09. Mai 2019

Wechselwirkungen von Arznei- und Nahrungsmitteln

Die Wirkung von Arzneimitteln kann durch gleichzeitige Nahrungsaufnahme verstärkt oder abgeschwächt werden oder es können unerwünschte Wirkungen auftreten. Erfahren Sie hier klinisch relevante Wechselwirkungen im Überblick.

Lesedauer: 2 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf Informationen der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V.1 und der Apothekerkammer Niedersachsen.2 Die Übersicht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Redaktion: Dr. Nina Mörsch

1. Calcium-haltige Lebensmittel: Milch & Co.

Milch, Milchprodukte, Calcium-angereicherte Fruchtsäfte und Calcium-reiche Mineralwässer können mit folgenden Arzneistoffen interagieren: Schilddrüsenhormone: Symptome einer Hypothyreose wie Müdigkeit, Gewichtszunahme und Kälteintoleranz; Bisphosphonate: Je nach Einsatzgebiet zum Beispiel verminderte Knochendichte und Hypercalciämie; Gyrasehemmer und Tetracycline: Verminderte antimikrobielle Wirksamkeit und damit Therapieversagen.

  • Calciumionen bilden mit den Arzneistoffen der oben aufgeführten Arzneistoffgruppen Komplexe, die nur schwer resorbierbar sind. Bei den Gyrasehemmern ist eine klinisch relevante Komplexbildung mit Calciumionen nur für Ciprofloxacin und Norfloxacin beschrieben.

Take-Home-Message: Die aufgeführten Arzneistoffe dürfen nicht mit Calcium-reichen Nahrungsmitteln eingenommen werden, der Abstand sollte mindestens 2 bis 3 Stunden betragen. Die Einnahme der Medikamente sollte mit Leitungswasser erfolgen. Die Apothekerkammer Niedersachsen rät: Bei Einnahme von Bisphosphonate muss konsequent mindestens eine Stunde vor und mindestens zwei Stunden nach der Mahlzeit auf die Einnahme von Calcium-haltigen Mitteln verzichtet werden.

2. Koffein-haltige Nahrungsmittel: Kaffe, Cola & Tee

Kaffee, Tee, Cola, Mate, Energy Drinks und größere Mengen Bitterschokolade können mit folgenden Arzneistoffen interagieren: Clozapin (atyp. Neuroleptikum): Mögliche Verstärkung von Wirkung und Nebenwirkungen. Bei einer Koffeinkarenz nach längerem Koffeinkonsum verminderte Wirksamkeit möglich; Gyrasehemmer (Enoxacin, unter bestimmten Voraussetzungen auch Ciprofloxacin und Norfloxacin): Die Folge der Wirkverstärkung von Koffein sind Erregung, Unruhe, Schlaflosigkeit, Halluzinationen.

  • Clozapin: Die Metabolisierung von Koffein und Clozapin erfolgt über CYP1A2. Koffein selbst wirkt zudem als schwacher CYP1A2­Inhibitor. Hierdurch kann der Clozapin-Plasmaspiegel erhöht werden. Nach 5 Tagen Koffeinkarenz kann der Clozapin-Plasmaspiegel aufgrund der nicht mehr vorhandenen Enzyminhibition laut Fachinformation um etwa 50% sinken.

    Gyrasehemmer: Die Metabolisierung von Koffein erfolgt über CYP1A2. Einige Gyrasehemmer hemmen CYP1A2. Am stärksten interagiert Enoxacin, gefolgt von Ciprofloxacin und Norfloxacin. Die übrigen Gyrasehemmer scheinen nicht zu interagieren.

Take-Home-Message: Patienten sollten während der Clozapin-Therapie auf konstanten Koffeinkonsum achten und abrupte Veränderungen des Koffeinkonsums mit ihrem Arzt abstimmen, da eine Dosisanpassung notwendig werden kann. Während der Behandlung mit Enoxacin sollten Patienten auf koffeinhaltige Nahrungsmittel verzichten. Dasselbe gilt für die Behandlung mit Cipro­ und Norfloxacin bei Patienten mit Krampfanfällen oder Herzrhythmusstörungen in der Anamnese.

3. Grapefruit und Pomelo

Grapefruit (Citrus paradisi L.) und Grapefruitsaft können mit folgenden Arzneistoffen interagieren: Wirkungsverstärkung: Calciumantagonisten des Nifedipin-Typs (Amlodipin, Verapamil), Cholesterinsenker (Atorvastatin, Lovavastatin, Simvastatin), Immunsuppressiva (Ciclosporin, Tacrolimus, Everolimus und Sirolimus), Ivabradin, Ivacaftor, Lomitapid, Ranolazin, Colchicin, Terfenadin. Wirkungsabschwächung: Verminderte Resorption von Aliskiren, Bilastin, Fexofenadin, Celiprolol (evtl. Atenolol); Verminderte Aktivierung von Cylophosphamid und Ifosfamid.

  • Grapefruit-Inhaltsstoffe hemmen irreversibel das Enzym CYP3A4 in der Darmwand. Als Konsequenz können die Plasmaspiegel der Substanzen, die Substrat von CYP3A4 sind, ansteigen und Nebenwirkungen auftreten. Stoffe, die durch CYP3A4 bioaktiviert werden, können dadurch weniger wirksam werden. Die Hemmung beginnt wenige Stunden nach Einnahme von Grapefruit und kann einige Tage anhalten. Grapefruit­Inhaltsstoffe hemmen außerdem die Organischen-Anionen-Transporter­Peptide (OATP) und damit die Resorption bestimmter Arzneistoffe.

Take-Home-Message: Während der Behandlung mit den betroffenen Arzneistoffen soll auf den Konsum von Grapefruits und deren Saft gänzlich verzichtet werden. Auch die Pomelo, eine Kreuzung aus Pampelmuse (Citrus maxima) und Grapefruit (Citrus paradisi), kann mit verschiedenen Arzneistoffen interagieren. Um sicherzugehen sollte auch auf diese Früchte verzichtet werden.

4. Echte Lakritze

Lakritze mit Extrakt aus der Süßholzwurzel (Liquiritiae radix) kann mit Antihypertensiva, insbesondere kaliuretischen Diuretika interagieren: Mögliches Auftreten einer Hypokaliämie (Serum-Konzentration <3,5 mmol/l) mit Muskelschwäche, Hyporeflexie, Somnolenz, und typischen EKG-Veränderungen mit der Gefahr von Herzrhythmusstörungen. Zudem ist ein Blutdruckanstieg möglich.

  • Der in echter Lakritze enthaltene Extrakt aus Süßholzwurzel beinhaltet relevante Mengen an Glycyrrhizinsäure, die eine indirekte mineralocorticoide Wirkung hat. Als Folge kann es zu einem erhöhten renalen Verlust an Kalium, einer verstärkten renalen Rückresorption von Kochsalz und Wasser sowie einem sich daraus ergebenden Blutdruckanstieg kommen.

Take-Home-Message: Hypertoniker sollten Lakritze nur in Maßen oder gar nicht zu sich nehmen.

Schwarzer Tee, Blattsalate & Alkohol: Im zweiten Teil des Beitrags erfahren Sie, welche Arzneimittel mit schwarzem Tee, Blattsalaten oder Alkohol interagieren können.

1. ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände: Interaktionen zwischen Arzneimitteln und Lebensmitteln

2. Apothekerkammer Niedersachsen: Die häufigsten Wechselwirkungen zwischen Arznei- und Nahrungsmitteln

Bild: © iStock.com/AntonioGuillem, nehopelon, grandriver, joannatkaczuk, fotograv

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