13. April 2021

Zecken

Neue FSME-Hotspots, Tropenzecken & neue Krankheitserreger

Auch außerhalb bekannter Risikogebiete rechnen Experten langfristig mit einer steigenden FSME-Gefahr. Ein weiteres Risiko sind neue Infektionskrankheiten durch eingeschleppte Zeckenarten.1

Lesedauer: 3 Minuten

Autor: Dr. Jürgen Sartorius

Im vergangenen Jahr waren in Deutschland mehr als 700 Menschen an Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) erkrankt, der bisher höchste Wert. Während in den südlich angrenzenden Ländern Rekordzahlen gemeldet und neue Risikogebiete ausgewiesen wurden, ist in den nördlichen Nachbarländern die Erkrankungshäufigkeit sogar zurückgegangen. Insgesamt rechnen Experten langfristig mit einer steigenden FSME-Gefahr ‒ auch außerhalb der bekannten Risikogebiete. Zudem könnten eingeschleppte Zeckenarten weitere Infektionskrankheiten ins Land bringen.

In Risikogebieten: FSME-Infektion bei jedem 50. bis 100. Zeckenstich

In den Risikogebieten liegt die Wahrscheinlichkeit einer FSME-Infektion nach einem Zeckenstich bei 1:50 bis 1:100. Nach zirka 10 Tagen treten grippeähnliche Symptome auf. Bei rund einem Drittel der Patienten kommt es nach einer vorübergehenden Besserung zu einem erneuten Fieberanstieg und einer 2. Krankheitsphase.

Bei leichten Verläufen klagen die Patienten vorwiegend über starke Kopfschmerzen. Bei schwereren Verläufen sind auch Gehirn und Rückenmark beteiligt. Zu den Symptomen gehören Koordinationsstörungen, Lähmungen, Sprach- und Sprechstörungen sowie Bewusstseinsstörungen und epileptische Anfälle. Für ca. 1% der Patienten endet die Krankheit tödlich.

Ist die Krankheit erst einmal ausgebrochen, können nur die Symptome therapiert werden. In Deutschland sind schätzungsweise nur rund 20% der Bevölkerung geimpft. Dabei ist die Impfung wirksam, wird von den Krankenkassen bezahlt und ist gut verträglich. 

Ausbreitung der Zecken und Erreger ändert sich

Südlich der deutschen Mittelgebirge sind im Jahr 2020 die FSME-Zahlen zum Teil dramatisch angestiegen, während nördlich davon die Erkrankungshäufigkeit praktisch unverändert geblieben ist. Jedoch wurde 2019 das Emsland als erstes Gebiet in Niedersachsen zum Risikogebiet erklärt.

Aber nicht in allen Risikogebieten sind die Zahlen angestiegen. Betroffen sind vor allem Naturherde, die in höheren Lagen angesiedelt sind. „Leider kennen wird die konkrete Ursache für diese Zahlen nicht“, bedauert Prof. Dr. Ute Mackenstedt, Zeckenexpertin an der Universität Hohenheim. „Generell beobachten wir aber seit Jahren, dass sich das Risiko nicht mehr lokal eingrenzen lässt. Dabei korreliert die Anzahl der Erkrankungen nicht zwangsläufig mit der Zeckenzahl.“ 

„Insgesamt beobachten wir überwiegend eine Wanderung der FSME von Ost nach West. Eine Rolle spielt dabei sicherlich auch der Klimawandel. So ist der gemeine Holzbock, Ixodes ricinus, jetzt auch im Winter aktiv“, so Mackenstedt.

Zudem breitet sich auch die das ganze Jahr über aktive Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) in Deutschland immer weiter aus. „Auch sie könnte durchaus eine Rolle bei der Ausbreitung des FSME-Erregers spielen“, so Mackenstedt, „denn letztes Jahr konnten wir zum ersten Mal FSME-Viren in einer Auwaldzecke aus Sachsen nachweisen.“

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Exotische Zecken bergen Risiko für Tropenkrankheiten

Auch aus Regionen außerhalb Deutschlands werden Zecken eingeschleppt. So kann die braune Hundezecke, die aus dem Mittelmeerraum und Nordafrika stammt, anders als alle einheimischen Zecken problemlos in Gebäuden und Wohnungen überleben. In der Regel befallen diese Zecken nur Hunde, jedoch kam es im Ausland auch schon zu Stichen an Menschen und zur Übertragung des Mittelmeer-Fleckfiebers.

Zusätzlich wurde die Hyalomma-Zecke aus Afrika, Asien und Südeuropa eingeschleppt. „Sie überträgt zwar keine FSME, aber verschiedene andere Krankheitserreger, die das so genannte Krim-Kongo Hämorrhagische Fieber, das Arabisch Hämorrhagische Fieber und eine Form des Zecken-Fleckfiebers hervorrufen können“, so Mackenstedt. „Bislang konnten wir in Deutschland zum Glück jedoch nur die Erreger des Zecken-Fleckfiebers nachweisen.“

Hyalomma wird bis zu 2 cm groß und hat auffällig gestreifte Beine. Sie erkennt Warmblüter auf Distanzen von bis zu 10 Metern und kann sie über mehrere 100 Meter verfolgen. Bisher wurde sie hauptsächlich auf Pferden gefunden.

Zur Dokumentation der Verbreitungsgebiete bittet die Universität Hohenheim, verdächtige Zecken zur Untersuchung in kleinen, festverschlossenen Behältern an
Prof. Mackenstedt
Parasitologie
Emil-Wolff-Straße 34
70599 Stuttgart
zu schicken, ohne dass diese mit Klebeband in Berührung kommen.

Dieser Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.de.

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