18. April 2019

Tropische Zecken in Deutschland: Ein Grund zur Sorge?

Sie sind deutlich größer als der heimische Holzbock und werden schnell mit einer Spinne verwechselt: Im vergangenen Jahr berichteten Zeckenforscher von den ersten Funden der tropischen Hyalomma-Zecken in Deutschland. Woher kommen sie und welche potenziellen Risiken bergen sie?

Lesedauer: 4 Minuten

Interview und Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Seit letztem Jahr vermeldeten Zeckenforscher der Universität Hohenheim und Kollegen am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München mehrere Funde der tropischen Zeckenarten Hyalomma in Deutschland, die vermutlich durch Zugvögel hierher gelangen.

„Wegen der Klimaerwärmung ist bei uns grundsätzlich mit immer mehr wärmeliebenden Zecken zu rechnen. Ixodes inopinatus aus dem Mittelmeerraum beispielsweise hat sich inzwischen bis Dänemark ausgebreitet,” erklärt Prof. Dr. Ute Mackenstadt, Parasitologin an der Universtität Hohenheim.

Das Beunruhigende: In 9 von 18 untersuchten Hyalomma-Exemplaren konnten die Forscher das Bakterium Rickettsia aeschlimannii nachweisen, einen bekannten Erreger des tropischen Zecken-Fleckfiebers. Wir haben Prof. Mackenstedt zur Verbreitung von Zecken in Deutschland und zu potenziellen Risiken befragt.

Frau Prof. Dr. Mackenstedt, welche Zecken-Arten sind in Deutschland bislang verbreitet?

In Deutschland kommen 18 Schildzecken- und zwei Lederzecken-Arten vor. Ixodes ricinus, der gemeine Holzbock, ist die wichtigste Zeckenart Deutschlands. In den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten sind allerdings einige Arten z.B. aus dem Mittelmeergebiet nach Deutschland eingewandert. Hierzu zählt Ixodes inopinatus. Zudem wissen wir von 36 Nachweisen der tropischen Zeckenarten der Gattung Hyalomma. Gefunden wurden bislang die beiden Arten Hyalomma marginatum und Hyalomma rufipes, die in Afrika bzw. Afrika, Asien oder Osteuropa verbreitet sind.

Die Tiere sind in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen, NRW, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern aufgetaucht.

Die Besonderheit tropischer Zecken ist neben ihrem Aussehen, dass sie möglicherweise andere Krankheitserreger übertragen können und sich auch in ihrem Verhalten und in ihrer Anpassungsfähigkeit von den heimischen Zeckenarten unterscheiden können.

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Welche Gefahren können von tropischen Zecken ausgehen?

In Deutschland sind Zecken vielen Menschen bekannt als Überträger der Lyme-Borreliose oder der Frühsommer-Meningoenzephalitis. Diese Krankheitserreger sind bislang jedoch nicht in Hyalomma marginatum und Hyalomma rufipes nachgewiesen worden. Dennoch bergen auch die exotischen Zeckenarten Risiken. Sie gelten insbesondere als wichtige Überträger des Krim-Kongo Hämorrhagischen Fiebers, des Arabisch Hämorrhagischen Fiebers und einer Form des Zecken-Fleckfiebers. Tatsächlich fanden wir in mehreren der gefundenen Hyalomma-Zecken den Erreger einer tropischen Form des Zecken-Fleckfiebers. Allerdings wurden gefährliche Viren als Erreger von hämorrhagischen Fieber-Formen bisher nicht entdeckt. Daneben können Zecken indes wichtige Überträger tropischer Erkrankungen der Nutztiere sein.

Worin unterscheidet sich Hyalomma von den bei uns heimischen Holzbock-Arten?

Abb.1: Hyalomma marginatum (r.) im Vergleich zum Gemeinen Holzbock. | Bildquelle: IMB / Lidia Chitimia-Dobler.

Hyalomma-Zecken sind deutlich größer als unser Holzbock (Abbildung 1) und unterscheidet sich auch in dem Verhalten. Anders als lauernde Zecken, wie der gemeine Holzbock, zählen Hyalomma-Zecken zu den Jagdzecken. Sie bewegen sich schnell und laufen aktiv auf ihren Wirt zu. Beschreibungen von Personen, die uns Hyalomma Bilder oder auch die Zecken eingeschickt haben, berichten, dass sie sie zunächst einmal für Spinnen gehalten haben, weil sie sich so lebhaft bewegen.

Sind Menschen der bevorzugte Wirt?

Nein, Hyalomma bevorzugt große Tiere wie Pferde, Rinder, Ziegen oder Schafe. Aber auch der Mensch zählt zumindest zum Wirtsspektrum. Einige Personen haben sie in der Nähe z.B. des Pferdestalls gefunden, aber auch im Wald und auf der Wiese.

Wie kann man sich vor Zeckenstichen im Allgemeinen schützen?

Generell vor Zecken kann man sich schützen durch das Absuchen, den Einsatz von Repellentien und auch durch einfache Vorsichtsmaßnahmen wie Socken über die Hosenbeine und helle Kleidung. Die wichtigste Maßnahme ist nach wie vor das Absuchen nach Ende des Spaziergangs. Wie bereits erwähnt, ist Hyalomma deutlich größer als der Holzbock und fällt deshalb durch seine lebhaften Bewegungen schnell auf.

Wie sollte man vorgehen, wenn man eine Zecke am Körper entdeckt?

Den gemeinen Holzbock sollten Sie möglichst schnell entfernen, indem Sie die Zecke direkt über der Haut mit einer Pinzette packen und aus der Haut ziehen. Je schneller dies nach Ende der Aktivität im Freien passiert, desto besser, da z.B. die Borrelien erst nach etwa 12-20 Stunden übertragen werden, die FSME Viren werden allerdings schon nach wenigen Minuten übertragen. Wenn Hyalomma zugestochen hat, dann gilt dasselbe, beherzt zupacken und die Zecke aus der Haut ziehen. 

Zeckenforschung in Hohenheim
Um die Ausbreitung exotischer Zeckenarten in Deutschland weiter zu untersuchen und Gegenmaßnahmen zu entwickeln, benötigen Prof. Dr. Mackenstedt und ihre Kollegen Hilfe: Sie haben eine verdächtige Zecke gefunden? Schicken Sie eine E-Mail an tropenzecken@uni-hohenheim.de, wenn möglich mit Foto, Datum und Fundort der Zecke. Mehr Informationen finden Sie hier.

Zur Person:
Prof. Dr. rer. nat. Ute Mackenstedt arbeitet an der Universität Hohenheim in Stuttgart und ist Leiterin des Fachgebiets Parasitologie im Institut für Zoologie. Neben der Bekämpfung von Zecken beschäftigt sie sich schwerpunktmäßig mit Fragestellungen zur Ökologie und zur Verbreitung von Zecken sowie dem Nachweis der von ihnen übertragenen Krankheitserreger.

1. Universität Hohenheim, 14.08.2018: Tropische Zeckenarten: Mehrere Funde in Deutschland beunruhigen Fachleute

Titelbild: © iStock.com/Schlegelfotos

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