12. Mai 2022

Scientific Symposium on Tea and Human Health

Tee stärkt nachweislich Nerven und Kognition

Tee und seine Bestandteile scheinen laut einer Professorin für Ernährungsverhalten unter Stressbedingungen deutliche Vorteile zu bringen und den Kortisolspiegel zu reduzieren. Damit sei Tee ein optimales Getränk in einer Zeit, in der Stress und Burnout weltweit zunehmen.1

Lesedauer: 6 Minuten

Text: Dr. Sheena Meredith, Übersetzung: Ute Eppinger, Redaktion: Marie Fahrenhold

L-Theonin reduziert die Kortisolreaktion

„Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Tee und seine Bestandteile unter Stressbedingungen Vorteile zu bringen scheinen“, erläutert Prof. Dr. Louise Dye auf dem virtuellen Sixth International Scientific Symposium on Tea and Human Health. Diese Reaktion könne tatsächlich sehr nützlich sein, um unseren Kortisolspiegel zu reduzieren.

„Das Erste, das viele von uns sagen, wenn ein Freund in Not zu uns kommt, ist: ‚Ich koche uns jetzt erst mal eine gute Tasse Tee‘ – und dafür gibt es sowohl wissenschaftliche als auch psychologische Gründe“, so die Professorin für Ernährungsverhalten an der Universität Leeds und Mitherausgeberin von Nutritional Neuroscience.

Wenn Tiere Stress erleben, reagieren sie darauf mit Kampf oder Flucht, kehren aber in einen niedrigen Stresszustand zurück, sobald die Gefahr vorüber ist, erklärte Dye. Aber bei Menschen „ist der Stress dann nicht unbedingt weg“.

Bei erwachsenen Menschen entsteht Stress als Reaktion auf ein empfundenes Ungleichgewicht zwischen den Anforderungen der Situation und den Ressourcen, die zur Bewältigung zur Verfügung stehen. Dieser Stress aktiviert den Hypothalamus und die Nebennierenrinde und regt die Ausschüttung von Kortisol an.

„In den meisten unserer alltäglichen Situationen ist es schwierig, in einen niedrigen Stresslevel zurückzukehren. Wir können nicht vor einem wütenden Chef davonlaufen – und wir sollten uns auch nicht gegen ihn wehren –, aber eine Tasse Tee könnte tatsächlich von Vorteil sein, denn das im Tee enthaltene L-Theonin reduziert die Kortisolreaktion auf akuten Stress.“

Tee fördert die Alphawellen-Aktivität

Es gebe ein wachsendes Interesse daran, dass Tee und seine Inhaltsstoffe die Gehirnaktivität modulieren können, sagte Dye. In einem EEG werden Alphawellen mit einem wachen, aber entspannten Zustand in Verbindung gebracht. Studien über Tee, insbesondere über grünen Tee, zeigen, dass er die Alpha-Aktivität im Ruhezustand moderieren kann.

In einer Studie, in der 50 mg L-Theanin – eine Aminosäure, die vor allem in grünem und schwarzem Tee enthalten ist – mit einer Wasser-Kontrollgruppe verglichen wurden, führte der Tee, nicht aber das Wasser, über einen Zeitraum von 105 Minuten zu einem Anstieg der Alpha-Aktivität, was einen zunehmend entspannten Zustand anzeigt.

Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten

Darüber hinaus haben epidemiologische Studien einen Zusammenhang zwischen Teekonsum und kognitiver Funktion aufgezeigt. Stress wirkt sich auf mehrere Dimensionen der kognitiven Funktion aus, sagte Dye.

„Wenn wir unter Stress stehen, wirkt sich das auf unsere Fähigkeit aus, aufmerksam zu bleiben, uns an Dinge zu erinnern, unsere motorischen Fähigkeiten zu koordinieren und auf unsere Entscheidungsfähigkeit … Stress beeinflusst unsere kognitiven Funktionen. Er beeinflusst, wie wir Informationen verstehen, speichern und nutzen“, erklärte Dye.

„Der tiefgreifendste kognitive Bereich, auf den Tee einzuwirken scheint, ist Aufmerksamkeit und Wachsamkeit“, so Dye. Sie berichtete über eine Analyse der Forschungsergebnisse zu Kognition und den Inhaltsstoffen von Tee, die sie durchgeführt hatte.

Nach dem Ausschluss von Studien, die Teilnehmer mit einer gewissen kognitiven Beeinträchtigung umfasste, fand Dye nur sieben Studien mit guter methodischer Qualität: randomisierte kontrollierte Studien mit verblindeten Kontrollen, in denen sensible kognitive Tests an gesunden, nicht beeinträchtigten Personen durchgeführt worden waren.

„Insgesamt konnten wir in diesen sieben Studien eine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten, insbesondere der Aufmerksamkeit, feststellen“, sagte sie.

Andere Studien über Tee und seine Inhaltsstoffe stützen die Schlussfolgerung, dass der Konsum von Tee kurzfristige, akut positive Auswirkungen auf die kognitive Leistung unter Stress haben kann, objektiv ermittelt mithilfe von Aufmerksamkeitstests.

So konnten beispielsweise junge Erwachsene, die zwei Wochen lang täglich 2 g Matcha (ein zu Pulver vermahlener Grüntee) konsumiert hatten, ihre Konzentration bei einer anstrengenden Rechenaufgabe besser aufrechterhalten.

In einer anderen Studie mit älteren Erwachsenen im Alter von 50 bis 69 Jahren verbesserte bereits eine einmalige Einnahme von Matcha die Aufmerksamkeit und eine wiederholte Einnahme über 12 Wochen die Arbeitsleistung.

Eine andere Studie zeigte, dass Matcha in Kombination mit Koffein sowohl die Aufmerksamkeit als auch die Arbeitsfähigkeit unter Stress deutlicher verbessert als Koffein allein. Auch schwarzer Tee erhöht nachweislich die Aufmerksamkeit.

Wichtige Inhaltsstoffe: L-Theanin und Koffein

Die mentalen und psychologischen Wirkungen von Tee werden seiner einzigartigen Kombination aus Koffein und L-Theanin zugeschrieben, wobei letzteres nachweislich die kardiovaskulären Reaktionen und die Kortisol-Ausschüttung auf akuten Stress abschwächt.

Studien zeigen auch durchweg positive Auswirkungen der hohen L-Theanin-Dosis zusammen mit einer niedrigeren Koffein-Dosis in Tee (im Vergleich zu Kaffee) auf die Leistung bei Aufmerksamkeitsaufgaben; wobei die Kombination andere Wirkungen haben kann als Koffein allein.

„Die meisten dieser positiven Effekte können entweder auf das L-Theanin im Tee oder auf L-Theanin und Koffein zurückgeführt werden“, so Dye.

Tee: „Das Getränk der Wahl“ bei erhöhtem Stress

„Mit diesen Auswirkungen auf die Aufmerksamkeit ist Tee ein optimales Getränk in einer Zeit, in der Stress und Burnout weltweit zunehmen.“ Auch in subjektiven Berichten gaben Studienteilnehmer an, sich wacher und achtsamer zu fühlen. „Stress liegt im Auge des Betrachters“, sagte Dye. „Es gibt nicht nur ein objektives Maß dafür, wichtig ist eben auch das, was diese Personen fühlen.“

Im Gespräch mit Medscape UK nach dem Symposium erklärte sie, dass im Gegensatz zu Tieren die Rückkehr in den Ruhezustand nach einer Stressreaktion „beim Menschen nicht allzu oft vorkommt“.

„Die Arten von Stress, mit denen wir konfrontiert werden, sind Dinge, die wir als stressig empfinden und vor denen wir nicht unbedingt weglaufen können. Es ist ein Ungleichgewicht zwischen dem, was in unserer Situation vor sich geht, und dem, wie gut wir mit dieser Situation fertig werden können“, sagte Dye.

„Stress ist also ein Muster: wie Sie ihn wahrnehmen, Ihre physiologische Reaktion darauf und schließlich Ihr Verhalten darauf – was Sie gelernt haben, wie Sie damit umgehen. Im derzeitigen Klima sind die Menschen sehr gestresst“, so Dye.

„Die Menschen waren sehr isoliert; sie waren zu Hause und haben versucht, ihre Arbeit zu erledigen und sich um ihre Kinder zu kümmern, all diese Dinge. Wir alle hatten in den letzten Jahren ein sehr viel stressigeres Leben, und es war eine ungewohnte Art von Stress, weil wir alle in diese sehr neuartige Situation geworfen wurden, in der wir vielleicht nicht über alle Ressourcen verfügen, um sie zu bewältigen“, erklärte Dye.

Was die positiven Auswirkungen von Tee auf Kognition und Stress angeht, so müssen wir die Mechanismen kennen, um Ursache und Wirkung nachweisen zu können, und dafür gibt es noch nicht genügend hochwertige Evidenz. „Es scheint wahrscheinlich, dass diese positiven Wirkungen auf den L-Theanin-Gehalt des Tees oder die Kombination von L-Theanin und Koffein zurückzuführen sind“, so Dye. Der Koffeingehalt von Tee ist viel niedriger als der von Kaffee, so dass die Kombination, also der Synergieeffekt, wichtig zu sein scheint.

Aber: „Es ist das Gefühl, wacher zu sein, das wahrscheinlich den Konsum ankurbelt, und nicht der Nachweis, dass man tatsächlich etwas mehr leistet. Es könnte etwas Physiologisches sein, das dieses subjektive Gefühl antreibt; es könnte auch etwas sein, das mit der Erinnerung an Ereignisse zu tun hat, damit, wie man auf Situationen reagiert.“

Psychologische Aspekte des Teetrinkens

Dye weiter: „Der andere Punkt, den ich während des Symposiums angesprochen habe, ist, dass es nicht nur um die Wirkstoffe in diesen Getränken geht, sondern auch um die psychologische Seite…. Es gibt eine Assoziation zwischen dem Konsum dieses Getränks und dem Gefühl, ruhiger zu sein…. Man kann die psychologischen Aspekte davon nicht trennen. Wir sind mit diesem Getränk aufgewachsen, wir haben eine starke Assoziation damit.“

Das sei auch nicht nur eine britische Gepflogenheit: „Es gibt sehr viele Kulturen, in denen Tee getrunken wird… Ein großer Teil der Kultur und Tradition dreht sich um das Teetrinken. Es ist also sehr schwierig, das auseinanderzuhalten, und daher kommt auch dieses subjektive Gefühl. Einige Inhaltsstoffe scheinen Auswirkungen auf unsere Leistungsfähigkeit in Stresssituationen zu haben und uns entspannter und weniger gestresst zu machen. Es besteht also nach wie vor ein Zusammenhang zwischen einem schlimmen Ereignis und dem Aufsetzen des Wasserkochers.“

Zahlreiche weitere gesundheitliche Vorteile

Lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags über weitere auf dem Symposium vorgestellte Studien, die den Vorteil von Tee für die Immunfunktion, kardiometabolische Erkrankungen, den kognitiven Abbau und die Krebsprävention beleuchten.

  1. The Sixth International Scientific Symposium on Tea & Human Health virtuell, 26.4.2022
Bild: © gettyImages/CentralITAlliance (Symbolbild mit Fotomodell)

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