06. März 2019

Was Patienten Ärzten nicht sagen – und weshalb

Dass Patienten bei Arztbesuchen nicht immer ehrlich sind, vermuten Ärzte schon lange („Angaben zum Alkoholkonsum verdoppeln, zu sportlichen Aktivitäten halbieren”). Nun wurde in einer großen Studie untersucht, was Patienten ihren Ärzten verschweigen und welche die Gründe dafür sind.

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einer Publikation bei JAMA Network Open, die Christoph Renninger für Sie zusammengefasst hat.1

7 Situationen für unehrliches Patienten-Feedback

US-amerikanische Wissenschaftler haben über zwei Online-Umfragen (Amazon’s Mechanical Turk, MTurk und Survey Sampling International, SSI) insgesamt 4510 Personen befragt, ob sie gegenüber Ärzten oder anderem medizinischen Personal relevante Informationen verschwiegen haben. Dabei gaben 81,1% (MTurk) bzw. 61,4% (SSI) der Befragten an, mindestens eine Information ihren behandelnden Ärzten vorenthalten zu haben.

Folgende sieben Situationen wurden abgefragt, in denen Patienten es vermieden haben, ihren Ärzten die Wahrheit zu sagen:

  • Die Anweisungen des Arztes wurden nicht verstanden.
  • Sie stimmen den Handlungsempfehlungen nicht zu.
  • Sie sind nicht oder nicht regelmäßig sportlich aktiv.
  • Sie ernähren sich ungesund.
  • Sie nehmen bestimmte Präparate ein und erwähnen dies bewusst nicht.
  • Sie nehmen ihre Medikamente nicht wie verordnet ein.
  • Sie nehmen verschreibungspflichtige Medikamente von anderen Personen ein.

Am häufigsten waren Patienten unehrlich, wenn sie mit den Handlungsempfehlungen ihres Arztes nicht einverstanden waren, aber nicht widersprachen (MTurk: 45,7%, SSI: 31,4%). Gefolgt von der Angabe, dass Patienten schwiegen, auch wenn sie die Anweisungen nicht verstanden haben (MTurk: 31,8%, SSI: 24,3%). Knapp jeder fünfte Patient machte falsche Aussagen zu seiner Ernährung, der Therapietreue und sportlichen Aktivitäten. Etwa 10% waren nicht ehrlich, wenn sie zu eingenommenen Medikamenten befragt wurden.

Furcht vor Verurteilung und Belehrung

Gaben die Befragten an, in einer Situation gegenüber ihrem Arzt nicht die Wahrheit gesagt zu haben, wurden die Gründe hierfür abgefragt. Die fünf häufigsten Aussagen waren hierbei:

  • „Ich wollte nicht verurteilt oder belehrt werden.”
  • „Ich wollte nicht hören, wie schlecht mein Verhalten für mich ist.”
  • „Es war mir peinlich zuzugeben, dass ich…”
  • „Ich wollte nicht, dass mein Arzt denkt, ich sei ein schwieriger Patient.”
  • „Ich wollte nicht noch mehr Zeit des Arztes in Anspruch nehmen.”

Die Furcht vor einer Verurteilung oder einer Belehrung war mit 81,8% (MTurk) bzw. 64,1% (SSI) der Befragten das häufigste Argument gegen eine wahrheitsgemäße Aussage. Weitere genannte Gründe waren die Befürchtung, für dumm gehalten zu werden, die Annahme, dass der Arzt bei den Problemen nicht helfen könne, oder schlechte Erfahrungen im Austausch mit medizinischem Personal.

Frauen, Jüngere und Kranke lügen häufiger

Bei der Analyse von Subgruppen zeigte sich, dass Frauen, Patienten unterhalb des Altersdurchschnitts und Personen, die ihren Gesundheitszustand auf einer Skala von 1 bis 5 eher als schlecht beschrieben, signifikant häufiger in mindestens einer der sieben Situationen nicht die Wahrheit sagten. Keine Unterschiede beim Verhalten gegenüber Ärzten gab es hinsichtlich der Ethnie, des Bildungsgrads oder bei Patienten mit chronischen Krankheiten.

Die Studienautoren zeigen sich über dieses Resultat beunruhigt, da es besonders bei schwerkranken Patienten zu einer Beeinflussung der Therapie führen kann. Sie fordern daher zu einer offenen und ehrlichen Kommunikation auf, sowohl von Ärzten als auch Patienten.

Amazon’s Mechanical Turk und Survey Sampling International

Die 2011 Teilnehmer in der MTurk-Umfrage waren im Durchschnitt 36 Jahre alt (18-79 Jahre), zu 60,7% weiblich und beschrieben zu 84,8% ihre Gesundheit als sehr gut oder gut. 450 von ihnen hatten eine chronische Erkrankung.

In der SSI-Umfrage mit 2499 Teilnehmern lag das Durchschnittsalter bei 61 Jahren (50-91 Jahre), 51,1% waren Frauen und bei sehr guter oder guter Gesundheit waren 79,5%. Der Anteil der Personen mit einer chronischen Krankheit lag bei 39,2%.

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  1. Gurmankin Levy A et al. Prevalence of and factors associated with patient nondisclosure of medically relevant information to clinicians. JAMA Network Open 2018; 1(7): e185293

Bildquelle: © istock.com/malerapaso

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