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Praxis-Wissen kompakt

10. Aug. 2022
Vitamin-D-Intoxikation und schwere Hyperkalzämie

Folgen einer exzessiven Supplementierung

Ein Mann mittleren Alters wurde mit einer langen Liste an Symptomen ins Krankenhaus eingewiesen. Eingesetzt hatten diese kurz nach Beginn einer – auf Anraten eines privaten Ernährungsberaters durchgeführten – „Vitamintherapie mit einer täglichen Ration von über 20 Nahrungsergänzungsmitteln. 1–3

Lesedauer: ca. 4 Minuten

Supplementierung

Autorin: Marie Fahrenhold

Ein Patient mittleren Alters aus England wurde von seinem Hausarzt ins Krankenhaus eingewiesen, nachdem er über wiederkehrendes Erbrechen, Übelkeit, Bauchschmerzen, Beinkrämpfe, Tinnitus, Mundtrockenheit, vermehrten Durst, Durchfall und Gewichtsverlust von fast 13 Kilogramm geklagt hatte. Dies geht aus einem Fallbericht des Diabetologen und Endokrinologen Dr. Alamin Alkundi und Kollegen von der East Kent Hospitals University in Canterbury (UK) hervor, der kürzlich im British Medical Journal Case Rep veröffentlicht wurde. 1

Der Patient gab an, seit etwa drei Monaten und auf Anraten eines privaten Ernährungsberaters täglich folgende Präparate eingenommen zu haben:

  • Vitamin D 150.000 IE (Tagesbedarf: 400 IE pro Tag)
  • Vitamin K2 100 µg (Tagesbedarf: 100–300 μg)
  • Vitamin C
  • Vitamin B9 (Folsäure) 1000 µg (Tagesbedarf: 400 μg)
  • Vitamin B2 (Riboflavin)
  • Vitamin B6
  • Omega-3 2000 mg zweimal täglich (Tagesbedarf: 200–500 mg)
  • Selen
  • Zinkpicolinat 15 mg (Tagesbedarf: 11 mg)
  • Vitamin B3 50 mg (Tagesbedarf: 16 mg)
  • Super-B12-Komplex 1000 µg
  • 15%ige Lugolsche Lösung-Pillen
  • Borax-Pulver (Natriumtetraborat-Decahydrat)
  • L-Lysin-Pulver 500 µg (Tagesbedarf an L-Lysin: 1000-1500 μg) mit N-Acetyl-Cystein 600 mg (Tagesbedarf: 600-1800 mg)
  • Wobenzym N 400
  • Astaxanthin-Gel 18 mg
  • Magnesiummalat 1000 mg
  • Magnesiumcitrat 1480 mg
  • reines Taurin 1–2 g
  • Glycin-Pulver 1 g
  • Cholin (+ Inositol) 100 mg
  • Kalziumorotat 1000 mg
  • Probiotika
  • Glukosamin- und Chondroitin-Komplex
  • Natriumchlorid

Als die oben genannten Symptome auftraten, setzte der Patient die Einnahme der Nahrungsergänzungsmittel selbstständig ab – die Symptome blieben aber bestehen.

Abnorme Serumkalzium- und Vitamin-D-Konzentrationen

Klinisch imponierten wenige Auffälligkeiten. Er machte einen leicht kachektischen Eindruck mit einer leichten diffusen Druckempfindlichkeit des Abdomens. Die Vitalzeichen waren unauffällig.

Eine erste Reihe von Bluttests, die vom Hausarzt des Patienten durchgeführt wurden, ergaben erhöhte Serumkalziumwerte (3,9 mmol/l) sowie Kreatinin- und Harnstoffspiegel, die deutlich über der Norm (166 µmol/l, 13,4 mmol/l) lagen. Die Magnesiumserumkonzentration lag bei 1,04 mmol/l, die Vitamin-D-Konzentration bei > 400 nmol/l.

Die bakteriologischen und parasitologischen Untersuchungen des Stuhls ergaben keine positiven Befunde, ebenso die Evaluation der Schild- und Nebenschilddrüse sowie das Zöliakie-Screening. Die morgendlichen Kortisolspiegel waren ebenfalls unauffällig. Mithilfe radiologischer Bildgebungsuntersuchungen (MRT Kopf, PET-Scan, CT von Brust, Abdomen, Becken) wurden maligne Erkrankungen ausgeschlossen, die für die Symptomatik verantwortlich hätten sein könnten.

Diagnose: Vitamin-D-Intoxikation und Hyperkalzämie

Alkundi und Kollegen diagnostizierten bei dem Mann eine Vitamin-D-Intoxikation und Hyperkalzämie infolge der exzessiven Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. Die tägliche Ration beinhaltete mehr als 20 aktive Substanzen, wie das Autorenteam betont.

Der Patient wurde für acht Tage stationär aufgenommen und durch eine intravenöse Flüssigkeitstherapie rehydriert. Neben täglichen Blutuntersuchungen, um den Fortschritt der Behandlung zu überwachen, wurde eine orale Bisphosphonattherapie eingeleitet. Nach ausführlichen Beratungsgesprächen wurde er schließlich entlassen und ihm empfohlen, seine Blutwerte weiterhin regelmäßig kontrollieren zu lassen. Die Therapie mit oralen Bisphosphonaten und Antiemetika hat der Mann auch nach Entlassung aus dem Krankenhaus fortgesetzt.

Zwei Monate nach Entlassung war der Serumkalziumspiegel des Patienten auf 2,6 mmol/l gesunken, während der Vitamin-D-Spiegel mit > 400 nmol/l weiterhin stark erhöht blieb. Er blieb bis zur Normalisierung der Spiegel unter engmaschiger Kontrolle.

Weltweit wachsender Trend zur Hypervitaminose D

Weltweit ist laut Autorenteam ein wachsender Trend zur Hypervitaminose D zu beobachten – einem klinischen Zustand, der durch erhöhte Serum-Vitamin-D3-Spiegel (25-Hydroxy[OH]-Vitamin-D) über 250 nmol/l gekennzeichnet ist. Von einer Vitamin-D-Intoxikation spreche man hingegen erst bei 25-OH-Vitamin-D-Werten über 375 nmol/l (> 150 μg/l); allerdings würden die beiden Begriffe oft synonym verwendet werden, so Alkundi und Team.

Aufgrund des langsamen Umsatzes von Vitamin-D (Halbwertszeit von etwa zwei Monaten), während dessen sich eine Vitamin-D-Toxizität entwickelt, könnten die Symptome – je nach Grad der Toxizität – mehrere Wochen anhalten, bevor sie Anzeichen einer Besserung zeigen. 2

Multisystemische Symptome einer Vitamin-D-Intoxikation

Die Symptome und Anzeichen einer Vitamin-D-Intoxikation sind meist multisystemisch und ergeben sich laut Autorenteam größtenteils aus den Auswirkungen der intoxikationsbedingten Hyperkalzämie. Darüber hinaus können folgende Beschwerden auftreten:

  • neuropsychiatrisch: Schläfrigkeit, Verwirrung, Apathie, Psychose, Depression, Stupor und Koma
  • gastrointestinal: Anorexie, Bauchschmerzen, Erbrechen, Verstopfung, Magengeschwüre und Pankreatitis
  • kardial: Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen, verkürztes QT-Intervall, ST-Streckenveränderungen und Bradyarrhythmien
  • renal: Polyurie, Polydipsie, Dehydratation, Hyperkalzurie, Nephrokalzinose und Nierenversagen.

Auch Arthralgien, Hörverlust und Keratopathien wurden im Zusammenhang mit einer Vitamin-D-Intoxikation beschrieben.3

Fazit für die Praxis

  • Der Fallbericht verdeutliche einmal mehr die potenzielle Toxizität von Nahrungsergänzungsmitteln, die weitgehend als sicher gelten, solange sie nicht in unsicheren Mengen oder in unsicheren Kombinationen eingenommen werden, betonen die Autorinnen und Autoren.
  • Patientinnen und Patienten sollten ermutigt werden, die Meinung ihrer (Haus-)Ärztin oder ihres (Haus-)Arztes zu allen alternativen Therapien oder rezeptfreien Medikamenten einzuholen, die sie anwenden/einnehmen (möchten).
  • Ernährungsbedingte Ursachen einer Hyperkalzämie sollten bei Patientinnen und Patienten immer frühzeitig ausgeschlossen werden, bevor alternative pathologische Ursachen untersucht werden.

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