23. Dezember 2020

Raumfahrtmedizin: Die Besonderheiten im All

Erst kürzlich ist die erste Leitlinie zur Reanimation im Weltall erschienen. Aus diesem Anlass haben wir mit Prof. Dr. med. Jochen Hinkelbein, Steffen Kerkhoff sowie Dr. Jan Schmitz, Spezialisten auf dem Gebiet der Luft- und Raumfahrt – sowie der Notfallmedizin über die Besonderheiten der medizinischen Versorgung im Weltall gesprochen.

Lesedauer: 4 Minuten

Herr Prof. Hinkelbein, Sie sind Geschäftsführender Oberarzt und Bereichsleitender Oberarzt für den Bereich Notfallmedizin der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln – und außerdem Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin. Wie kamen Sie zur DGLRM?

v.l.n.r.: Prof. Dr. med. Jochen Hinkelbein, Steffen Kerkhoff, Dr. Jan Schmitz, Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln

Wie auch meine beiden Mitstreiter, Steffen Kerkhoff und Dr. Jan Schmitz, habe ich damals im Studium bereits erste Anknüpfungspunkte zur Luft- und Raumfahrtmedizin gefunden, nämlich durch eine sehr interessante Vorlesung. Hierdurch kam der Kontakt zur DGLRM auf, ich wurde Mitglied, war motiviert und engagiert und nach viel Fleiß dann schließlich Präsident von 2016-2018.

Welche Funktionen und Aufgaben hat die deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin?

Die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin (DGLRM) ist die einzige wissenschaftliche Fachgesellschaft in Deutschland für diesen Bereich. Die Mitglieder der DGLRM sind meist Ärzte aus dem Bereich der Luft- und Raumfahrtmedizin, allerdings gibt es auch viele nicht-ärztliche Mitglieder und auch etliche Studierende. Die DGLRM ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft mit dem Ziel, die Pflege und Förderung der luft- und raumfahrtmedizinischen Wissenschaft und aller mit ihren zusammenarbeitenden Disziplinen, besonders im Hinblick auf ihre praktische Anwendung voranzubringen.

Für den Flug ins All: Welche Voraussetzungen müssen Astronauten mitbringen? Gibt es hier eine besondere medizinische Ausbildung?

Astronauten sind medizinisch sehr gut und regelmäßig untersucht – mit anderen Worten, sie müssen gesund sein. Darüber hinaus benötigen sie eine ausreichende Leistungsfähigkeit und Training für den Aufenthalt im All. Dennoch können sich medizinische Probleme entwickeln oder Unfälle passieren. Ideal wäre natürlich, wenn immer ein Arzt Teil der Crew ist, das ist in der Realität nur in einer geringen Zahl der Missionen möglich. Daher unterlaufen alle Astronauten ein medizinisches Basistraining vor der Mission, um zumindest grundlegende medizinische Tätigkeiten ausführen zu können.

Gesundheitsversorgung im All: Mit welchen Herausforderungen müssen Astronauten an Bord und deren betreuende Ärzte auf der Erde rechnen?

Neben den durch den Aufenthalt im Weltall entstehenden Problemen (z.B. Volumenshift, Verlust der Muskel- und Knochenmasse etc.), sind insbesondere Unfälle ein relevantes Problem. Das Spektrum kann von kleinen Fremdkörpern reichen, die sich im Auge festsetzen, bis hin zu gravierenden Unfällen, z.B. durch Stromschläge, Verbrennungen oder Vergiftungen.

Wie ist das Vorgehen bei einem Notfall im Weltall? Was sind die Besonderheiten?

Die Versorgung von medizinischen Notfällen im Weltall unterscheidet sich deutlich von der auf der Erde. Erstens ist die Entfernung ein relevantes Problem, es kann nicht einfach mal ein Arzt kommen und die Crew ist auf sich selbst gestellt. Zweitens sind die Ressourcen und technischen Möglichkeiten im All limitiert, es gibt nur eine begrenzte Menge an Medikamenten und Geräten. Darüber hinaus stellt sich immer die Frage, wie Astronauten nach einer akuten Erkrankung oder Verletzung zurück auf die Erde geholt werden können. Bisher war das zum Glück noch kein tatsächliches Problem.

Welche Geräte und Medikamente zur medizinischen Versorgung sind an Bord der ISS?

Medikamente und medizinische Geräte auf der ISS entsprechen im Wesentlich denen, wie sie in einem Rettungswagen vorhanden sind. Für die gängigen und relevanten Probleme sind diese in ausreichender Menge verfügbar.

Mit Blick auf eine Marsmission: Welche Ausstattung und Vorbereitung wäre für eine solche lange Mission notwendig?

Missionen zum Mars werden etwa 3 Jahre dauern. Daher ist hier und insbesondere wegen der weiten Entfernung eine etwas angepasste medizinische Ausstattung nötig. Aktuell wird geprüft und geplant, was man unbedingt braucht und auf was z.B. aus Platz- und Gewichtsgründen verzichtet werden kann.

Wie lange dauert es aus Ihrer Sicht, bis eine bemannte Mission zum Mars möglich ist?

Das ist eine sehr schwere Frage und die Zeit wird ganz sicher auch vom Erfolg und dem Nutzen der kommenden Mondmissionen abhängig sein. Realistisch wird dies nicht in den nächsten 10 Jahren sein.

Was wird derzeit diesbezüglich erforscht? Wo besteht weiterer Bedarf?

Wir arbeiten aktuell an notfallmedizinischen Konzepten für Langzeitmissionen im Weltall, dabei denken wir u.a. auch an eine Marsmission: Wir betrachten, was mit den Astronauten in dieser Zeit (medizinisch) passieren kann und wie man die Crew dafür so gut wie möglich vorbereitet. Die Rahmenbedingungen für Flüge zum Mars sind viel extremer als an Bord der ISS.

Beispielsweise könnte Telemedizin nicht zur akuten Notfallbehandlung eingesetzt werden, wenn das Funksignal zur Erde und zurück insgesamt 40 Minuten braucht. Aktuell planen wir ein Forschungsprojekt zusammen mit dem Austrian Space Forum (ÖWF), das auf Anleitungen per Video für einen medizinisch grundlegend qualifizierten Astronauten aus dem multidisziplinären Team setzt – etwa zum Umgang mit einem Ultraschallgerät.

Bildquelle: © gettyImages/scibak

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