24. März 2020

Tessiner Ärztin:

„Führt zentrale Covid-19-Anlaufstellen ein, sonst bricht der niedergelassene Bereich zusammen“

Dr. Susanne Gresbach Verratti ist mit ihrer eigenen hausärztlichen Praxis im Tessin tätig – nur 30 Minuten von der Lombardei entfernt. Letzte Woche wurde sie selbst positiv auf das Coronavirus SARS-CoV-2 getestet und befindet sich derzeit in Quarantäne. Doch was ist nun mit der Praxis? Und wer betreut die Patienten vor Ort, wenn die Ärztin selbst krank ist?

Lesedauer: 3 Minuten

Fragen: Marina Urbanietz

Wie geht es Ihnen aktuell?

Dr. Verratti: Ich bin bereits seit Montag (16.03.2020) zuhause. In den ersten drei Tagen ging es mir ziemlich schlecht: Starker trockener Husten, Kopfschmerzen, Fieber und Durchfall. Heute geht es mir schon viel besser, ich versuche, meinen Praxisbetrieb weiterhin durch Telefonate und E-Mails aufrechtzuerhalten.

Wie funktioniert dies genau?

Dr. Susanne Gresbach Verratti, Fachärztin für Allgemein- und Innere Medizin
Dr. Susanne Gresbach Verratti, Fachärztin für Allgemein- und Innere Medizin

Dr. Verratti: Ich bin seit vergangener Woche selbst nicht mehr in der Praxis anwesend – vor Ort sind nur meine Praxishelferinnen. Sie empfangen die Pateinten und verbinden sie mit mir per Telefon. Ich muss aktuell sehr viele Telefonate führen – es ist anstrengend und vor allem auch ungewöhnlich, zudem auch weniger effizient. Aber es ist aktuell die einzige Möglichkeit, um meinen Patienten eine erste Hilfestellung zu bieten.

Über das Telefon für meine Patienten weiterhin ansprechbar zu sein, hat noch einen anderen positiven Effekt – nämlich, den psychologischen. Wenn ihre Ärztin, die nun auch mit Coronavirus infiziert ist, weiterhin Anrufe annimmt und auf dem Weg zur Genesung ist, hat dies auf viele eine beruhigende Wirkung.

Im Moment ist es noch unklar, wie lange ich in der Quarantäne bleiben muss. Laut den aktuellen Vorgaben in der Schweiz gilt: mindestens 10 Tage plus zwei symptomfreie Tage.

Was können Sie zur aktuellen Lage in der Schweiz und vor allem im Tessin sagen?

Dr. Verratti: Die Lage in der Schweiz spitzte sich in den letzten Tagen dramatisch zu. Sowohl die Zahl der Infizierten als auch der Verstorbenen steigt weiterhin ungebremst an. Anm. der Redaktion: Am 24. März 2020 hat der Kanton Tessin 1.211 Covid-19-Infektionen und 53 Todesfälle gemeldet, davon 46 Neuinfektionen und 5 Todesfälle in den letzten 24 Stunden.

Die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) hat am 19. März 2020 eine Stellungnahme zu Covid-19 veröffentlicht. Dort werden intensivmedizinische Maßnahmen und die aktuell in der Schweiz verfügbaren Ressourcen beschrieben. Den Volltext der Stellungnahme (2 Seiten) finden Sie hier >>

Was meinen Sie, warum ist gerade das Tessin so stark vom Coronavirus SARS-CoV-2 betroffen?

Dr. Verratti: Das Tessin hat als erster Kanton in der Schweiz positiv getestete Fälle gemeldet. Es ist sicherlich in erster Linie durch die Grenznähe zu Italien bedingt. Auf 350.000 Einwohner kommen im Tessin über 78.000 Grenzgänger, die aus Norditalien – und damit auch aus der Lombardei – täglich zu uns kommen und abends dann wieder nach Hause gehen. Es ist also, eine offene Grenze mit sehr viel Bewegung.

Mittlerweile ist die Grenze dicht – es kommen nur noch Menschen mit einer Arbeitserlaubnis und Sanitätspersonal. Viele Italiener übernachten nun auch hier, um Grenzüberfahrten zu vermeiden. Dies hat wiederum Auswirkungen auf viele Grenzgänger-Familien. Aktuell kommen noch etwa 20.000 Menschen über die Grenze, davon sind 5.000 in Tessiner Krankenhäusern und Pflegeheimen beschäftigt. Wenn wir die Grenze komplett sperren würden, würde unsere Gesundheitsversorgung zusammenbrechen.

Wie bewerten Sie die Maßnahmen der Schweizer Regierung?

Dr. Verratti: Die Tessiner Politiker haben relativ schnell reagiert, weil sie die Situation in Italien vor Augen hatten. Wir sind seit über einer Woche komplett abgeschottet. Es sind nur Lebensmitteleinkäufe und Apothekenbesuche erlaubt. Menschen, die zu den Risikogruppen gehören (über 65 Jahre alt oder immungeschwächte Personen), dürfen ihr Zuhause gar nicht verlassen. In solchen Fällen wird alles von den freiwilligen Mitarbeitern der Gemeinden übernommen.

Doch trotz dieser Maßnahmen trifft man immer wieder ältere Menschen auf den Straßen, die keine Einsicht zeigen. Sie seien sowieso alt und würden in ein paar Jahren sterben – diese Argumentation hält sich leider hartnäckig in den Köpfen vieler älterer Bürger.

Was mich wirklich traurig macht, ist die aktuelle Lage in der deutschen und der französischen Schweiz. Dort greifen die Behörden immer noch nicht hart genug durch. Als ob es das Tessin mit all seinen Infizierten und Toten gar nicht gäbe!

Wo gibt es aktuell die größten Probleme?

Beatmungsbetten: Wir sind jetzt schon am Anschlag mit den Intubationsplätzen. Es wurden zwei Krankenhäuser leergeräumt, die aktuell nur für Coronapatienten genutzt werden. Es kommen täglich ca. 10 – 15 neue Patienten, die beatmet werden müssen – und dies allein in dem kleinen Spital bei mir in der Nähe. Es wurden auch Zelte vor den Krankenhäusern aufgestellt, in denen die Triage von Covid-19-Verdachtsfällen sowie der Abstrich durchgeführt werden.

Schutzausrüstung: Zudem ist die fehlende Schutzausrüstung hier – wie auch in Deutschland – ein noch immer ungelöstes Problem. Es wurden auch keine speziellen Covid-19-Test-Zentren eingerichtet. D.h. für jeden Abstrich brauchen wir ein komplettes Schutzausrüstungs-Set, das danach entsorgt werden muss. Stand heute haben wir in der Praxis 4 FFP-2 Masken, 6 Schutzmäntel und immer noch keine einzige Schutzbrille.

Tests: Aktuell haben wir sowohl zu wenig Tests als auch Laborkapazitäten. Es werden nur Risikogruppen und Patienten mit schweren Verläufen getestet.  D.h. Patienten mit leichteren Verläufen werden statistisch gar nicht erfasst.

Was würden Sie deutschen Ärzten empfehlen?

Ganz wichtig: führt zentrale Anlaufstellen für Covid-19-verdächtige Patienten ein, in denen auch die entsprechenden Tests durchgeführt werden! Praxen können es nicht bewerkstelligen – ohne diese Zentren wird wahrscheinlich bald das ganze Gesundheitssystem im niedergesessenen Bereich lahmgelegt. Schon jetzt sind hier einige Arztpraxen geschlossen, weil Ärzte sich infiziert haben.

Patienten mit Verdacht auf Covid-19 sollten die Praxen im besten Fall erst gar nicht betreten – und schon sicherlich nicht ohne ausreichenden Schutz für Ärzte und Praxismitarbeiter. Als Hausärztin oder Hausarzt fühlt man sich bei der aktuellen Lage einfach nur verheizt.

Ihre Einschätzung: Wann wird sich die Lage in der Schweiz stabilisieren?

Dr. Verratti: Es ist schwierig einzuschätzen. Bei uns geht man aktuell von 2 bis 3 Monaten aus – also Juni ungefähr.

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653