19. August 2021

Umweltmedizin

7 Millionen Tote durch verschmutzte Luft pro Jahr

Die europäische allergologische und immunologische Fachgesellschaft EAACI hat auf ihrer Jahrestagung den Kampf gegen Umweltverschmutzung und gegen deren gesundheitlichen Folgen zu einer ihrer Kernaufgaben erklärt. Mit der Leitlinie zu Environmental Health (Umwelthygiene und Umweltmedizin), die nun erarbeitet wird, soll dieses Vorhaben unterstützt werden. 1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Roland Fath

Hauptbedrohung der Menschheit: Klimawandel und Viruspandemien

Auf der Jahrestagung der EAACI sind auch emotionale Worte gefallen, um die Dringlichkeit des raschen Handelns zu unterstreichen. „Die Menschheit begeht Selbstmord, wir müssen dies stoppen“, appellierte Prof. Dr. Claudia Traidl-Hofmann von der Universität Augsburg.

Globale Erwärmung und Klimawandel, Viruspandemien wie Covid-19 sowie Umweltverschmutzung und die Belastung des Organismus mit multiplen toxischen Agenzien seien die drei größten Bedrohungen der Menschheit, sagte Prof. Dr. Cezmi Akdis aus Davos, einer der federführenden Autorinnen und Autoren der neuen EAACI-Leitlinie. Fokussiert werden soll in den Handlungsempfehlungen nicht nur auf die Zusammenhänge der genannten Bedrohungen, sondern auch auf die ähnlichen Wirkmechanismen von Pollen, Toxinen, Viren und Nanopartikeln bei der Genese vieler Erkrankungen. Vermutet wird eine Schädigung der Endothelbarriere als Ausgangspunkt.

Viele chronische Erkrankungen etwa durch geschädigte Atemwege

„Menschen sind jeden Tag einer Vielfalt von Toxinen und Chemikalien ausgesetzt“, betonte Akdis. Seit den 2000er-Jahren hätten Detergenzien, Emulgatoren in Lebensmitteln und Mikroplastikpartikel ubiquitär zugenommen mit drastischen gesundheitlichen Folgen. 1

Der Hypothese zufolge hätten gegenwärtig zwei Milliarden Menschen mit ganz unterschiedlichen chronischen Erkrankungen aufgrund der Exposition zu solchen Schadstoffen eine geschädigte Endothelbarriere im Respirations- oder Gastrointestinaltrakt. Die Folgen seien Entzündungen des Epithels, Kolonisationen mit opportunistischen Pathogenen, mikrobielle Dysbiosen, bakterielle Translokationen sowie Typ-2- und Typ-1-Immunantwort. Die verstärkte Zufuhr von Nahrungsmittelemulgatoren wurden u.a. mit der Entstehung von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen assoziiert, auch mit einer Verstärkung der Suszeptibilität für Typ-1-Diabetes und Zöliakie. 2,3

Einteilung epithelialer Defekte

Laut Akdis können die Erkrankungen, die mit einem epithelialen Barrieredefekt und einer mikrobiellen Dysbiose in Verbindung gebracht werden, in 3 Gruppen unterteilt werden:

  • Allergische und entzündliche Erkrankungen wie atopische Dermatitis, Asthma, allergische Rhinosinusitis und eosinophile Ösophagitis, entzündliche Darmerkrankungen und Zöliakie,
  • autoimmune und metabolische Erkrankungen wie Diabetes, Autoimmunhepatitis, Leberzirrhose, rheumatoide Arthritis, Lupus und ankylosierende Spondylitis, Multiple Sklerose,
  • chronisch-neuropsychiatrische Erkrankungen wie Autismus-Spektrum-Störungen, Parkinson-Erkrankung, Morbus Alzheimer, Stress-bezogene psychiatrische Störungen und chronische Depression.

Ernährung und Mikroplastik als Risikofaktoren

Das Ziel müsse es sein, für den menschlichen Organismus weniger toxische Substanzen zu entwickeln, sagte Akdis. Eine Stärkung der mukosalen Barriere sei etwa über die Ernährung und die gezielte Beeinflussung des Mikrobioms möglich. Es seien aber viele weitere neuartige Ansätze zur Prävention und Therapie erforderlich.

Dringend notwendig ist auch eine Reduktion der Umweltbelastung mit Plastik. Allein im Jahr 2019 wurden weltweit 368 Millionen Tonnen Kunststoffe produziert, davon rund 58 Millionen in Europa.

„Mikroplastik-Partikel haben in unserem Organismus physikalische und chemische Effekte“, erklärte Dr. Isabella Annesi-Maesano von der Universität Montpellier. Individuell nehme jeder Mensch jährlich über die Nahrung und das Wasser zwischen 39.000 und 52.000 Mikroplastik-Partikel auf, erklärte die Epidemiologin. Die Belastung durch Inhalation wird sogar auf 74.000 bis 121.000 Plastikpartikel jährlich geschätzt. Synthetische Fasern wie Nylon könnten bei beruflich exponierten Personen allergische Reaktionen in den Atemwegen und im weiteren Verlauf Asthma auslösen, berichtete Annesi-Maesano. Vermutlich gebe es auch einen Link zwischen der inhalativen Aufnahme von Mikroplastik-Partikeln und der Entwicklung von interstitiellen Lungenerkrankungen.

Jährlich 7 Millionen Tote durch verschmutzte Luft

Die Umweltverschmutzung treibe den Klimawandel an und werde zu einer immer größeren Gesundheitsbedrohung, sagte Traidl-Hofmann. Sie nannte zahlreiche Beispiele für die gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung und des Klimawandels:

  • Die Allergenität von Pollen ist aufgrund der Luftverschmutzung angestiegen.
  • Die Prävalenz von atopischer Dermatitis, einem Risikofaktor für weitere allergische Erkrankungen, nimmt bei Kindern, die in verkehrsbelasteten Stadtwohnungen groß werden, stetig zu.
  • Die Biodiversität des Darm-Mikrobioms nimmt ab; ein wichtiger Schutz vor allergischen Sensibilisierungen geht verloren.
  • Aufgrund des Klimawandels blühen Pflanzen früher, sogar in Innenstädten, und die Pollensaison dauert länger.
  • Die zunehmende Pollenbelastung beeinträchtigt das Immunsystem und macht Menschen empfänglicher für Virusinfektionen inklusive Covid-19.
  • Ähnliches gilt für die zunehmende Feinstaubbelastung: Die Exposition mit Feinstaubpartikeln korreliert mit der Covid-19-Inzidenz.

Schätzungen zufolge gingen auf das Konto der Luftverschmutzung jährlich rund 7 Millionen Todesfälle, berichtete Prof. Dr. Kian Fan Chung vom National Heart & Lung Institute in London. Zusätzlich starben seit Beginn der Corona-Pandemie mehr als 4 Millionen Menschen in Verbindung mit Covid-19, zumindest ein Teil davon auch als Folge der Umweltverschmutzung, die die Virusinfektion erleichtert haben könnte.

Lockdowns waren ein Gewinn für die Umwelt

Bei der Bilanz sollten aber auch die zweifellos positiven Effekte des Corona-Lockdowns für die Umwelt mitberücksichtigt werden. Arbeiten im Homeoffice, weniger Reisen und viele weitere soziale Folgen der Pandemie haben die anthropogen ausgelöste Umweltverschmutzung zuletzt deutlich verringert.

„Gasemissionen und der Treibhauseffekt haben abgenommen, die Strände sind sauberer geworden, Natur und Tierwelt haben sich erholt“, sagte Chung. Durch den Corona-Lockdown seien in Europa nach seiner Einschätzung etwa 11.000 Todesfälle infolge von Umweltverschmutzung verhindert worden. Auch wenn diese Rechnung angesichts des Schreckens der Pandemie etwas unpassend wirken mag – sie zeigt jedenfalls, was möglich wäre, wenn die Menschheit sich auf mehr freiwilligen Verzicht einließe. 1

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.“

  1. EAACI Hybrid-Kongress, Madrid / Krakau, 10.-12. Juli 2021. Symposium „planetary health
  2. Roberts et al.: „Hypothesis: Increased consumption of emulsifiers as an explanation for the rising incidence of Crohn’s diseasein Journal of CROHN‘S and COLITIS (2013)
  3. Aguayo-Patrón und Calderón de la Barca: „Old Fashioned vs. Ultra-Processed-Based Current Diets: Possible Implication in the Increased Susceptibility to Type 1 Diabetes and Celiac Disease in Childhoodin Foods (2017)

Bildquelle: © gettyImages/Nastco

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