Macht Vitamin D die Knochen stark?
Vitamin D erhält die Knochengesundheit und mindert so langfristig das Frakturrisiko: Dies ist ein von vielen gehegter Glaubenssatz. Doch Ergebnisse aus der Forschung lassen an der Annahme zweifeln. Sollte der Nutzen einer Vitamin-D-Supplementierung neu überdacht werden?1,2
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Autorin: Ashley Lyles | Redaktion: Sonja Imgrund
Nützlich, unnützlich oder sogar schädlich?
Frühere randomisierte, kontrollierte Studien haben in Bezug auf das Frakturrisiko widersprüchliche Ergebnisse erbracht. Einige haben gezeigt, dass die zusätzliche Einnahme von Vitamin D einen gewissen Nutzen hat, während andere keine Wirkung oder sogar einen Schaden in Bezug auf das Frakturrisiko gezeigt haben, so Meryl S. LeBoff, MD, Professorin für Medizin an der Harvard Medical School und Leiterin der Abteilung für Kalzium und Knochen am Brigham and Women's Hospital in Boston, Massachusetts, und Kollegen im Gespräch mit Medscape Medical News.
LeBoff erklärt: „Aufgrund der widersprüchlichen Daten haben wir diese Hypothesen getestet, um die Wissenschaft und das Verständnis für die Auswirkungen von Vitamin D auf die Knochen voranzubringen.“
Kein Einfluss auf Knochendichte und Knochenstruktur
„In einer früheren Studie – einer Teilkohorte der VITAL-Studie – konnten wir keine Wirkung von zusätzlichem Vitamin D auf die Knochendichte feststellen,“ berichtet LeBoff. Die Ergebnisse der Studie zeigten: Die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten führte im Vergleich zu Placebo nicht zu einer signifikanten Verringerung des Risikos von Knochenbrüchen bei Erwachsenen in der Lebensmitte und bei älteren Erwachsenen.
VITAL war eine randomisierte, kontrollierte Studie, in welche 25.871 Personen aus 50 US-Staaten eingeschlossen wurden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten entweder Vitamin D3 (2000 IE pro Tag) oder ein Placebo. Alle eingeschlossenen Personen wiesen weder eine geringe Knochenmasse noch einen Vitamin-D-Mangel oder Osteoporose auf. Alle Probandinnen und Probanden erklärten sich bereit, nicht mehr als 1200 mg Kalzium und nicht mehr als 800 IE Vitamin D pro Tag mit der Nahrung aufzunehmen. Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 5,3 Jahre.
Die Ergebnisse im Überblick
- 2000 IE Vitamin D täglich erhöhten weder die Knochendichte noch beeinflusste es die Knochenstruktur.
- Ohne gleichzeitige Einnahme von Kalzium zeigte die Vitamin D-Supplementierung keine signifikante Auswirkung auf nicht-vertebrale Frakturen (Hazard Ratio [HR], 0,97; P = 0,50), Hüftfrakturen (HR, 1,01; P = 0,96) oder Gesamtfrakturen (HR, 0,98; P = 0,70) gegenüber dem Placebo.
- Das Auftreten von Nierensteinen und Hyperkalzämie war in beiden Gruppen vergleichbar.
- Die Wirkung der Vitamin-D-Supplementierung wurde nicht durch Ausgangsparameter wie ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, Body-Mass-Index, Alter oder 25-Hydroxyvitamin-D-Blutspiegel beeinflusst.
- Es gab keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Gruppen in Bezug auf unerwünschte Ereignisse.
"Die Messung von 25-Hydroxyvitamin D in der Allgemeinbevölkerung ist nicht gerechtfertigt“
Diese Ergebnisse sollten die Vorstellung widerlegen, dass Vitamin D allein die Frakturraten in der Allgemeinbevölkerung signifikant senken könnte, so Steven R. Cummings, MD, von der University of California, San Francisco, und Clifford Rosen, MD, vom Maine Medical Center Research Institute, Scarborough, in einem begleitenden Leitartikel.
"Wenn man diese Ergebnisse mit früheren Berichten aus VITAL und anderen Studien zusammenfügt, die das Fehlen einer Wirkung bei der Vorbeugung zahlreicher Krankheiten zeigen, sollten Anbieter aufhören, den 25-Hydroxyvitamin-D-Spiegel zu untersuchen oder Vitamin-D-Supplemente zu empfehlen, und die Menschen sollten aufhören, Vitamin-D-Präparate einzunehmen, um schweren Krankheiten vorzubeugen oder das Leben zu verlängern", schreiben die Autoren.
Cummings und Rosen weisen darauf hin, dass diese Ergebnisse zusammen mit anderen Daten der VITAL-Studie zeigen, dass keine Untergruppen, die auf der Grundlage der 25-Hydroxyvitamin-D-Grundwerte klassifiziert wurden, einschließlich derjenigen mit Werten <20 ng/ml, von der Vitamin-D-Supplementierung profitierten.
"Es gibt keine Rechtfertigung für die Messung von 25-Hydroxyvitamin D in der Allgemeinbevölkerung oder die Behandlung auf einen Ziel-Serumspiegel. Ein 25-Hydroxyvitamin-D-Spiegel könnte ein nützlicher diagnostischer Test für einige Patienten mit Erkrankungen sein, die auf einen schweren Mangel zurückzuführen sind oder einen solchen verursachen können", so die Herausgeber.
Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.


