06. August 2020

Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2020

Schmerzen, Schlaf und Depression 

Die meisten Patienten mit chronischen Schmerzen leiden zusätzlich unter Schlafstörungen oder Depressionen. Dr. Günther Bittel, Anästhesist und Allgemeinmediziner, erläuterte in seinem Vortrag auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag 2020, wie die drei Störungen ineinandergreifen und welche Interventionen dabei helfen können, den Teufelskreis zu durchbrechen.1

Lesedauer: 3 Minuten 

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Schmerzen bleiben selten allein 

Dr. Bittel, ärztlicher Leiter des MVZ Schmerzzentrum Duisburg West, und seine Kollegen untersuchten an 50 Patienten mit chronischen Schmerzen, die durch die zeitliche Reihenfolge ihrer Besuchstermine ausgewählt wurden, wie viele von ihnen unter Schlafstörungen, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen oder Depressionen litten. Das Ergebnis: 47 Patienten litten unter mindestens einem der genannten Probleme, viele unter allen dreien. Diese kleine Erhebung soll verdeutlichen, dass chronische Schmerzen selten ohne Komorbiditäten bestehen.  

Das Henne-Ei-Problem 

Chronischer Schmerz kann nicht nur zu schlechtem Schlaf und depressiven Episoden führen, ebenso sind Schmerzen nicht selten das Leitsymptom bei depressiven Patienten, die zu Somatisierung neigen. Schlafstörungen gehen einer depressiven Erkrankung oft im Schnitt zwei Jahre voraus, wobei auch hier chronische Schlafprobleme Depressionen auslösen können. Das Zusammenspiel dieser Aspekte ist bei jedem Patienten individuell. 

Die Rolle der Schmerzmedikation 

Eine wichtige Rolle in dieser Problematik spielt auch die Medikation, wie am Beispiel der Opioide klar wird. Laut einer Untersuchung von Prof. Koehler und Kollegen der Universität Marburg kommt es bei Langzeitanwendung von Opioiden bei einem Drittel der Patienten zu schlafbezogenen Atmungsstörungen. Bereits eine einmalige Gabe von Opioiden kann die Schlafarchitektur stören. Zusätzlich können Opioide das Risiko für die Entwicklung einer Depression erhöhen. Antidepressiva ihrerseits können schlafbezogene Bewegungsstörungen (Restless-Legs-Syndrom, Periodic Limb Movements) hervorrufen und haben, je nach Wirkstoff, unterschiedliche Einflüsse auf die Schlafarchitektur. 

Als Internist ambulante Polygraphie durchführen und abrechnen 

Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, so Dr. Bittel, bei Patienten mit chronischen Schmerzen, die über Tagesmüdigkeit und Schlafstörungen berichten, eine schlafmedizinische Untersuchung durchzuführen. Internisten, HNO-Ärzte, Pädiater sowie Neurologen und Psychiater können nach dem Besuch eines Lehrgangs mit Praktikum eine ambulante Polygraphie durchführen und abrechnen.2 Diese ist die Voraussetzung für eine weitere Abklärung im Schlaflabor. Kurse werden von der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin angeboten.

Therapeutische Möglichkeiten 

Ein erster Schritt, um der Trias aus Schmerzen, Schlaf und Depression entgegenzuwirken, ist die Optimierung der Medikation. Darüber hinaus sind es vor allem Lebensstil-Interventionen und integrative Verfahren, die dem Patienten eine Besserung verschaffen können. 

So gilt für dieses Patientenkollektiv, genau wie für Insomnie-Patienten auch, die Einhaltung guter Schlafhygiene. Detaillierte Erklärungen dazu gibt es zum Beispiel in der frei zugänglichen Patientenbroschüre der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin.

Darüber hinaus sollten auch die typischen Veränderungen des Schlafes im Verlaufe des Lebens bedacht werden, so ist der Mittagsschlaf beim Senior Teil eines gesunden Tagesrhythmus, während jüngeren Erwachsenen davon abgeraten wird (mehr dazu auch bei der DGSM).

Bewegung, Ernährung, Freizeit 

Die täglichen 30 Minuten Bewegung leisten ebenso einen Beitrag. Studien zeigen, dass diese halbe Stunde am Tag nach 4 Monaten genauso antidepressiv wirkt wie ein SSRI, mit zunehmender Dauer ist der Effekt sogar ausgeprägter. Optimal ist ein Training im Grünen. Zusätzlich ist Bewegung vorteilhaft für den Tagesrhythmus und natürlich das Körpergewicht.

Komplementär empfiehlt sich eine vollwertige Ernährung mit drei vegetarischen Tagen pro Woche und ohne industriellen Zucker. Eine Option für Depressionspatienten und bei chronischen Entzündungen stellt laut Dr. Bittel auch das Heilfasten nach Buchinger dar. 

Zu diesen Basis-Maßnahmen sollte dann eine Freizeitaktivität ausgeübt werden, die den Patienten in Bewegung versetzt, die Schmerzen lindert und ihm vor allem Freude bereitet. Dabei helfen auch Gruppendynamiken, zum Beispiel in Entspannungs- und Bewegungsgruppen, denn auch Isolation und Vereinsamung zahlen auf die Verschlechterung der Symptomatik ein.  

Erfahrungsgemäß ist jedoch viel Kommunikation zwischen Behandlungsteam Patienten nötig, damit diese - oft starke Veränderung des Lebensstils - durchgeführt und auch eingehalten wird.  

  1. Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2020, Vortrag: „Das Dreigestirn aus Depression, Schmerz und Schlafstörung“, Vortragender: Dr. med. Günther Bittel 
  2. GKV Spitzenverband: Vereinbarung von Qualitätssicherungsmaßnahmen nach § 135 Abs. 2 SGB V zur Diagnostik und Therapie schlafbezogener Atmungsstörungen, Inkrafttreten am 01.04.2005

Bildquelle: © GettyImages/Tero Vesalainen

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