzen seiner App über vergleichende Studien nachweisen. Wenn dann alles passt, kann sie in das das DiGA-Verzeichnis aufgenommen werden. Dann übernehmen die gesetzlichen Krankenversicherungen ein Jahr lang vorläufig die Kosten und Ärzte können die App bei entsprechender Diagnose verschreiben.  

    Nina Mörsch: Nun wurden die ersten beiden Anwendungen in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen. Was sind das für Apps? 

    Marc Fröhling: Im ersten Fall handelt es sich um eine App für eine Tinnitus-Therapie, die sich „Kalmeda“ nennt. Sie soll chronischen Tinnituspatienten helfen. Im DiGA-Verzeichnis steht bei dieser App, dass sie nur vorläufig aufgenommen wurde. Es gibt zwar plausible Hinweise für einen positiven Nutzen, der Hersteller muss das im Testzeitraum aber noch abschließend wissenschaftlich nachweisen. 

    Die zweite Anwendung nennt sich „velibra“ und ist schon dauerhaft im Verzeichnis aufgenommen. Sie soll Patienten mit Angststörungen unterstützen, indem sie Übungen und Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie vermittelt. Hier wurde die Wirksamkeit schon in einer klinischen Studie bewiesen: Es hat sich gezeigt, dass Angst-Patienten, die die Anwendung zusätzlich zur hausärztlichen Behandlung nutzen, geringere Beschwerden aufweisen als Patienten, die die App nicht nutzen.  

    Nina Mörsch: Wir verlinken hier im Beitrag auf das DiGA-Verzeichnis. Da finden Ärzte neben Informationen zur App auch Informationen dazu, welche weiteren ärztlichen Leistungen im konkreten Fall mit der Verordnung verbunden sind und welche Patientengruppen dafür jeweils in Frage kommen. Marc, welche weiteren Apps befinden sich derzeit im Prüfverfahren, mit welchen Anwendungen ist bald zu rechnen?  

    Marc Fröhling: Laut BfArM befinden sich gerade 21 weitere Apps in der Prüfung. Darunter ist zum Beispiel eine digitale Adipositas-Therapie, eine App, die die psychische Gesundheit stärken soll oder eine Anwendung, die den Alltag mit Diabetes erleichtern soll. Und für weitere 75 Anwendungen wurden bereits Beratungsgespräche mit den Herstellern geführt.  

    Nina Mörsch: Das klingt ja alles auf den ersten Blick erstmal sehr vielversprechend. Aber sicher gibt es auch noch seitens der Ärzteschaft eine Kritikpunkte. Kannst Du dazu etwas erzählen? 

    Marc Fröhling: Aus Ärztesicht kann sicher kritisch gefragt werden, inwiefern man guten Gewissens eine App verschreiben kann, deren positiven Effekte erst noch vollständig erprobt werden müssen. Außerdem kann man sich die Frage stellen, wozu eine App verordnet werden soll, die man – zum Beispiel aus Zeitgründen – selbst gar nicht wirklich kennt. 

    Dann merken Kassenvertreter an – die ja für die Apps zahlen sollen – , dass ein echter Mehrwehrt erkennbar sein muss und es sich eben nicht um „verkappte Lifestyle-Apps“ handeln sollte.   
    Und aus der Politik ist von der gesundheitspolitischen Sprecherin der Grünen zu hören, dass aktuell der Nutzen für die Patienten im Hintergrund steht und dass es beim BfArM ohnehin viel zu wenig Stellen dafür gibt, den Nutzen solcher Apps wirklich genau zu prüfen. 

    Sound

    Nina Mörsch: Derzeit gibt es ja einen regelrechten Hype um das Intervallfasten. Das Prinzip dahinter ist ziemlich einfach: Es wird stunden- oder auch sogar auch tageweise auf Nahrung verzichtet, während man dazwischen alles essen darf. Neben dem einfacheren Abnehmen werden dem Intervallfasten auch verschiedene gesundheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben.  

    Aber bisher gibt es wenige belastbare Studien an Menschen. Die vorhandenen Untersuchungen weisen zwar durchaus daraufhin, dass man durch Intervallfasten abnehmen kann und das Fasten auch nicht schadet. Doch einen Vorteil gegenüber anderen herkömmlichen Diäten konnte bisher nicht eindeutig belegt werden.  

    Marc Fröhling: Nun gab es ja eine weitere Studie aus den USA, die hat auch nichts neues erbracht? 

    Nina Mörsch: Nein, nicht wirklich, hier haben Wissenschaftler das sogenannte 16:8 Konzept des Intervallfastens an 116 Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas erprobt. Es gab 2 Gruppen:  Die erste sollte 16 Stunden fasten, und in dieser Zeit nur kalorienfreie Getränke zu sich nehmen. In den übrigen 8 Stunden durften die Teilnehmer essen was sie wollten. Die Kontrollgruppe wurde lediglich angewiesen, täglich 3 Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Die Studie wurde über 8 Wochen durchgeführt.  

    Die Hypothese dahinter war, dass wenn nur 8 Stunden zum Essen bleiben, dass man dann automatisch auch weniger isst. Aber diese ließ sich nicht bestätigten: Zwar haben die fastenden Teilnehmer fast 1 kg Körpergewicht verloren. Allerdings ließ sich kein signifikanter Unterschied zur Kontrollgruppe feststellen. Denn auch hier nahmen die Teilnehmer etwas ab. Dies führen die Experten auf Verhaltensänderungen zurück, etwa weil man sich beobachtet fühlt.  

    Marc Fröhling: Das Fazit lautet also bisher: Man kann mit dem Intervallfasten durchaus abnehmen, die Methode ist nicht schlechter als andere und sie schadet nach dem bisherigen Wissensstand auch nicht.  

    Nina Mörsch: Ja, so kann man es kurz zusammenfassen – und sie kann sie vielleicht für solche Menschen eignen, denen eine zeitweise Kalorienreduktion leichter fällt. Aber um Langzeiteffekte feststellen zu können, also wie nachhaltig ist diese Diät, trägt sie auch zu dabei, dass man auch langfristig seinen Ernährungsstil ändert – das müssen weitere auf längere Zeit angelegte Studien mit ausreichend großer Teilnehmeranzahl zeigen.  

    Jingle 

    Marc Fröhling: Das wars wieder für diese Woche. Die Quellen zu hier vorgestellten Studien finden Sie unter diesem Beitrag. Wenn Sie uns nicht verpassen wollen, abonnieren Sie uns gerne auf iTunes, Spotify oder Deezer.  

    Nina Mörsch: Dieser Podcast wird produziert von der coliquio Redaktion. Aufgezeichnet wurde am 08. Oktober 2020. Redaktion: Marc Fröhling und Dr. Nina Mörsch. 

Die Quellen zum Podcast

Apps auf Rezept

Studie zum Intervallfasten

Haben Sie Wünsche, Kommentare, Anregegungen? Wir freuen uns über Ihr Feedback! Schreiben Sie einfach an podcast@coliquio.de.

  1. Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte, 06.10.2020: BfArM nimmt erste „Apps auf Rezept“ ins Verzeichnis digitaler Gesundheitsanwendungen (DiGA) auf
  2. Dylan A. Lowe, Nancy Wu, Linnea Rohdin-Bibby et al. Effects of Time-Restricted Eating on Weight Loss and Other Metabolic Parameters in Women and Men With Overweight and Obesity. JAMA Intern Med. Published online September 28, 2020. doi:10.1001/jamainternmed.2020.4153
  3. Medscape Deutschland, 01.10.2020: Stunden zählen statt Kalorien? Intervallfasten erleichtert laut Studie das Abnehmen nicht. Was ein deutscher Experte sagt

Bild: © GettyImages/

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