24. Oktober 2019

Deutscher Schmerzkongress 2019

Die meisten Rücken- und Gelenkoperationen sind unnötig

In Deutschland wird bei chronischem Rückenschmerzen und Gelenkbeschwerden offensichtlich viel zur oft zur Operation geraten. Nach einer Untersuchung der „Integrative Managed Care GmbH“ (IMG) sind bei Rückenschmerzen über 90% der bereits geplanten Operationen nicht wirklich indiziert, beim operativen Ersatz der großen Gelenke ist nur jeder fünfte Eingriff tatsächlich gerechtfertigt.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Quellen: Deutscher Schmerzkongress 2019, 9.-12. Oktober 2019, Mannheim; Michael A. Überall et al; Poster P11.01 und P08.03. Redaktion: Dr. Nina Mörsch, Dr. Maria Weiß

Seit 2010 bietet die IMG im Auftrag mehrerer gesetzlicher Krankenkassen an, bei Patienten mit bereits geplanten Operationen an Wirbelsäule oder großen Gelenken OP-Indikation und konservative Therapiealternativen im Rahmen des Zweitmeinungsverfahrens nach § 140 a SGB V zu überprüfen. Dazu erhalten die Patienten in den bundesweit 38 regionalen IMC-Zentren innerhalb von sieben Werktagen einen Termin. Eine interdisziplinäre Schmerzkonferenz bewertet dann den individuellen Fall. 

Rücken-Operationen inzwischen häufigster Eingriff

Hartnäckige chronische Rückenschmerzen stellen ein großes gesundheitliches Problem dar. Obwohl der Stellenwert operativer Eingriffe zur Linderung der Schmerzen hier mehr als umstritten ist, sind Operationen an der Wirbelsäule mit einer 10-Jahreszuwachsrate von 71 % bei uns die häufigste Operation überhaupt. Allein im Jahr 2017 wurden bundesweit 772.000 solcher Eingriffe durchgeführt.

Bis zum 31. 3. 2019 nahmen 3.824 Patienten mit geplanter und bereits terminierter Wirbelsäulen-OP bei Rückenschmerzen das Angebot der IMG zur Einholung einer Zweitmeinung wahr. Die Patienten waren im Mittel 54 Jahre alt und der Rückenschmerz bestand im Schnitt schon knapp drei Jahre.

Über 90 % der OP-Indikationen nicht bestätigt

Das erschreckende Ergebnis: Bei 92,3 % der Rückenschmerz-Patienten wurde die OP-Indikation nicht bestätigt. Bei 44,9 % wurde stattdessen zu einem ambulanten Intensivprogramm geraten, bei 47,4 % wurde die Fortsetzung der Behandlung im Rahmen der Regelversorgung als ausreichend angesehen. Dabei zeigten sich große regionale Unterschiede: In Sachsen-Anhalt lag die Ablehnungsquote bei 29,4 % in Niedersachsen konnte dagegen keine einzige OP-Indikation bestätigt werden (100 %). Nach Aussage der Krankenkasse wurde bei 79,8 % der Patienten ohne bestätigter OP-Indikation der Eingriff auch nicht später im Verlauf vorgenommen.

Gelenkersatz in 80 % nicht indiziert

Beim geplanten Gelenkersatz sah es nicht viel besser aus. Hier stellten sich 1.087 Patienten für eine Zweitmeinung bei geplanter Operation vor, von denen 204 an Schulterschmerzen, 475 an Hüftschmerzen und 408 an Knieschmerzen litten. Bei 80 % der Patienten wurde hier die bereits terminierte OP aufgrund der Zweitmeinung storniert. In 50,6 % hielten die Experten die Regelversorgung für ausreichend, in 38,2 % rieten sie zu einem dreimonatigen berufsbegleitendem Intensivprogramm und bei 11,3 % zu einem dreiwöchigen ganztägigem Intensivprogramm im Rahmen der integrierten Versorgung.

Am häufigsten wurden Schulter-Operationen abgelehnt (92,6 %), gefolgt von Knie-Operationen (81,4 %) und Hüft-Operationen (73,5 %). In 73,7 % aller abgelehnten Fälle wurde auch im Verlauf keine Operation notwendig.

Das Fazit der Autoren: OP-Indikationen bei Rücken- oder Gelenkschmerzen sollten kritisch überprüft werden. In vielen Fällen kann Patienten der nicht risikoarme Eingriff erspart werden, wenn die Möglichkeiten der konservativen Therapie und integrierten Versorgung ausgeschöpft werden.

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1. Quellen: Deutscher Schmerzkongress 2019, 9.-12. Oktober 2019, Mannheim; Michael A. Überall et al; Poster P11.01 und P08.03

Bild: © GettyImages/Wavebreakmedia

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