19. Februar 2021

Alkohol steigert das Risiko von Vorhofflimmern Einsamkeit kostet Hirnsubstanz

In unserem Podcast erwartet Sie eine bunte Mischung aktueller, praxisrelevanter und unterhaltsamer Beiträge aus den Bereichen Medizin, Psychologie und Naturwissenschaften. Unsere Themen diese Woche:

  • Bakterien belauscht: Neue Ansätze in der Antibiotika-Forschung? [00:49 min]
  • Alkohol & Vorhofflimmern: Steigert bereits ein Glas pro Tag das Risiko? [03:25 min]
  • Soziales Wohlbefinden beeinflusst Gehirnstruktur [06:19 min]

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Hören!

Dauer: 9,5 Minuten

Redaktion: Dr. Linda Fischer, Marc Fröhling, Dr. Nina Mörsch

  • Hallo und herzlich willkommen zu unserem coliquio-Podcast – Wissenschaft kompakt. Wir freuen uns, dass Sie heute wieder mit dabei sind. Wie immer erwartet Sie in unserem Podcast eine bunte Mischung aktueller, praxisrelevanter und unterhaltsamer Beiträge aus den Bereichen Medizin, Psychologie und Naturwissenschaften. Und diese Woche haben wir uns für folgende Themen entschieden:      

    • Absprachen unter Bakterien – Relevanz für die Medizin 
    • Alkohol & Vorhofflimmern: Steigert bereits ein Glas pro Tag das Risiko?  
    • Soziales Wohlbefinden beeinflusst Gehirnstruktur 

    Mit dabei sind Linda Fischer und Marc Fröhling und mein Name ist Nina Mörsch. Wir gehören zu coliquio, Deutschlands größtem Portal für Ärztinnen und Ärzte.   

    Sound 

    Absprachen unter Bakterien – Relevanz für die Medizin 

    Marc Fröhling: Viele Dinge gelingen nur durch Teamarbeit. Das ist nicht nur so bei uns Menschen, sondern auch bei Bakterien. Zum Beispiel, wenn es darum geht, sich vor einer Immunattacke zu schützen oder im Gegenteil den Wirt anzugreifen. Das ist erst dann sinnvoll, wenn das Team groß genug ist. Und darüber müssen sich Bakterien austauschen. Heutzutage geht man davon aus, dass wohl alle Bakterien miteinander kommunizieren – das sogenannte „Quorum Sensing“. 
     

    Nina Mörsch: Kürzlich wurden ja die Forschungen zu dieser bakteriellen Kommunikation mit dem Paul-Ehrlich-Preis ausgezeichnet. Wie funktioniert das denn genau? 

    Marc Fröhling: Ich möchte dazu auf die Anfänge der Forschung verweisen – und damit auf einen leuchtenden Zwergtintenfisch. Für dieses Leuchten sind nämlich Bakterien mit dem Namen Vibrio fischeri verantwortlich. Und hier hat der Amerikaner Michael Silverman in den 80er-Jahren das erste Quorum-Sensing-System entdeckt. Das funktioniert so: Diese Bakterien setzen ein Sprachmolekül frei. Die Menge der freigesetzten Moleküle korreliert mit der Anzahl der Bakterien. Ist ein gewisser Schwellenwert erreicht, das sogenannte Quorum, kehren die Sprachmoleküle in die Bakterienzelle zurück und binden dort an einen Rezeptor – und das Licht geht an. 

    Nina Mörsch: Auf dem Tintenfisch leben diese vibrio-fischeri Bakterien in Reinkultur, also ohne andere Bakterien-Stämme fast so wie unter Laborbedingungen.  

    Marc Fröhling: Ja das stimmt, für Bakterien ist aber auch die Frage interessant, welche weiteren Arten sich in der Nähe aufhalten und wer das Sagen hat. In den 90er-Jahre hat die Mikrobiologin Bonnie Bassler ein neues Sprachmolekül entdeckt, mit eben dieser Aufgabe: Es informiert über die Anzahl der konkurrierenden Bakterien. Heute sind hunderte dieser Sprachmoleküle bekannt. Und Bassler konnte in den letzten Jahren zeigen, dass auch die Wirtszellen und Viren da mitreden wollen und sich der Bakterienkommunikation bedienen. Sie konnte 2019 zeigen, dass auch Bakteriophagen die ausgetauschten Informationen der Bakterien nutzen, um den  idealen Zeitpunkt für einen Angriff herauszufinden. 

    Nina Mörsch: Und welchen Nutzen kann die Medizin aus den Forschungen ziehen? 

    Marc Fröhling: Das Wissen um die Kommunikationswege eröffnet natürlich ganz neue Möglichkeiten bei der Bekämpfung unerwünschter Bakterien. Denn wenn die Bakterienkommunikation eine Voraussetzung ist, etwa ein Toxin zu bilden, kann eine neue Strategie sein, diese Absprachen zu stören – anstatt Antibiotika zu entwickeln. Daran wird aktuell gearbeitet, allerdings ist das Verfahren noch nicht effektiv genug für die klinische Nutzung. Und auf der anderen Seite könnte man die neuen Erkenntnisse dabei helfen, nützliche Bakterien zu fördern. 

    Sound

    Soziales Wohlbefinden beeinflusst Gehirnstruktur 

    Nina Mörsch: In den letzten Jahren ist der Einfluss von Lifestyle-Faktoren auf das Gehirn in den Fokus der medizinischen Forschung gerückt. Zu diesen Lifestyle-Faktoren zählt beispielsweise das soziale Umfeld. In dem Konzept „social health“ ist sowohl der Einfluss des sozialen Umfelds auf die Gesundheit erfasst, als auch die Fähigkeit, an sozialen Interaktionen teilzunehmen. Forscherinnen und Forscher einer niederländischen Studie haben nun den Zusammenhang von „social health“ mit pathophysiologischen Veränderungen im Gehirn gezeigt, die mit Demenzerkrankungen assoziiert sind.  

    Linda Fischer: Die Ergebnisse ihrer Studie haben für Personen, die sich einsam fühlten, ein geringeres Volumen an weißer Substanz gezeigt im Vergleich zu denjenigen, die sich nicht einsam fühlten. Und diese weiße Substanz ist zB wichtig bei Lernprozessen. Personen, die sozial gut unterstützt wurden, hatten ein größeres Volumen sowohl an gesamter Gehirnmasse als auch speziell an grauer Substanz, die eine wichtige Funktion zB bei motorischen Vorgängen hat. Darüber hinaus nahm ihr Gehirnvolumen über die Jahre weniger stark ab. Das Fazit der Studie lautet, dass sich soziale Faktoren, zumindest teilweise, in der Gehirnstruktur widerspiegeln. 

    Nina Mörsch: Wie können sich die Wissenschaftler:innen so sicher sein, dass diese Veränderungen im Gehirn ausgerechnet auf das soziale Wohlbefinden zurückzuführen sind?  

    Linda Fischer: Das liegt am Studiendesign: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer (alle zu Studienbeginn 40 Jahre und älter) wurden zunächst in einem Interview zu ihrem sozialen Wohlbefinden befragt, bezüglich Einsamkeit, Grad der sozialen Unterstützung und Familienstand. Und zusätzlich wurde bei ihnen von Studienbeginn an und über einen Zeitraum von 10 Jahren regelmäßig eine MRT des Schädels durchgeführt, um beispielsweise das Gehirnvolumen und die Integrität der weißen Substanz zu untersuchen. 

    Nina Mörsch: Und wie wirkt sich der Familienstand auf das Gehirn aus? Der wurde in dem Interview ja auch erfragt.  

    Linda Fischer: Im Vergleich zu verheirateten oder geschiedenen Personen, hatten diejenigen, die nie verheiratet waren, ein kleineres Gehirnvolumen.  

    Nina Mörsch: Gab es denn Unterschiede zwischen Männern und Frauen? 

    Linda Fischer: Ja, in der Tat! Während sich rund 15 % der Frauen einsam fühlten, waren es bei den Männern nur 8 %. Und interessanterweise war das Volumen an weißer Substanz nur innerhalb der männlichen Teilnehmer bei einsameren Personen kleiner. Auf die weiblichen Teilnehmerinnen traf das nicht zu.   

    Nina Mörsch: Wie wirken sich diese strukturellen Veränderungen im Gehirn letztendlich auf die Gesundheit aus? 

    Linda Fischer: Die Autorinnen und Autoren nehmen an, dass die sie kognitive Funktionen beeinflussen und im schlimmsten Fall die Entwicklung einer Demenzerkrankung fördern können. Eine gute soziale Unterstützung begünstigt womöglich gesundheitsförderndes Verhalten, fungiert als Stress-Puffer und beugt kardiovaskulären Erkrankungen vor. Außerdem wirkt sie sich vorteilhaft auf das neuroendokrine System und das Immunsystem aus. 

    Alkohol & Vorhofflimmern: Steigert bereits ein Glas pro Tag das Risiko? 

    Nina Mörsch: Die Corona-Pandemie hat dieses Jahr die Fastnachts- und Karnevals-Hochburgen fest im Griff. Hier musste Fans des bunten Treibens leider auf das Feiern verzichten – entsprechend wird wohl auch weniger Alkohol fließen, wie sonst so üblich. Wenigstens ein positiver Aspekt, denn bei jüngeren Menschen kann ausufernder Alkoholgenuss ernste Folgen haben und zum Beispiel Vorhofflimmern auslösen.  

    Marc Fröhling: Umgekehrt ist aber auch bekannt, dass Menschen, die niemals Alkohol trinken etwas häufiger Herzprobleme wie Herzinsuffizienz entwickeln. Dieses Risiko einer Herzinsuffizient scheint abzunehmen, wenn man zumindest eine geringe Menge Alkohol konsumiert. Bis jetzt war unklar, ob dies auch für das Vorhofflimmern gilt.  Einer aktuellen Studie zufolge, scheint dies eher nicht der Fall zu sein. 

    Nina Mörsch: Ja, richtig. Ein Team um die Kardiologin Prof. Renate Schnabel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat sich jetzt dieser Frage gewidmet und Daten aus insgesamt 5 großen europäischen Kohortenstudien mit über 100.000 Studienteilnehmern ausgewertet. 

    Das Ergebnis: Bereits ein einziger “Drink” pro Tag steigert das Risiko eines Vorhofflimmerns um 16 % im Vergleich zu Abstinenzlern. Bei Personen, die täglich zwei Getränke oder sogar mehr als vier Gläser konsumieren, steigerte sich das relative Risiko um 28 bzw, um 47 %. 

    Marc Fröhling: Was bedeutet denn ein Getränk pro Tag? 

    Nina Mörsch: Die Forscher definierten als Drink, entweder ein kleines (120 ml) Glas Wein, ein kleines Bier (330 ml) oder 40 ml Spirituosen mit dem Inhalt von 12 g Ethanol. Alle Teilnehmer wiesen zu Studienbeginn keine Vorhofflimmern-Diagnose auf, das mittlere Alter betrug 47,8 Jahre, der durchschnittliche Alkoholkonsum lag bei 3 Gramm/Tag. Im mittleren Beobachtungszeitraum von knapp 14 Jahren wurde bei knapp 6000 Personen erstmalig Vorhofflimmern detektiert. 

    Marc Fröhling: Das bedeutet, dass bereits ein Glas Wein pro Tag doch nicht so gesund für das Herz ist, wie allgemein angenommen?  

    Nina Mörsch: Aus Sicht der Autoren sollte das Glas Wein nicht mehr so einfach für den Schutz des Herzens empfohlen werden, ohne auch eben andere Herzprobleme wie auch Vorhofflimmern miteinzubeziehen.  

    Die Autoren verweisen aber auch auf Schwächen der Studie: So wurden die Teilnehmer nur einmal zu Beginn der Studie nach ihrem Alkoholkonsum befragt, und gelegentliche Alkoholexzesse wurden gar nicht berücksichtigt und da es sich um eine reine Beobachtungsstudie handelt, kann sie nur einen Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Vorhofflimmern herstellen. Es ist damit also nicht beweisen, dass Alkohol das Vorhofflimmern auslöst. 

    Sound

    Das wars wieder für diese Woche. Die Quellen zu hier vorgestellten Studien finden Sie unter diesem Beitrag. Wenn Sie uns nicht verpassen wollen, abonnieren Sie uns gerne auf iTunes, Spotify oder Deezer.    

    Dieser Podcast wird produziert von der coliquio-Medizinredaktion. Aufgezeichnet wurde am 11. Februar 2021. Redaktion: Dr. Linda Fischer, Marc Fröhling, Dr. Nina Mörsch.  

Die Quellen zum Podcast

Absprachen unter Bakterien – Relevanz für die Medizin 

Alkohol & Vorhofflimmern: Bereits ein Glas pro Tag gefährlich?  

Soziale Faktoren beeinflussen Gehirnstruktur 

Haben Sie Wünsche, Kommentare, Anregungen? Wir freuen uns über Ihr Feedback! Schreiben Sie einfach an podcast@coliquio.de.

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