19. Oktober 2019

Deutscher Schmerzkongress 2019

Schmerzen bei Sport: Was hilft und was tabu ist

Sport ist gesund, wirkt auf einem moderaten Niveau lebensverlängernd und dient zur Prävention von chronischen Schmerzen. Was ist aber zu tun, wenn Schmerzen infolge von Sport auftreten? Welche Maßnahmen sind evidenzbasiert und welche ein “No-Go”?

Lesedauer: 3,5 Minuten

Quelle: Pressekonferenz im Rahmen der des Deutschen Schmerzkongresses 2019 der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. 1 Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Sport gilt als Therapeutikum

Sport kann Schmerzen lindern: So ist Bewegung bei chronischen Rücken-, Kopf- oder Gelenkschmerzen ein wichtiger Stützpfeiler der Therapie. Die meisten Schmerzpatienten wissen, dass Bewegungsübungen die Beschwerden reduzieren können. Dennoch reicht dieses Wissen nicht immer aus, um die Einstiegsschwelle für das “Therapeutikum Sport” zu überschreiten.

Häufig sind zusätzliche therapeutische Maßnahmen durch Ärzte, Physio- und Psychotherapeuten und spezialisierte Pflegende, weiß Dr. Paul Nilges, ehemaliger Leitender Psychologe am DRK Schmerz-Zentrum Mainz. Auf der Pressekonferenz beim Deutschen Schmerzkongress sprach der Experte über Schmerzen bei Sport und erklärte, was zu tun ist, wenn Sport selbst der Schmerzauslöser ist.

„Schmerzen gehören bei Sport dazu”

Aus Sicht von Nilges lassen sich Schmerzen bei Sport kaum vermeiden, wenn dieser regelmäßig und körperlich fordernd betrieben wird. So reagiere die Muskulatur bereits nach kurzer Zeit auf die Trainingsreize, während Sehnen, Bänder und Gelenke deutlich länger brauchten, um sich an die gesteigerte Belastung anzupassen. Sein Rat: „Wichtig ist zwischen Belastung und Belastbarkeit zu balancieren.”

Entsprechend benötige man für einen Marathon ein Jahr Vorbereitungszeit, erklärt er auf der Pressekonferenz. Als ehemaliger Marathonläufer weiß der Therapeut, wovon er spricht. Auch bezeichnet er diesen extremen Langstreckenlauf als eher ungesund.

Bei einer Überforderung kann es zu Schmerzen etwa an der Achillessehne oder am Knie kommen. Das Risiko für Verletzungen wie z.B. eine Sprunggelenksdistorsion ist erhöht. Für diesen Fall gilt, um den Schaden so gering wie möglich zu halten, die PECH-Regel: Pause, Eis, Compression, Hochlagern.

Dehnen bietet keinen Schutz vor Schmerzen

Viele Sportler dehnen präventiv vor oder auch nach einer sportlichen Betätigung, damit Schmerzen gar nicht erst entstehen. „Für das Dehnen als Präventivmaßnahme gibt es bislang keinen Beleg”, betont Nilges jedoch in der Pressekonferenz. Dies hätten mehrere Cochrane-Reviews gezeigt. Dasselbe gelte auch für Orthesen und Einlagen. Allerdings spräche auch nichts gegen Stretching nach dem Laufen: „Wer sich danach besser fühlt, kann dies tun”, erklärte der Psychologe. Er selbst praktiziere dies auch regelmäßig beim Sport.

Anders sehe die Datenlage bei Schmerzgels aus. Hier kamen Cochrane-Analysten zu dem Ergebnis, dass Gels durchaus helfen, wenn eine Alltagsbewegung oder eine sportliche Aktivität mit Muskelzerrung, Verstauchung und Schmerzen endet. Nach einer Woche könne der Betroffene wieder schmerzfrei aktiv werden. Dennoch laute die Empfehlung bei leichten Beschwerden zunächst die Belastung zu reduzieren, abzuwarten und die Signale des Körpers kennenzulernen, bevor man zur Tube greift.

No-Go: Einnahme von Schmerzmitteln, um Sport zu treiben

Die Angst vor Schmerzen sei häufig schlimmer als die Schmerzen selbst, erklärt Nilges in der Pressekonferenz. Dies deshalb, weil sie Hobbysportler dazu verleite Schmerzgels als auch Schmerzmedikamente präventiv zu verwenden. Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Hälfte der Marathonläufer vor dem Lauf Mittel wie Diclofenac, Ibuprofen oder Azetylsalizylsäure einnehmen, wird Thomas Isenberg, Geschäftsführer der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. in der Pressemitteilung des Deutschem Schmerzkongresses zitiert.

Schmerzen hätten meist eine Warnfunktion und würde unter ihrem Einfluss gelaufen, führte dies zu einer Überbelastung von Sehnen, Gelenken und Muskeln. „Tablettenschlucken ist ein absolutes No-Go,” warnt deshalb auch der Psychologe Nilges und verweist auf die Gefahren von kardialen Risiken sowie auf gastrointestinale Problemen insbesondere bei Langstreckenläufen, bei denen Sportler nur wenig Nahrung zu sich nehmen.

Fazit: „Ein bißchen Schmerz darf sein”

Ein bisschen Schmerz darf also sein, heißt es im Fazit Nilges. Regelmäßiger Sport wirke lebensverlängernd und schütze vor Gebrechlichkeit im Alter. Auch auf die Psyche und die „Selbstwirksamkeitsüberzeugung“, also das Wissen, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können, seien die Auswirkungen positiv. „Wer körperlich aktiv ist, Sport treibt und/oder sich viel bewegt, kann mit anderen Belastungen des Lebens besser umgehen und erhöht seine Lebensqualität“, weiß der Psychologe.

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1. Deutscher Schmerzkongress 2019, Pressemitteilung: Wenn Sport schmerzhaft wird: Was Breitensportlern und Profis hilft – und was nicht

Bild: © GettyImages/praetorianphoto

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