29. Oktober 2019

Smartphone in der Badewanne: Schwere Folgen für eine 13-Jährige

Eine 13-Jährige nutzt während des Badens ihr Smartphone, das über das Ladekabel mit der Steckdose verbunden ist. Plötzlich hört ihre Mutter einen Schrei im Bad und eilt ihrer Tochter zur Hilfe. Erfahren Sie hier, welche schweren Folgen das Bad für das Mädchen hatte. 1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Die folgende Kasuistik wurde im Fachjournal Journal of Medical Case Reports von Sem F. Hardon und Mitautoren als Open Access Beitrag unter der Namensnennung 4.0 International Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de) veröffentlicht. Der Beitrag wurde ins Deutsche übersetzt von Dr. Nina Mörsch und Christoph Renninger.

Der Fall

Ein 13-jähriges Mädchen kommt mit schweren Verbrennungen an Hand und Bauch in ein Verbrennungszentrum. Sie hatte während des Badens ein aufladendes Smartphone in ihrer rechten Hand gehalten. Nach einem lauten Schrei reagierte ihre Mutter sofort, zog das Ladekabel vom Handy ab und holte ihre Tochter aus der Badewanne. Sie berichtete, dass das Mädchen für kurze Zeit bewusstlos war und Muskelzuckungen aufwies.

Nach einem präkordialen Faustschlag war das Mädchen wieder ansprechbar. Ihre Atmung und die Hämodynamik waren stabil.

Schwere Verbrennungen an Hand und Abdomen

Abb.1 A: Rechte Hand mit Brandwunde zwischen Daumen und Zeigefinger auf der Handflächenseite. B: Streifenförmige Verbrennung über dem Bauch in der Nähe der epigastrischen Region.

An der Handinnenseite wies das Mädchen eine umschriebene, ovale Läsion von etwa 1 × 1 cm auf, mit einer zentralen Blässezone zwischen Daumen und Zeigefinger (Abbildung 1, A). Am Bauch zeigte sich zudem eine streifenförmige Rissbildung der Haut von etwa 1 × 12 cm nahe dem epigastrischen Bereich, umgeben von einem hyperämischen Rand (Abbildung 1, B). Die verbrannte Gesamtkörperoberfläche der Patientin betrug weniger als 0,5%.

Laborwerte: CK-Wert und Myoglobin

Der Serumcreatinkinase-(CK)-Wert des Mädchens war stark erhöht (1294 U/L). Das Elektrokardiogramm zeigte keine Anomalien. Zur Beobachtung und für weitere Untersuchungen wurde die Patientin auf die Kinderstation aufgenommen. Am Tag nach der Aufnahme stieg der CK-Wert nochmals leicht auf 1400 U/L. Ihr Urin wurde auf Myoglobinurie getestet, zeigte aber keine Anzeichen einer Rhabdomyolyse. Darüber hinaus berichtete das Mädchen von keinen Beschwerden. Auch verlief eine erneute Untersuchung ohne Auffälligkeiten, weshalb sie am zweiten Tag nach der Verbrennung die Klinik wieder verlassen konnte.

Aufgrund des Gedächtnisverlustes konnte die Patientin den Zeitpunkt der Verletzung nicht detailliert rekonstruieren. Die von der Mutter berichteten Muskelzuckungen, die Schwere der Verbrennungen sowie der Muskelabbau (erhöhter CK-Wert) lassen jedoch darauf schließen, dass ein Wechselstrom mit 240 V die elektrische Verletzung verursacht hat. Wahrscheinlich gab es einen direkten Stromfluss zwischen den Hauptspannungen des Ladekabelsteckers zu einem geerdeten Element in der Badewanne, wie z.B. dem Ablauf.

Eine weitere Erklärung der Autoren ist, dass der Strom über die feuchte Außenseite des Ladekabels zu dem Mädchen floss. Feuchte Haut ist anfälliger für Stromschlagverletzungen, da der Widerstand abnimmt.

Therapie: Brandwunde am Bauch heilte nur langsam

A: Bauchverbrennung nach 21 Tagen. B: Narbe 10 Tage nach operativer Resektion, Transposition und Wundverschluss.

In der ersten Woche behandelten die Ärzte die Verbrennungen zunächst konservativ mit Silbersulfadiazincreme, ab der zweiten Woche stiegen sie auf Fusidinsäurecreme um. Die Brandwunde an der Hand heilte unter dieser Therapie, während die Bauchverbrennung noch nach 21 Tagen nicht ausreichend verheilt war. Daher entschieden sich die Behandler für eine operative Resektion und Transposition der Haut (Abb. 2). Das Ergebnis dieses Eingriffs war zufriedenstellend, mit wenig Narbenbildung.

Wichtige Untersuchungen bei Unfällen mit Stromschlag

Die Bestimmung der Creatinkinase (CK-Wert) im Serum sowie der Ausschluss einer Myoglobinurie, um Schäden am Muskelgewebe (Rhabdomyolyse) auszuschließen, sollten aus Sicht der Autoren als erste Untersuchungen bei Patienten mit Stromschlag erfolgen.

Auch der Serumspiegel von Laktatdehydrogenase, Transaminasen, Kalium- und Phosphorspiegel könnte auf das Risiko einer Nierenkrankheit hinweisen und sollte für die Untersuchung in Betracht gezogen werden. Obwohl die Patientin im vorliegenden Fall keine Anzeichen einer Myoglobinurie zeigte, schlossen die Ärzte eine leichte Rhabdomyolyse nicht aus, die höchstwahrscheinlich die Ursache für ihren erhöhten CK-Wert war.

  • Die Schwere der Verbrennungen durch Stromschläge hängt von der Art und Intensität (Spannung) des Stroms ab, der Lage und Dauer des Kontakts am Körper sowie der betroffenen Organe, erläutern die Autoren.

    Weitere Faktoren, die die Widerstandsfähigkeit der Haut bestimmen sind: Körper- und Ernährungszustand des Betroffenen und Luftfeuchtigkeit. Gewebe wie Fett, Knochen und Haut haben eine relativ hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber Strom, weshalb sie zu einer Temperaturerhöhung und Koagulation neigen.

    Die Auswirkungen des Stromschlags verstärken sich bei nasser Haut oder feuchter Umgebung (Ohm’sches Gesetz). Feuchte Haut ist zwar vor einer oberflächlichen thermischen Verletzung eher geschützt, lässt aber mehr Strom in den Körper: Das Risiko einer Schädigung der inneren Organe steigt.

Fazit der Autoren

Elektrische Geräte stellen vor allem für Kinder eine besondere Gefahr dar, insbesondere wenn sie unbeaufsichtigt damit spielen oder diese unsachgemäß gebrauchen. Zu Unfällen, insbesondere mit Niederspannungsstrom (50 – 1000 V), kommt es deshalb in der Regel zu Hause. Der vorliegende Fall zeige, dass diese Risiken trotz vorhandener Sicherheitshinweise unterschätzt werden, schreiben die Autoren.

Mehrere jüngst veröffentlichte Medienberichte hätten über schwere Verbrennungsunfälle (auch mit Todesfolge) durch Smartphones und Ladegeräte berichtet. Im Hinblick auf die zunehmende Nutzung von Smartphones durch Minderjährige, sei es wichtig, das Bewusstsein für diese Risiken zu schärfen. Auch wenn es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sei, betonen die Autoren überdies, dass elektrische Geräte oder Kabel niemals in der Nähe von Wasser angeschlossen werden und niemals mit einer nassen Umgebung in Berührung kommen sollten.

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1. Sem F. Hardon, Pieter J. Haasnoot & Annebeth Meij-de Vries: Burn wounds after electrical injury in a bathtub: a case report. Journal of Medical Case Reports volume 13, Article number: 304 (2019), Open Access (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de)

Titelbild: © GettyImages/Fabio Principe

Abbildungen: © Journal of Medical Case Reports

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