19. Oktober 2021

Top Ten der Ursachen: Wann sind rote Augen ein Alarmsignal?

Ein häufiger Grund für den Besuch beim Arzt ist das „rote Auge“. Für die korrekte Diagnose und Therapie kommt es darauf an, häufige banale Krankheitsbilder von weniger häufigen, aber oft bedrohlichen Verläufen zu trennen.

Lesedauer: 2 Minuten

Autor: Dr. Klaus Fleck. Redaktion: Sebastian Schmidt

Erläuterungen dazu gab Prof. Dr. Uwe Pleyer von der Klinik für Augenheilkunde der Berliner Charité in einer Pressekonferenz beim diesjährigen Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG 2021 online). 1

COVID-19-assoziierte Konjunktivitis

Eine in jüngster Zeit häufigere Ursache von Augenrötungen ist die aktuelle Pandemie, wie Pleyer berichtete: So hätten Studien gezeigt, dass bei bis zu 30% der COVID-19-Patienten eine Konjunktivitis nachweisbar ist. Die Augensymptome treten meist in den ersten 3 Tagen nach Beginn der Infektion auf, können dabei auch deren erste Symptome sein und verlaufen eher mild. Das Übertragungsrisiko durch Tränenflüssigkeit gilt bei asymptomatischen Patienten und milden Verläufen als gering, steigt aber bei intensivpflichtigen Personen deutlich an.

Ebenfalls im Rahmen der Pandemie, so Pleyer, würden (meist beidseits) gerötete Augen verstärkt durch im Homeoffice veränderte Sehgewohnheiten und trockene Augen durch Maskentragen (bzw. die nach oben geleitete Atemluft) berichtet. „Dabei sind auch häufiger jüngere Menschen betroffen, was wir früher eher selten gesehen haben.“ Ohne adäquate Therapie – meist mit Tränenersatzmitteln – könnte ein erheblicher subjektiver Leidensdruck die Folge sein, nur selten aber bestehe hier eine Bedrohung für das Sehvermögen.

Frühmanifestation autoimmunologischer Störungen

Deutlich seltenere, dafür aber weitaus schwerwiegendere Ursachen roter Augen können dagegen bei Entzündungen tiefer gelegener Augenstrukturen vorliegen, insbesondere der Sklera (Lederhaut) und der Iris (Regenbogenhaut). Hier besteht oft ein Zusammenhang mit autoimmunologischen Störungen, wobei das Symptom auch die erste Manifestation einer unter Umständen sogar lebensbedrohlichen systemischen Erkrankung sein kann.

So liegen Pleyer zufolge bei etwa 40% der Skleritis-Patienten rheumatologische Grunderkrankungen vor. Bei jungen Männern mit einer anterioren Uveitis (Iritis/Iridozyklitis) sei das rote Auge nicht selten ein frühdiagnostisches Zeichen einer bisher nicht bekannten Spondylarthropathie bzw. eines Morbus Bechterew, der sonst unter Umständen erst mehrere Jahre später diagnostiziert wird.

Fachärztliche Abklärung bzw. ophthalmologische Expertise und interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Rheumatologen könne in solchen Fällen dazu beitragen, eine frühzeitige Therapie einzuleiten und damit die Krankheitsprognose erheblich zu verbessern.

Besondere Warnzeichen: Schmerzen, Sehminderung, harter Bulbus

„Alarmsignale bei roten Augen sind unter anderem starke Schmerzen und sehr intensive Augenrötungen“, sagte Pleyer. Ebenso alarmierend seien deutliche Lidschwellung, Sehminderung, Doppelbilder, eitriges Sekret und begleitende Allgemeinbeschwerden wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen. Diese Symptome können eine Notfallsituation anzeigen, beispielsweise einen erhöhten Augeninnendruck (akutes Glaukom), bei dem der Bulbus bei Palpation extrem hart ist.

„Top Ten“ der Ursachen für ein rotes Auge
Die „Top Ten“ der wichtigsten Ursachen für ein rotes Auge sind Pleyer zufolge die folgenden Krankheitsbilder. Dabei zählen die unter den Ziffern 5 bis 10 aufgeführten zu den ernsten Situationen, die stets von einem Facharzt beurteilt werden müssen.

  1. Blutung unter die Bindehaut (Hyposphagma)
  2. Trockenes Auge (zunehmend „Office eye“ durch Homeoffice)
  3. Konjunktivitis (Allergie, nicht-infektiös oder infektiös, eventuell COVID-19-assoziiert)
  4. Lidhaut- und Lidrandentzündung (Blepharitis)
  5. Hornhautentzündung (Herpesinfektion des Auges!, Kontaktlinse!)
  6. Lederhautentzündung (Skleritis und Episkleritis)
  7. Iritis/Iridozyklitis (vordere Uveitis)
  8. Glaukomanfall („Hartes Auge“)
  9. Hirnvenenthrombose (Sinus-cavernosus-Thrombose, zusammen mit Hirndruckproblematik auch als sehr seltene Corona-Impfkomplikation)
  10. Endokrine Orbitopathie (Schilddrüsenfunktionsstörung)

Gezielte Fragen stellen

„Wichtige Hinweise für die Ursachen des roten Auges finden sich häufig bereits in der Anamnese und stützen sich im Wesentlichen darauf, ob ein oder beide Augen betroffen sind, akute oder länger bestehende Beschwerden vorliegen und wie intensiv die Schmerzen sind“, so Pleyer.

Weiter oft zu überprüfen ist, ob ein Trauma, ein Fremdkörper oder Kontaktlinsen eine Rolle spielen können, ob eine Sehminderung vorliegt und ob die Beschwerden saisonal (wie bei Allergien).

Weitere Hinweise bieten Begleitbeschwerden wie Schmerz, Lichtscheu oder Juckreiz und als Begleitbefunde Blepharospasmus (krampfartiger Lidschluss) oder die Konsistenz des Bindehautsekrets.

Auch ein trockenes Auge ist nicht unbedingt banal, wenn sich die Patienten erheblich dadurch gestört fühlen. „Bei schwerer Ausprägung eines trockenen Auges verordnen wir als Neuerung in der Therapie mittlerweile nicht mehr nur ein Tränenersatzmittel, sondern behandeln gleichzeitig antiinflammatorisch“, sagte der Berliner Ophthalmologe. Dies sei auch über längere Zeit möglich. Neue Erkenntnisse, so Pleyer, wiesen darauf hin, dass beim Trockenen Auge auch immunologisch getriggerte Phänomene eine Rolle spielen könnten.

Leitfaden für Nicht-Ophthalmologen

Laut einer US-Studie machen Augenprobleme 2 bis 3% der Beratungsanlässe in der hausärztlichen und Notfallversorgung aus. Die meisten der sich dabei vorstellenden Patienten tun dies mit einem roten Auge.

Wie Dr. Andreas Frings und seine Kollegen in einem Leitfaden für Nicht-Ophthalmologen „Rotes Auge“ beschreiben, kann dessen Diagnose mit einfachen Basisuntersuchungen (mit bloßem Auge) und gezielten Fragen schnell eingegrenzt werden. Bei Notfällen oder Unklarheit über die korrekte Diagnose sollte jeder Patient aber unmittelbar augenärztlichen Kollegen vorgestellt werden.

Dieser Artikel ist im Orginal auf Medscape.de erschienen.

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