09. September 2021

Vitamin B12-Mangel ist keine Bagatelle

Der vegane Patient: die besondere Herausforderung für den Hausarzt

Gerade jüngere Menschen stellen ihre Ernährung zunehmend auf rein pflanzliche Produkte um. Vitamin B12-Probleme sind da vorprogrammiert. Betreuende Hausärztinnen und Hausärzte müssen die entscheidenden Stolpersteine kennen.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Redaktion: Dr. med. Horst Gross

Problem wird übersehen

Rund zwei Millionen Deutsche leben konsequent vegan. 1 Doch die Wenigsten achten genauso konsequent auf ihren Vitamin-B12-Spiegel. Das ist tückisch, denn ein chronischer B12-Mangel wird jahrelang durch die körpereigenen Depots überdeckt. Aber irgendwann sind die endogenen Speicher leer und das Defizit manifestiert sich. Die damit assoziierten Probleme werden aber meist nicht mit der jahrelang zurückliegenden Nahrungsumstellung im Zusammenhang gebracht. Umso wichtiger, dass der Hausarzt oder die Hausärztin bei Symptomen wie Abgeschlagenheit, Parästhesien oder Anämie auch eine Ernährungsanamnese erhebt.

Falscher Laborparameter

Abb. Schema zur Labordiagnostik des Vitamin B12-Mangels. Erstellt mit BioRender.com.

Bei Verdacht auf B12-Mangel wird oft, rein intuitiv, das „Gesamt-Vitamin-B12“ kontrolliert. Doch ausgerechnet dieser Laborparameter ist völlig ungeeignet. Entscheidend ist das Holotranscobalamin oder kurz Holo-TC. Das ist der nicht-gebundene und stoffwechselaktive Anteil des Vitamins im Blut. Bei einem normalen Holo-TC-Spiegel kann Entwarnung gegeben werden. Ein gering reduzierter Wert deutet auf einen beginnenden Mangel hin. Dann hilft nur noch die regelmäßige Substitution (s. Abb.).

Schwere Verläufe erkennen

Deutlich reduzierte Holo-TC-Werte indizieren einen schweren und damit stoffwechselrelevanten B12 -Mangel. Dessen Ausprägung lässt sich an einem weiteren Laborparameter ablesen, der Methylmalonsäurewert. Steigt dieser Parameter, dann ist es höchste Zeit, das massive B12-Defizit auszugleichen. Meist findet sich auch ein erhöhter Homocysteinspiegel. Doch Homocystein ist ein relevanter kardiovaskulärer Risikofaktor. Da die klinische Symptomatik schleichend einsetzt, adaptieren die Betroffenen und missachten die Warnzeichen. Im Endstadium kommt es, neben der megaloblastären Anämie, auch zu einer Demyelinisierung der Nervenzellen, die in letzter Konsequenz letal endet. Etwa, wenn in dieser Situation Lachgas als Narkosemittel eingesetzt wird. 2 Das Gas bindet das restliche freie B12 und kann eine akute funikuläre Myelose auslösen.

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Richtig substituieren

Ein identifizierter Mangel bedarf immer der intensiven Substitution. Denn primär müssen die entleerten B12-Depots wieder aufgefüllt werden. Initial sind dazu parenterale, hoch dosierte Vitamin B12-Gaben notwendig. Es folgt eine orale Dosierung weit über dem Erhaltungsbedarf, der in der Literatur mit 4 µg/Tag angegeben wird DGE. 3 Regelmäßige Laborkontrollen zeigen an, wann die Ergänzungstherapie beendet werden kann. Dann wird auf die tägliche Erhaltungsdosis umgestellt. Bei untypischen Verläufen muss zusätzlich ein Defizit des intrinsischen Faktors ausgeschlossen werden. Schließlich gibt es auch die zufällige Kombination von veganer Ernährung und perniziöser Anämie.

Vorbeugung ist entscheidend

Vorrangiges Ziel muss aber sein, bereits dem Entstehen von Defiziten entgegenzuwirken. Dazu dienen zertifiziert vegane Lebensmitteln mit Vitaminanreicherung. In einigen Fällen ist auch die kontinuierliche Substitution mit Tabletten und Konzentraten aus der Apotheke notwendig. Für dogmatische Veganerinnen und Veganer interessant sind B12-Konzentrate aus Pflanzen, in denen sich „natürliches“ Vitamin B12 anreichert. Aktuell ist hier die Quecke in der Diskussion. Allerdings ist diese Vitaminquelle relativ gering dosiert und eher hochpreisig. 4

Immer kontrollieren

Aber selbst Veganerinnen und Veganer, die ihre Vitaminzufuhr unter Kontrolle haben, kommen um regelmäßige Laborkontrollen nicht herum. Schließlich variiert der Stoffwechsel über die Jahre. Deshalb sollten alle, die sich rein pflanzlich ernähren, prinzipiell ein bis zweimal jährlich ihren Holo-TC-Wert prüfen lassen. Die etwa 30 bis 40 € für diese IGeL-Leistung sind sicher gut angelegtes Geld.

  1. Statista: „Umsatz mit vegetarischen und veganen Lebensmitteln in Deutschland in den Jahren 2017 bis 2019“, aufgerufen am 08.09.2021
  2. Chi, Seong In: „Complications caused by nitrous oxide in dental sedation“ in Journal of dental anesthesia and pain medicine (2018)
  3. Pressemitteilung: Presse Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: „Neuer Referenzwert für die Vitamin-B12-Zufuhr: Nicht nur für Veganer essenziell“ aktuell 02/2019 vom 22.01.2019
  4. VegPool News: „NEU: DIESE VITAMIN B12-KAUTABLETTEN SIND BIO & VEGAN” (07.08.2019)

Bildquelle: Titelbild: Getty Images/NatchaS, BioRender-Grafik: angelehnt und abgeändert vom Original in „Deutsches Ärzteblatt Jg. 105 Heft 40 3. Oktober 2008 S. 680 ff.”

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