25. März 2021

Große Studie findet Effekte nur in der Sekundärprävention

Schützt Verzehr von Fisch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Bei gefährdeten oder bereits erkrankten Patienten könnte ein Fischverzehr von mindestens 175 Gramm pro Woche dazu beitragen, das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, allgemeine Sterblichkeit und plötzlichen Herztod zu senken. In der Allgemeinbevölkerung dagegen hat auch hoher Fischverzehr keinen Effekt auf das entsprechende Risiko. Zu diesem Schluss kommt eine in JAMA Internal Medicine veröffentlichte Analyse mehrerer Studien der indischen Diabetesforscherin Dr. Deepa Mohan und zahlreicher internationaler Kollegen.1

Lesedauer: 3 Minuten

Deutscher Experte ist skeptisch

Der Münchner Ernährungsmediziner Prof. Dr. Hans Hauner ist nicht restlos überzeugt von der jetzt veröffentlichten Studie: „Es ist ziemlich heterogen, was in diese zusammenfassende Auswertung eingeflossen ist.“

Die Wissenschaftler hatten Ergebnisse der PURE-Studie kombiniert mit Ernährungserhebungen aus 3 älteren Interventionsstudien: ONTARGET, TRANSCEND und ORIGIN. Diese Studien hatten Blutdrucksenker, aber auch Diabetesbehandlung und Fischöl untereinander bzw. gegen Placebo verglichen. Sie wurden für den Zweck der Analyse als Kohortenstudien betrachtet.

„Das ist technisch-methodisch in Ordnung, allerdings etwas ungewöhnlich“, sagt dazu der Ernährungsforscher Hauner.

So konnten die Wissenschaftler insgesamt mehr als 190.000 Patienten aus 58 Ländern in ihre Analyse miteinbeziehen. Die mediane Nachverfolgungszeit betrug dabei 7,5 Jahre. In dieser Zeit kam es zu mehr als 15.000 Todesfällen und zu ähnlich vielen kardiovaskulären Ereignissen.

In einem begleitenden Kommentar kritisiert der Bostoner Kardiologe Prof.Dr. Dariush Mozaffarian, dass Mohan und ihre Kollegen kardiovaskuläre Ereignisse insgesamt betrachtet haben. Denn ein Effekt sei, wie aus früheren Studien bekannt, eher bei koronaren Erkrankungen zu erwarten, schreibt der Wissenschaftler.2

Assoziationen nur bei Risikopatienten

Um Assoziationen der Todesfälle und kardiovaskulären Ereignisse mit dem Fischverzehr zu finden, teilten die Wissenschaftler alle Teilnehmer nach der Höhe ihres Fischverzehr in 4 Gruppen ein:

  • Diejenigen, die weniger als 50 Gramm Fisch im Monat verzehrten, bildeten die Referenzgruppe.
  • Die verbleibenden Gruppen hatten einen Fischverzehr von bis zu 175 Gramm in der Woche,
  • zwischen 175 und 350 Gramm wöchentlich oder
  • mehr als 350 Gramm pro Woche.

Nach beteiligten Ländern betrachtet, war der Fischkonsum in Indien und Argentinien am niedrigsten, in Malaysia, den Philippinen und den Vereinigten Arabischen Emiraten dagegen am höchsten.

Die Wissenschaftler konnten allerdings meist nicht nach Fischart differenzieren und so den Verzehr von fettreichem oder fettarmem Fisch unterscheiden. „Es ist eine bunte Mischung, was die Fischquellen angeht, was es schwierig macht, allgemeine Aussagen zu machen“. kommentiert Hauner.

Kein Vorteil in der Allgemeinbevölkerung

Innerhalb der PURE-Studie, aus der alle Teilnehmer ohne besonderes Herz-Kreislauf-Risiko stammten, zeigten sich keine Zusammenhänge des Fischverzehrs mit der allgemeinen oder speziellen Mortalität oder schweren Herzkreislauf-Erkrankungen.

Betrachtete man allerdings nur die Risikopatienten aus den weiteren 3 Studien, ließ sich eine Assoziation finden, so die Autoren:

  • Ein Fischverzehr von mindestens 175 Gramm pro Woche senkte das Risiko zu sterben um 18%, das Risiko eines schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignisses um 16%.
  • Ein hoher Fischverzehr von über 350 Gramm pro Woche brachte allerdings keine zusätzlichen Vorteile.

Aus einer der 3 Studien gab es Informationen dazu, ob die Teilnehmer fettreichen oder anderen Fisch verzehrt hatten: der ORIGIN-Studie. Dabei erwies sich der fettreiche Fisch als positiv, anderer Fisch eher als neutral in Bezug auf das Outcome.

Omega-3-Theorie nicht mehr haltbar

Diese Ergebnisse passen für Hauner allerdings nicht gut zusammen mit dem Stand der Forschung zu den in fettreichem Fisch enthaltenen Omega-3-Fettsäuren. „Das deckt sich nicht mit den Ergebnissen methodisch besser gemachter Studien mit Fischöl-Kapseln. Die Omega-3-Fettsäuren-Hypothese, die beinhaltet, dass diese vor Herzinfarkt schützen – die ist eigentlich tot in meinen Augen. Ich persönlich glaube nicht mehr, dass es Sinn macht, diese zu empfehlen.“

Auch eine aktuelle Cochrane-Analyse sieht nur in wenigen Teilbereichen geringe Vorteile von Omega-3-Fettsäuren. Zum Fischverzehr selbst gebe es hingegen nur Beobachtungsstudien, so Hauner.

Dieser Beitrag erschien im Original bei Medscape.

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