30. August 2019

Vitamin-B12-Mangel

Dieser Beitrag erscheint hier mit freundlicher Genehmigung von Deximed, der neuen Medizin-Enzyklopädie im Internet.

DEFINITION: Ist eine häufige Ursache für megaloblastäre Anämie und verschiedene neuropsychiatrische Symptome, besonders bei älteren Menschen.
HÄUFIGKEIT: Die Prävalenz von B12-Mangel bei älteren Menschen variiert in verschiedenen Studien beträchtlich von 1,5–15 %.
SYMPTOME: Zu Beginn meist asymptomatisch. Unspezifische, bei länger bestehendem Mangel auch irreversible, neurologische oder neuropsychiatrische Symptome. Hunter-Glossitis. Ggf. Anämiesymptome: Blässe, Antriebslosigkeit, Müdigkeit.
BEFUNDE: Klinische Befunde können fehlen, evtl. neurologische Ausfälle, psychiatrische Symptome, Anämiezeichen.
DIAGNOSTIK: Laboruntersuchungen. Hb, MCV, Cobalamin (Vitamin B12), Holo-Transcobalamin, Methylmalonat, Homocystein.
THERAPIE: Substitutionsbehandlung mit Vitamin B12.

  • Definition

    • Vitamin B12 (Cobalamin) ist ein essenzielles Vitamin, das ausschließlich von Mikroorganismen gebildet wird, die sich im Darm von Wiederkäuern befinden. Der Mensch ist auf die Zufuhr mit der Nahrung angewiesen.
    • Es ist wichtig für die Entwicklung der roten Blutkörperchen und für die Aufrechterhaltung der normalen Funktion des Nervensystems.
    • Ein Mangel ist eine häufige Ursache für megaloblastäre Anämie und verschiedene neuropsychiatrische Symptomen, besonders bei älteren Personen.1
    • Neurologische Symptome aufgrund eines Vitamin-B12-Mangels können vorliegen, ohne dass eine Anämie besteht.2
    • Die megaloblastäre Anämie durch Vitamin-B12-Mangel bezeichnet man auch als perniziöse Anämie (Morbus Biermer). Im engeren Sinne wird dieser Begriff nur bei der atrophischen Autoimmungastritis mit Antikörperbildung gegen Parietalzellen und den Intrinsic Factor verwendet.

    Häufigkeit

    • Zu den Risikogruppen gehören ältere Personen, Vegetarier, Veganer, Schwangere, Patienten mit Nieren- oder intestinalen Erkrankungen sowie Patienten, die bestimmte Medikamente einnehmen.3
    • Die Prävalenz von B12-Mangel bei älteren Personen variiert in verschiedenen Studien beträchtlich von 1,5–15 %.4
    • Die Möglichkeiten, Holo-Transcobalamin (Holo-TC), Methylmalonat (MMA) und Homocystein (Hcy) zu messen, haben die Diagnostik verbessert. Ein Vitamin-B12-Mangel kann dadurch in einem früheren Stadium erkannt werden.

    Ätiologie und Pathogenese

    • Vitamin B12 ist als Coenzym an verschiedenen Stoffwechselreaktionen beteiligt.
    • Ein Mangel führt zu unvollständiger Erythropoese mit Anämie und der Bildung von Megaloblasten.
    • Vitamin B12 ist wichtig für die normale Nervenleitung und die Funktion des Nervensystems.
    • Vitamin B12 ist zusammen mit Folsäure ein Kofaktor des Homocysteinstoffwechsels, Vitaminmangel führt zu erhöhten Homocysteinwerten, dies ist ein Risikofaktor für Arteriosklerose.
    • Der Tagesbedarf wird auf ca. 6–9 µg berechnet.
    • Tierische Produkte wie Fleisch, Eier und Milchprodukte sind die einzigen Cobalamin-Quellen für den Menschen.
    • Eine typische westliche Ernährung mit Fleisch und Milchprodukten liefert ca. 5–20 µg täglich.
    • Im Körper wird vor allem in der Leber Vitamin B12 gespeichert, die Menge beträgt ca. 2–5 mg Cobalamin (2.000–5.000 µg). Wenn die Aufnahme über die Nahrung stoppt, dauert es Monate bis Jahre, einen Mangel zu entwickeln.
    • Vitamin B12 wird in Verbindung mit dem Intrinsic Factor, der in den Parietalzellen des Magens produziert wird, im terminalen Ileum aufgenommen.
    • Pepsin und Salzsäure im Magen sind für die Freisetzung von Cobalamin aus der Nahrung wichtig.
    • Pankreassekret ist wichtig für die Bindung von Vitamin B12 an den Intrinsic Factor.

    Unzureichende Einnahme

    • Tritt bei Vegetariern und besonders bei Veganern auf.
    • Ein Befall mit dem Fischbandwurm Diphyllobothrium latum kann zu erhöhtem Verbrauch von Vitamin B12 führen.

    Malabsorption

    • Hypo- oder Achlorhydrie führen zu einer verminderten Aufnahme von Cobalamin.
    • Eine Autoimmungastritis führt zu Atrophie der Drüsenzellen und dadurch zu reduzierter Säurebildung und reduzierter Bildung des Intrinsic Factors im Magen.
    • Eine Helicobacter-pylori-Infektion kann zu atrophischer Gastritis und einer reduzierten Aufnahme von Cobalamin führen.
    • Die Prävalenz von Magenatrophie erhöht sich mit dem Alter^5^, was die Erklärung dafür sein kann, dass die Malabsorption von Vitamin B12 mit zunehmendem Alter häufiger wird.
    • Der Langzeitgebrauch von Protonpumpenhemmern^6^, H2-Rezeptor-Blockern^7^ und Biguaniden (Metfomin) kann zu einer verringerten Aufnahme von Vitamin B12 und zur Entwicklung eines Vitamin-B12-Mangels führen.8
    • Andere Ursachen für Malabsorption sind eine Magen- oder Ileum-Resektion, eine Pankreasinsuffizienz und Erkrankungen des Dünndarms wie Zöliakie oder Morbus Crohn.

    Disponierende Faktoren

    • Hohes Alter^5^
    • Vegetarier, Veganer
    • Magen-Resektion oder Resektion des terminalen Ileums; bariatrische Chirurgie
    • Atrophische Gastritis, Achlorhydrie
    • Helicobacter-pylori-Gastritis
    • Bakterielle Überwucherung im Darm
    • ZöliakieMorbus Crohn
    • Alkoholismus
    • Exokrine Pankreasinsuffizienz
    • Langzeitbehandlung mit Metformin, Antazida, H2-Blockern oder Protonpumpenhemmern
    • Vorliegen weiterer Autoimmunerkrankungen wie Morbus BasedowThyreoiditisVitiligo

    ICPC-2

    • T91 Vitamin-/Nährstoffmangel
    • B81 Anämie durch Vitamin-B12-/Folsäuremangel

    ICD-10

    • D51 Vitamin-B12-Mangelanämie
    • D51.0 Vitamin-B12-Mangelanämie durch Mangel an Intrinsic-Faktor
    • D51.1 Vitamin-B12-Mangelanämie durch selektive Vitamin-B12-Malabsorption mit Proteinurie
    • D51.2 Transcobalamin-II-Mangel (-Anämie)
    • D51.3 Sonstige alimentäre Vitamin-B12-Mangelanämie
    • D51.8 Sonstige Vitamin-B12-Mangelanämien
    • D51.9 Vitamin-B12-Mangelanämie, nicht näher bezeichnet
    • E53.8 Mangel an sonstigen näher bezeichneten Vitaminen des Vitamin-B-Komplexes

  • Diagnostische Kriterien

    • Die Diagnosestellung erfolgt mittels Laboruntersuchungen. Klinische Symptome können zu Beginn fehlen.
    • Referenzbereich für Erwachsene für Vitamin B12 im Serum: 150–650 pmol/l (laborabhängig)
    • Werte unter 100 pmol/l bei Erwachsenen zeigen mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Mangel an.
    • Bei Werten im Bereich von 100–250 pmol/l kann ein funktioneller Mangel vorliegen.
    • Bei Werten über 250 pmol/l ist ein Mangel wenig wahrscheinlich.
    • Weitere diagnostische Abklärung siehe Abschnitt Ergänzende Untersuchungen.
    • Die alleinige Untersuchung von BlutbildHbMCV und Vitamin B12 im Serum reichen zur Diagnosestellung nicht aus.
    • Die Anämie ist häufig eines spätes Symptome, ca. 40 % der Patienten mit neuropsychiatrischen Symptomen, die durch B12-Mangel verursacht werden, haben keine Anämie.
    • Die Anämie ist häufig nicht makrozytär aufgrund eines gleichzeitigen Eisenmangels.
    • B12-Serumkonzentrationen im normalen Bereich schließen einen Mangelzustand nicht aus.
    • Serumkonzentrationen unterhalb der untersten Grenze bedeuten nicht notwendigerweise einen Mangelzustand. Dies gilt vor allem bei Frauen, die Hormonpräparate verwenden oder bei schwerem Eisenmangel.

    Differenzialdiagnosen

    Wann sollten Sie einen Vitamin-B12-Mangel vermuten?

    • Bei ungeklärter Anämie
    • Bei ungeklärten neurologischen (Taubheitsgefühl, Kribbeln, unsicherer Gang) oder psychiatrischen (Persönlichkeitsveränderung, Gedächtnisstörung, Depression) Symptomen.
    • Bei typischen Symptomen einer Autoimmun-Gastritis (perniziöse Anämie) wie Verdauungsbeschwerden, Gewichtsabnahme, Mattigkeit, Polyneuropathie-Symptome, Zungenbrennen.
    • Bei Patienten, die Risikofaktoren für die Entwicklung eines Vitamin-B12-Mangels haben, sollten Sie besonders aufmerksam sein.
    • Es gibt bisher keine einheitlichen Empfehlungen, ob asymptomatische Patienten bzw. Patienten mit einem niedrigen Risiko für die Entwicklung eines Vitamin-B12-Mangels regelmäßig gescreent werden sollten. 1,3

    Perniziöse Anämie

    • Die klassische perniziöse Anämie bei Autoimmungastritis zeigt folgende typische Symptome:
    • Verdauungsbeschwerden, Appetitlosigkeit, Aufstoßen, Völlegefühl, Diarrhö
    • allgemeine Anämiezeichen
    • Gewichtsabnahme
    • Polyneuropathie-Symptome, Parästhesien, Schwäche der Arme und Beine, Gangunsicherheit (funikuläre Myelose)
    • Hunter-Glossitis, Zungenbrennen, glatte, rote Zunge

    Anamnese

    • Anämiesymptome: Müdigkeit, Erschöpfung, Belastungsdyspnoe?
    • Neuropsychiatrische Symptome: Parästhesien, Muskelschwäche, Ataxie, psychische Veränderungen, Gedächtnisstörungen?
    • Ernährungsgewohnheiten, Vegetarier? Veganer?
    • Vorliegen chronischer Magen-Darm-Erkrankungen?
    • Frühere Operationen am Magen-Darm-Trakt?
    • Regelmäßige Einnahme von PPI? Metformin?

    Klinische Untersuchung

    • Im Frühstadium liegen meist keine auffälligen klinischen Befunde vor.
    • Anämiezeichen, Blässe der Haut
    • Neurologische Ausfälle, Gangstörung, Ataxie, gestörtes Vibrationsempfinden (frühes Zeichen), Sensibilitätsstörungen, Reflexausfälle
    • Psychiatrische Symptome wie Persönlichkeitsveränderung, Gedächtnisstörung, Depression
    • Hunter-Glossitis: glatte, rote Zunge, typisch bei Autoimmungastritis (perniziöse Anämie)

    Ergänzende Untersuchungen

    • HbMCV
    • MCV > 100 ist typisch bei megaloblastärer Anämie.
    • MCV kann niedriger als 100 sein bei gleichzeitigem Eisenmangel.
    • Normales Hb und MCV schließen einen B12-Mangel nicht aus.
    • Ferritin zum Erkennen eines Eisenmangels
    • Folsäuremangel liegt häufig gleichzeitig vor.
    • Peripherer Blutausstrich: Kombination von Makrozytose und hypersegmentierten Granulozyten sind typisch für megaloblastäre Anämie.
    • In schweren Fällen kann eine Leuko- und Thrombozytopenie auftreten.

    • Ist die Standarduntersuchung und ist in der Regel verringert bei Vitamin-B12-Mangel.9
    • Niedrige Sensitivität und Spezifität. Falsch positive bzw. negative Werte z. B. durch Medikamente (orale Kontrazeption), Schwangerschaft, Leber- und Nierenerkrankungen, Knochenmarkerkrankungen.1
    • Ist ein später Marker eines Mangels.
    • Referenzbereich für Erwachsene für Vitamin B12 im Serum: 150–650 pmol/l (laborabhängig)
    • Werte unter 100 pmol/l bei Erwachsenen zeigen mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Mangel an.
    • Bei Werten im Bereich von 100–250 pmol/l kann ein funktioneller Mangel vorliegen.
    • Bei Werten über 250 pmol/l ist ein Mangel wenig wahrscheinlich.
    • Bei Niereninsuffizienz reflektiert der Wert häufig nicht verlässlich den funktionellen B12-Status.

    Holo-Transcobalamin

    • Wird auch als aktives Vitamin-B12 bezeichnet.
    • Ist verringert bei Vitamin-B12-Mangel.10-11
    • Ist der früheste Marker eines Mangels.3,12
    • Zeigt die Entleerung der B12-Speicher, d. h. eine negative B12-Bilanz an.
    • Die Bestimmung weist eine höhere Sensitivität auf als die Messung von Cobalamin im Serum.
    • Wert > 50 pmol/l = B12-Mangel unwahrscheinlich
    • Wert 35–50 pmol/l = nicht eindeutig, weitere Abklärung erforderlich (MMA, tHcy)
    • Wert < 35 pmol/l = B12-Mangel wahrscheinlich
    • Bei Niereninsuffizienz reflektiert der Wert häufig nicht verlässlich den funktionellen B12-Status.

    Methylmalonat (MMA)

    • Ist ein funktioneller Marker eines Vitamin-B12-Mangels.
    • Besteht ein Mangel an zellulärem Vitamin B12, kommt es zu einer vermehrten Abgabe von MMA ins Blut.
    • Steigt an bei Vitamin-B12-Mangel.
    • Die Sensitivität ist hoch (> 98 %) und die Spezifität ist ebenfalls gut.
    • Der prädiktive Wert von isoliert erhöhten MMA-Werten ist umstritten.
    • Bei verringerter Nierenfunktion können falsch positive Ergebnisse auftreten.13-15

    Gesamt-Homocystein (tHcy)

    • Steigt an bei Vitamin-B12-Mangel, bei Folsäuremangel und bei Vitamin-B6-Mangel.
    • Ist indiziert, wenn andere Tests nicht konklusiv sind.
    • Ein leichter verfügbarer und kostengünstigerer Test als MMA
    • Die Sensitivität ist hoch (98 %), während die Spezifität gering ist.
    • Steigt an bei Niereninsuffizienz.

    Vorgeschlagenes Prozedere zur Diagnostik eines Vitamin-B12-Mangels

    • Gesamt-Vitamin-B12 im Serum wird als 1. Test empfohlen.
    • > 250 pmol/l = Vitamin-B12-Mangel ist unwahrscheinlich.
    • 150–250 pmol/l = Vitamin-B12-Mangel ist möglich.
    • < 150 pmol/l = Vitamin-B12-Mangel ist wahrscheinlich.
    • Bei Werten > 250 pmol/l kann je nach Symptomen, klinischen Befunden, Vorerkrankungen, disponierenden Faktoren, entweder eine Kontrolle nach 3–12 Monaten durchgeführt werden, oder es werden sensitivere Test ergänzt, denn auch normale B12-Werte schließen einen funktionellen Mangel nicht sicher aus.
    • Bei Werten < 250 pmol/l sollten weitere Tests zur Bestätigung eines vermuteten Mangels erfolgen, es gibt keine eindeutige Empfehlung der Experten über die Reihenfolge der weiteren Tests.16
    • Erniedrigte Holo-TC-Werte in Verbindung mit erhöhter Methylmalonsäure (MMA) (> 270 nmol/l) und erhöhten Homocysteinspiegeln (> 10 μmol/l), beides funktionelle Indikatoren eines Vitamin-B12-Mangels, weisen auf einen metabolisch manifesten Vitamin-B12-Mangel hin.
    • Niereninsuffizienz
    • Ein sicherer Weg, den Vitamin-B12-Mangel bei Patienten mit Nierenerkrankungen zu bestätigen, ist die Reduktion des MMA-Spiegels durch Vitamin-B12-Injektionen um mehr als 200 nmol/l. 3

    Vorgeschlagenes Prozedere zur Ursachenfindung

    • Bei Patienten, die sich vegetarisch oder vegan ernähren und bei denen keine weiteren Risikofaktoren vorliegen, sind zunächst keine weiteren Laboruntersuchungen notwendig.
    • Auch bei älteren Personen mit B12-Mangel und ohne Verdacht auf eine maligne Erkrankung, bei denen die Diagnose offensichtlich auf klinischen Befunden und Laboruntersuchungen basiert, gibt es kaum einen Grund für weitere Tests vor der Behandlung.
    • Bei allen anderen Patienten werden weitere Tests zur Klärung der Ursache des Vitamin-B12-Mangels und besonders zur Klärung, ob die Patienten unter der klassischen perniziösen Anämie leiden, empfohlen.
    • Antikörper gegen den intrinsic factor und/oder Parietalzellen
    • pathognomonisch für perniziöse Anämie
    • Antikörper gegen den Intrinsic Factor finden sich bei ca. 50 %, Antikörper gegen Parietalzellen bei ca. 80 %.
    • ggf. Endoskopie

    Diagnostik beim Spezialisten

    • Endoskopie zur Klärung, ob Magen- oder Darmerkrankungen vorliegen.
    • Patienten mit perniziösen Anämie haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Magenkrebs.
    • Ggf. Pankreasdiagnostik
    • Knochenmarksuntersuchung
    • Ist relevant bei schwerer Anämie oder fehlender Behandlungswirkung.
    • Soll durchgeführt werden, wenn der Verdacht auf eine maligne Erkrankung besteht.2

    Indikationen zur Überweisung

    • Bei Unsicherheit über die Diagnose
    • Bei mangelnder Reaktion auf die Behandlung
    • Bei schweren Symptomen: ausgesprochene symptomatische Anämie oder neurologische Ausfälle

  • Therapieziel

    Allgemeines zur Therapie

    • Patienten mit Vitamin-B12-Mangel trotz normaler Absorption, wie z. B. Vegetarier und Veganer, benötigen eine tägliche Ergänzung in Form einer Vitamintablette, die mindestens 6 µg Vitamin B12 erhält.17
    • Patienten mit irreversiblen Ursachen für Vitamin-B12-Mangel benötigen eine lebenslange Behandlung mit pharmakologischen Dosen von Vitamin B12.
    • Die Dosierung, Art der Verabreichung und Vereinbarungen über eine kontinuierliche Überwachung müssen geplant werden.
    • Die parenterale Gabe erfolgt klassisch als i. m. Gabe, aber auch eine s. c. Gabe oder eine langsame i. v. Injektion sind möglich. Die s. c. Gabe setzt sich in Deutschland immer mehr durch.
    • In der Regel kann zunächst mit der Gabe von Vitamin-B12-Tabletten begonnen werden, außer es liegen Gründe für eine reduzierte orale Bioverfügbarkeit vor (wie z. B. bei atrophischer Gastritis).3
    • Es ist noch ungeklärt und in der Diskussion, ob Patienten mit leichten biochemischen Anzeichen auf Vitamin-B12-Mangel behandelt werden müssen.2

    Empfehlungen für Patienten

    • Vegetarier
    • 3 Deziliter Milch und 3 Käsescheiben am Tag decken den Tagesbedarf an Vitamin B12.
    • Veganer
    • Da Veganer keinerlei tierische Produkte essen, wird empfohlen, dass sie täglich präventiv Vitamin B12 in Form einer Tablette nehmen. Es gibt auch mit Vitamin B12 angereicherte vegane Nahrungsmittel.
    • Schwangerschaft und Stillzeit
    • Während der Schwangerschaft und Stillzeit ist es besonders wichtig, für eine ausreichende Zufuhr von Vitamin B12 über die Nahrung zu sorgen, um eine Schädigung des Kindes zu vermeiden.

    Medikamentöse Therapie

    • Die Therapieempfehlungen für die Substitution sind hinsichtlich Dosierung und Anwendung nicht einheitlich.
    • Durch eine gezielte Diagnostik und Therapiekontrolle kann man Patienten auf die optimale B12-Dosis einstellen. Die Messung der MMA- und Homocystein-Spiegel ist für das Monitoring der Vitamintherapie hilfreich.3
    • In Deutschland werden verschiedene Vitamin-B12-Präparate verwendet.
    • Hydroxocobalamin ist als Injektionslösung erhältlich, es bleibt länger im Körper als Cyanocobalamin und muss daher seltener injiziert werden.
    • Es sind verschiedene Präparate erhältlich, die 1.000 oder 1.500 µg pro Ampulle enthalten.
    • Cyanocobalamin ist als Injektionslösung oder als Tabletten verfügbar.
    • Es wirkt oral in hoher Dosierung (mind. 1.000 µg tgl.).
    • Verabreichungsform: Injektion
    • In den meisten Ländern wird Vitamin B12 weiterhin als intramuskuläre Injektionen in Form von Hydroxocobalamin oder Cyanocobalamin verabreicht.4
    • Auch eine s. c. Gabe oder eine langsame i. v. Injektion sind möglich.
    • Dosierungsempfehlung Hydroxocobalamin (laut Arznei-Telegramm, Details siehe Fachinformationen der jeweiligen Präparate)
    • initial: Hydroxocobalamin 1 x tgl. bis 1 x wöchentlich 500 µg i. m./s. c. bzw. 1–2 x wöchentlich 1.000–1.500 µg
    • Dauertherapie bei nachgewiesener B12-Absorptionsstörung: 100 µg monatlich, 500 µg 3-6 x im Jahr oder 1.000 µg 3 x im Jahr
    • Dosierungsempfehlung Cyanocobalamin (laut Arznei-Telegramm, Details siehe Fachinformationen der jeweiligen Präparate)
    • initial: 1(–2) x 1.000 µg i. m./s. c. wöchentlich bei nachgewiesener B12-Aufnahmestörung
    • Dauertherapie anschließend 100 µg/Monat
    • Bei schweren Symptomen können in der Anfangsphase tägliche Injektionen notwendig sein.
    • In klinischen Studien wurden keine Unterschiede in der Wirksamkeit zwischen Hydroxo- und Cyanocobalamin gefunden, aber Hydroxocobalamin kann eine etwas längere Wirkungsdauer haben.
    • Verabreichungsform: Tabletten
    • Studien deuten darauf hin, dass eine perorale Behandlung mit Cyanocobalamin 1.000–2.000 µg täglich zur Normalisierung von hämatologischen und neurologischen Symptomen bei B12-Mangel genauso effektiv ist wie intramuskuläre Injektionen.4
    • Eine Einnahme auf nüchternen Magen verbessert die Resorption.
    • Geht mit einer etwas langsameren Remission einher als bei Substitution per Injektion, doch dies kann bei älteren Patienten von Nutzen sein.
    • Nach einer Behandlung von 2 Monaten sollte eine deutliche Reaktion auftreten. Bei fehlender Reaktion wird zu einer Injektionsbehandlung gewechselt.
    • Es stehen verschiedene Präparate zur Verfügung.
    • Bei Anämie2
    • Wenn die Behandlung mit Vitamin-B12 begonnen hat, wird die Erhöhung der Produktion von roten Blutkörperchen den Eisenbedarf erhöhen. Deshalb ist es wichtig, Anzeichen von Eisenmangel zu beobachten und zu korrigieren.
    • Ein Folsäuremangel kann nach Beginn der Vitamin-B12-Behandlung sichtbar werden.

    Behandlung bei unklarem Krankheitsbild

    • Es liegen keine klaren Empfehlungen für die Behandlung von Patienten ohne Symptome vor.
    • Bei Patienten mit klaren Anzeichen von Vitamin-B12-Mangel wird eine Behandlung empfohlen, unabhängig davon, was die Labortests anzeigen.2,18
    • Bei Patienten mit unspezifischen Symptomen in Kombination mit Testergebnissen, die im Grenzbereich liegen, werden die Auswirkungen der Behandlung auf die Symptome verfolgt und MMA und Homocystein nach z. B. 3 Monaten neu gemessen.
    • Wenn entschieden wird, niedrige Werte von Vitamin B12 ohne Symptome zu behandeln, ist eine Tablettenbehandlung mit mindestens 1.000 µg täglich eine gute Behandlung, wenn diätische Maßnahmen allein nicht ausreichend sind.19

  • Verlauf

    • Der Verlauf ist unklar, aber es wird angenommen, dass eine symptomatischer B12-Mangel ohne Behandlung progrediert.

    Komplikationen

    • Anämie
    • Psychiatrische Symptome, kognitive Beeinträchtigung, DemenzDepression
    • Polyneuropathie, Ataxie, funikuläre Myelose

    Prognose

    • Gut bei frühzeitiger Behandlung, und bevor irreversible neurologische Schäden vorliegen.

  • Verlaufskontrolle

    • Bei Patienten mit zugrunde liegenden chronischen Erkrankungen des Verdauungssystems (Malabsorption) sollte eine kontinuierliche Substitution erfolgen und der Vitamin-B12-Spiegel sollte regelmäßig überprüft werden.1
    • Überprüfen Sie, ob die Patienten auf die Behandlung ansprechen.
    • Für Patienten mit Anämie aufgrund von Vitamin-B12-Mangel wird ein hämatologisches Monitoring empfohlen (Retikulozyten nach 1 Woche und Hämoglobin nach 1–2 Monaten).
    • Bei Patienten, die mit peroralem Vitamin B12 behandelt werden, sollten die klinischen Symptome sowie die Laborparameter nach einigen Monaten überprüft werden, abhängig vom Grad der Symptome.

  1. Langan RC, Zawistoski KJ. Update on vitamin B12 deficiency. Am Fam Physician 2011; 83: 1425-30. American Family Physician
  2. Hvas A-M, Nexo E. Diagnosis and treatment of vitamin B12 deficiency. An update. Haematologica 2006; 91: 1506-12. PubMed
  3. Hermann W, Obeid R. Ursachen und frühzeitige Diagnostik von Vitamin-B12-Mangel. Dtsch Arztebl 2008; 105(40) www.aerzteblatt.de
  4. Vidal-Alaball J, Butler CC, Cannings-John R, et al. Oral vitamin B12 versus intramuscular vitamin B12 for vitamin B12 deficiency. Cochrane Database of Systematic Reviews 2005; 3: CD004655. DOI: 10.1002/14651858.CD004655.pub2. DOI
  5. Selhub J, Bagley LC, Miller J, Rosenberg IH. B vitamins, homocysteine and neurocognitive function in the elderly. Am J Clin Nutr 2000; 71: 614-20. PubMed
  6. Lam JR. Proton pump inhibitor and histamine 2 receptor antagonist use and vitamin B12 deficiency. JAMA 2013; 310: 2435 PMID: 24327038 PubMed
  7. Andres E, Noel E, Abdelghani MB. Vitamin B(12) deficiency associated with chronic acid suppression therapy. Ann Pharmacother 2003; 37: 1730. PubMed
  8. Andres E, Noel E, Schlienger JL, Blickle JF. Mild cobalamin deficiency associated with long-term metformin intakereply. J Intern Med 2004; 255: 302-3. PubMed
  9. Miller JW, Garrod MG, Rockwood AL, Kushnir MM, Allen LH, Haan MN, et al. Measurement of total vitamin B12 and holotranscobalamin, singly and in combination, in screening for metabolic vitamin B12 deficiency. Clin Chem 2006; 52: 278-85. PubMed
  10. Ulleland M, Eilertsen I, Quadros EV, Rothenberg SP, Fedosov SN, Sundrehagen E, et al. Direct assay for cobalamin bound to transcobalamin (holotranscobalamin) in serum. Clin Chem 2002; 48: 407-9. PubMed
  11. Nexo E, Christensen AL, Hvas AM, Petersen TE, Fedosov SN. Quantitation of holo-transcobalamin, a marker of vitamin B12 deficiency. Clin Chem 2002; 48: 561-2. PubMed
  12. Bor MV, Nexo E, Hvas AM. Holo-Transcobalamin concentration and transcobalamin saturation reflect recent vitamin B12 absorption better than does serum vitamin B12. Clin Chem 2004; 50: 1043-9. PubMed
  13. Hvas AM, Juul S, Gerdes LU, Nexø E. The marker of cobalamin deficiency, plasma methylmalonic acid, correlates to plasma creatinine. J Intern Med 2000; 247: 507-12. PubMed
  14. Lindgren A. Elevated serum methylmalonic acid. How much comes from cobalamin deficiency and how much comes from the kidneys? Scand J Clin Lab Invest 2002; 62: 15-9. PubMed
  15. Refsum H, Smith AD, Ueland PM, Nexo E, Clarke R, McPartlin J, et al. Facts and recommendations about total homocysteine determinations: an expert opinion. Clin Chem 2004; 50: 3-32. PubMed
  16. Goringe A, Ellis R, McDowell I, Vidal-Alaball J, Jenkins C, Butler C, et al. The limited value of methylmalonic acid, homocysteine and holotranscobalamin in the diagnosis of early B12 deficiency. Haematologica 2006; 91: 231-4. PubMed
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  19. Eussen SJ, de Groot LC, Clarke R, et al. Oral cyanokobalamin supplementation in older people with vitamin B12 deficiency: a dose-finding trial. Arch Intern Med 2005; 165: 1167-72. PubMed

Autoren

  • Katrin Metz, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Berlin
  • Odd Kildahl-Andersen, overlege, dr. med., Medisinsk avdeling, Universitetssykehuset Nord-Norge, Harstad sykehus
  • Ingard Løge, spesialist allmennmedisin, universitetslektor, institutt for sammfunsmedisinske fag, NTNU, redaktør NEL

Bildquelle: © Getty Images/Rost-9D

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