07. Juli 2020

West-Nil-Virus könnte sich in Deutschland etablieren

Im vergangenen Jahr gab es das erste Mal Nachweise für Infektionen mit dem West-Nil-Virus in Deutschland. Bei einem warmen, langen Sommer könnte die Tropenkrankheit erneut auftreten, so Experten.

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf dem epidemiologischen Bulletin des Robert-Koch-Instituts vom 18. Juni 2020. Redaktion: Marc Fröhling

Das West-Nil-Virus (WNV), der von Stechmücken übertragene Erreger der Tropenkrankheit West-Nil-Fieber, stammt ursprünglich aus Afrika und wurde durch Zugvögel als Amplifikationswirte auch nach Europa verbreitet. An Vögeln infizierte Mücken können den Erreger aber auch auf Säugetiere – vor allem Pferde – und auf Menschen übertragen. Im Gegensatz zu Vögeln sind beides jedoch Fehlwirte. In Deutschland kann der Erreger von den weit verbreiteten Stechmücken der Gattung Culex übertragen werden.1,2

West-Nil-Fieber: Nach einer Infektion mit dem West-Nil-Virus entwickelt rund ein Fünftel der Infizierten eine fieberhafte, grippeähnliche Erkrankung – etwa einer von 100 Infizierten erkrankt schwer. Alles über Krankheitsverlauf, Diagnostik und Therapie lesen Sie in dieser Übersicht.

Möglichkeit der weiteren dauerhaften Ausbreitung in Deutschland

Verbreitet ist der Erreger vor allem in Afrika, Israel, der Westtürkei, dem Mittleren Osten, Indien, Teilen Südostasiens und inzwischen auch in Nord- und Südamerika. In südeuropäischen Ländern wird es schon seit langem saisonal im Sommer übertragen und kann auch dort überwintern. Das Robert Koch-Institut (RKI) hält Infektionen mit dem WNV nun auch in Deutschland dauerhaft für möglich.

Laut dem jüngsten Epidemiologischen Bulletin des Instituts lassen Erfahrungen in Südeuropa vermuten, dass sich das West-Nil-Fieber in Deutschland etablieren und weiter ausbreiten wird. Vor allem längere Sommer mit hohen Temperaturen könnten zu einer verlängerten Saison und einer weiteren räumlichen Ausbreitung beitragen.

WNV: Entwicklung des Infektionsgeschehens in Deutschland

Bereits im Zeitraum zwischen 2003 und 2013 wurden 9 reiseassoziierte Fälle von West-Nil-Fieber gemeldet. Seit 2016 sind in Deutschland akute humane Infektionen mit Arboviren wie dem WNV und dem verwandten Usutu-Virus meldepflichtig. Ein besonders starker WNV-Ausbruch in Südeuropa im Jahr 2018 führte auch in Deutschland im Sommer zu positiven Nachweisen bei Vögeln und Pferden, außerdem wurden 11 humane Infektionen übermittelt. 10 Fälle waren reiseassoziiert, die Infektion eines bayerischen Tierarztes war autochthon, jedoch nicht durch Stechmücken übertragen.1

Im Jahr 2019 erfasste das RKI 12 weitere WNV-Erkrankungen. In 7 Fällen handelte es sich um reiseassoziierte Infektionen, fünf Infektionen in Ostdeutschland waren autochthon. Drei der fünf Fälle waren neuroinvasive Erkrankungen, was aufgrund des klinischen Spektrums (80 % asymptomatische, 19 % symptomatische mit unkomplizierter Erkrankung, 1 % neuroinvasive Infektion mit schwerer Erkrankung) auf eine deutlich höhere Zahl nicht übermittelter Infektionen schließen lässt. Die Übertragung erfolgte aller Wahrscheinlichkeit nach über Stechmücken.1

Das West-Nil-Virus in Deutschland

  • Seit 2016 ist eine Infektion mit dem West-Nil-Virus hierzulande meldepflichtig.
  • 2018: Erster Virusnachweise bei Vögeln und Pferden.
  • Im Ausland steckten sich 2019 nachweislich sieben Bundesbürger an. Todesfälle sind bislang nicht bekannt.
  • Spätsommer 2019: In Ostdeutschland wurden erstmals fünf Infektionen beim Menschen diagnostiziert, die vermutlich auf Mückenübertragung im Inland zurückgehen.

Gebiete mit bekannter Zirkulation: RKI rät zu WNV-Diagnostik

Abb. 1: WNV-Fälle beim Menschen und Nachweise bei Tieren. Grafik aus dem Epidemiologischen Bulletin des Robert-Koch-Instituts.

Laut dem Epidemiologischen Bulletin sind WNV-Befunde bei Vögeln und Pferden geografisch und zeitlich indikativ für eine Zirkulation des Virus und einem Infektionsrisiko beim Menschen. Alle bestätigten Fälle aus dem vergangenen Jahr lebten in Landkreisen, in denen WNV-Infektionen an Tieren dokumentiert wurden. (Abbildung 1)

Eine junge US-Amerikanerin, die seit Tagen unter wässrigen Durchfällen und Fieber leidet, wird in einer Klinik positiv auf das West-Nil-Virus getestet. Wie die Kollegen bei der Diagnose und Behandlung vorgegangen sind, lesen Sie in diesem spannenden Patientenfall.

Ärzte sollten vor allem im Sommer und Spätsommer in Gebieten mit Nachweisen für das Virus bei Patienten mit Enzephalitiden unklarer Herkunft und bei örtlicher Häufung von Fieber unklaren Ursprungs mit und ohne Hautausschlägen auch eine WNV-Infektion in Betracht ziehen, so das RKI. Dies gilt auch, wenn keine Reiseanamnese vorliegt.

Ein Impfstoff wurde bislang nicht entwickelt. Älteren Menschen und Personen mit Vorerkrankungen wird insbesondere im Sommer und Spätsommer in den betroffenen Gebieten Schutz vor Mückenstichen empfohlen. Eine Übertragung ist laut RKI auch durch Organtransplantation, Bluttransfusionen sowie während der Schwangerschaft möglich.

1. Robert-Koch-Institut: Epidemiologisches Bulletin. Aktuelle Daten und Informationen zu Infektionskrankheiten und Public Health. 25 2020; 18. Juni 2020.
2. West-Nil-Fieber im Überblick. Robert-Koch-Institut, Stand 26.08.2019
3. Vermutung: West-Nil-Virus etabliert sich in Deutschland. Deutsche Presseagentur; 19.06.2020.

Titelbild: © Getty Images/fermate

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653