03. Oktober 2021

Superfoodtrend

Schwarze Johannisbeere schlägt Gojibeere

Superfoods sind Nahrungsmittel mit beträchtlichen Mengen mit als positiv geltenden Inhaltsstoffen. Wissenschaftler sehen den Trend kritisch und sprechen sich für heimische Produkte aus.

Lesedauer: 3 Minuten

Autor: Dr. Thomas Kron, Redaktion: Sebastian Schmidt

Viele Gründe für Kritik am andauernden Superfood-Trend finden die Fuldaer Ernährungswissenschaftlerin Paula Kuchheuser und ihre Kolleginnen in einer Analyse in der Zeitschrift Ernährungsmedizin. Lebensmittelsicherheit und Nachhaltigkeit sprächen dafür, sich Vitamine und andere Mikronährstoffe lieber aus heimischem Anbau zu holen, findet auch die Gießener Ernährungswissenschaftlerin Prof. Dr. Anika Wagner. „Heimische Lebensmittel haben nicht das Problem des Transports. Denn lange Transportzeiten können auch zum Verlust von Inhaltsstoffen führen, die nicht so stabil sind.“^1^

Superfood ist ein Begriff aus dem Marketing und damit wissenschaftlich gar nicht definiert. In der Regel wird er für Lebensmittel benutzt, die beträchtliche Mengen von als positiv geltenden Inhaltsstoffen enthalten.

Prof. Dr. Hans Konrad Biesalski, Experte der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin, ist allerdings skeptisch. „Die Werbung sagt, dass Superfoods extrem reich an Mikronährstoffen sind. Und das stimmt nicht unbedingt.“ Zumindest schneiden heimische Produkte im Vergleich zu exotischen Superfoods nicht wirklich schlechter ab. Zu diesem Schluss kommt Kuchheuser in einer Gegenüberstellung: Schwarze Johannisbeeren enthalten danach mehr Vitamin C als Gojibeeren und Hafer fast so viel Eisen und Eiweiß wie Quinoa.

Wenig Evidenz für Superfoods

Dass wir Vitamine und Mineralstoffe grundsätzlich brauchen, ist hinreichend erwiesen. Bei anderen Inhaltsstoffen, oft zusammengefasst unter sekundären Pflanzenstoffen, ist die wissenschaftliche Lage aber längst nicht so klar – auch wenn es durchaus Studien gibt, die auf positive Effekte hinweisen, erklärt Wagner: „Da gibt es Untersuchungen in Zellkultur oder auch in Tieren, aber im Menschen sind die Ergebnisse nicht so eindeutig.“ Denn eine Untersuchung an Zellen im Labor ist bestenfalls ein Schritt auf dem Weg zu weiteren Forschungen, erklärt Biesalski.

Etwa wenn man Anthocyane untersucht, rote Fruchtfarbstoffe, die antioxidativ wirken sollen. „Wenn sie das in der Zellkultur machen, dann schütten sie im Labor Anthocyane auf die Zellen. So wird eine Zelle im Körper aber niemals Anthocyane ‚zu Gesicht‘ bekommen, weil sie vorher verstoffwechselt werden.“ Wer wirklich wissen möchte, wie Superfoods beim Menschen wirken, kommt um langwierige klinische Studien also nicht herum.

Wagner erforscht die Wirkung einzelner Lebensmittelinhaltsstoffe auf das menschliche Immunsystem. Doch selbst beim heimischen Broccoli sind die oft zitierten positiven Effekte des Inhaltsstoffes Sulforophan wissenschaftlich noch nicht gut genug untersucht.

„Generell ist Kohl sehr gesund und bestimmt nicht nachteilig fürs Immunsystem. Aber dass man nur noch Broccoli essen soll, um sein Immunsystem zu boostern, ist natürlich nicht sinnvoll.“

Ähnlich ist die wissenschaftliche Lage auch bei vielen als Superfood propagierten Lebensmitteln. Zu Aroniabeeren, Gojibeeren, oder Moringa gibt es zwar Studien, aber in der Regel keine überzeugende Evidenz. Wer Werbung mit dem Gesundheitsnutzen von Lebensmitteln machen will, muss das in der Europäischen Union konkret beantragen.

Anträge zum Nutzen von Anthocyanen in Aroniabeeren oder zum Nutzen der Beeren generell wurden bisher aber abgelehnt. Eine Ursache-Wirkungsbeziehung sei nicht erwiesen, heisst es etwa in der wissenschaftlichen Begründung der Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA. Anderen Anträgen, etwa zum Gesundheitsnutzen von Gojibeeren, erging es ähnlich.

Nebenwirkungen möglich

Aber nicht nur die Wirkung, auch die Nebenwirkungen hierzulande unüblicher Lebensmittel muss man im Auge behalten. Bei Gojibeeren etwa kann es zu Wechselwirkungen mit Vitamin-K-Antagonisten kommen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte rät Patienten, die solche Medikamente einnehmen, deshalb vom Verzehr des Superfoods ab.

Einzelne Lebensmittel zu Superfoods zu erklären, sei für die gesunde Ernährung ohnehin nicht hilfreich, sagen Wagner und Biesalski übereinstimmend. „Allgemein gilt, dass man viele verschiedene Lebensmittel zu sich nehmen sollte, um auch ein breites Spektrum an verschiedenen Nährstoffen zu bekommen“, betont Wagner.

Sich auf einzelne Superfoods zu konzentrieren, könne da eher kontraproduktiv sein, befürchtet Wagner. Und allein der Zusatz eines Superfoods mache Kekse oder Müsliriegel nicht wesentlich gesünder, ergänzt Prof. Dr. Anja Bosy-Westphal, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin: „Ein hoch verarbeitetes Lebensmittel, das exotische Superfoods enthält, ist noch kein ernährungsphysiologisch günstigeres: Weißmehl-Toast bleibt Weißmehl-Toast, ob mit oder ohne Chia.“

Nachhaltigkeit und Lebensmittelsicherheit problematisch

Dazu kommt: die gern propagierten exotischen Superfoods bergen zahlreiche Probleme. „Wir haben bei Superfoods aus fernen Ländern das Problem, dass andere Gesetze gelten, was beispielsweise Pestizide anbelangt oder auch andere Verunreinigungen. Ausserdem gibt es soziale Auswirkungen wie Monokulturen, die dann vor Ort Grundnahrungsmittel teurer werden lassen.“ Kuchheuser und ihre Kollegen führen zahlreiche Untersuchungen und Lebensmittelkontrollen an, bei denen in importierten Superfoods Schimmelpilzgifte, nicht zugelassene Pestizidrückstände oder Salmonellen gefunden wurden.

Und auch die CO2-Bilanz der meisten exotischen Superfoods dürfte heimischen Produkten unterlegen sein. Transportwege seien im Vergleich zu Produktionsbedingungen zwar meist weniger wichtig, schreibt Kuchheuser. Superfoods wie Avocados sind allerdings schon wegen ihres hohen Wasserbedarfs meist wenig nachhaltig, urteilt Biesalski: „Die Avocado enthält relativ viel Fett, und sonst relativ wenig. Aber sie zieht eine Spur von ökologischen Problemen und Nachhaltigkeitsproblemen hinter sich her.“

Trotzdem sei gegen den gelegentlichen Verzehr eines Superfoods nichts einzuwenden, findet der Hohenheimer Ernährungsmedizinier. „Es spricht nichts dagegen, dass ich mal Superfood esse, wenn mir das schmeckt. Aber ich sollte mir nicht davon erhoffen, dass es mich gesund macht.“

Der ein oder andere Exot lässt sich zu diesem Zweck sogar im eigenen Garten züchten – etwa die Gojibeere. Und auch Quinoa gibt es bereits aus heimischem Anbau – wenn auch etwas teurer als die südamerikanischen Importe. Gleichzeitig forscht die Universität Kiel an der Züchtung von besser für das hiesige Klima geeigneten Sorten.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

  1. Kuchheuser P, et al: Aktuelle Ernährungsmedizin; 2021:46(01); 36-40

Bildquelle: © GettyImages / istetiana

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