14. August 2020

Vibrionen: Das Wichtigste im Überblick

In der Ostsee können bei höheren Temperaturen vermehrt Vibrionen vorkommen, die in seltenen Fällen zu schweren Infektionen führen. Erfahren Sie hier mehr über diese seit März 2020 meldepflichtigen Infektionserregern.

Der folgende Beitrag basiert im Wesentlichen auf Informationen des Robert-Koch-Instituts RKI. Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Was sind Vibrionen und wo kommen Sie vor?

Vibrionen sind gram-negative Bakterien, die mäßig bis ausgeprägt halophil (salzbedürftig) sind. Vibrio cholerae ist der wohl bekannteste Vertreter der Vibrionen als Auslöser der epidemischen Cholera. Die Cholera wird in Deutschland gelegentlich als im Ausland erworbene Infektion diagnostiziert.

Verschiedene so genannte Nicht-Cholera-Vibrionen kommen natürlicherweise in Nord- und Ostsee und vereinzelt auch in leicht salzhaltigen Binnengewässern vor. Dazu zählt zum Beispiel Vibrio vulnificus. In kaltem Wasser sind diese Vibrionen inaktiv und werden erst bei Wassertemperaturen über 20 Grad Celsius aktiviert. Dann kann ihre Konzentration schnell ansteigen und sie können ihre Aktivität auch bei sinkender Wassertemperatur einige Wochen aufrechterhalten.

Auf der Webseite des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) wird eine interaktive Karte angeboten, mit der sich verfolgen lässt, wie gut die Bedingungen in den jeweiligen europäischen Küstengewässern für die Vibrionenvermehrung sind.

Die Infektionsgefahr ist höher an oder unweit von besonders flachen und sich dadurch schnell erwärmenden Küstenbereichen, wo z.T. das an Flussmündungen einströmende Süßwasser den Salzgehalt reduziert, erklärt das RKI. Hohe Wasserkonzentrationen von Vibrionen sind an tieferen Strandabschnitten und in Bereichen, in denen Wellengang, Strömungen oder die Gezeiten die Wassersäule stärker durchmischen, weniger wahrscheinlich.

Meldepflicht seit Anfang März
Seit 01.03.2020 besteht in Deutschland eine namentliche Meldepflicht für alle Infektionen mit humanpathogenen Vibrio spp. nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG). Labore müssen Nachweise von Nicht-Cholera-Vibrionen gemäß §7 Abs. 1 melden, sofern der Nachweis auf eine akute Infektion hinweist. Soweit ausschließlich eine Ohrinfektion vorliegt, gilt dies nur für Vibrio cholerae.

  • Infektionen mit Nicht-Cholera-Vibrionen sind selten. Neben Fällen von deutschen Küsten und (selten) Binnengewässern in Deutschland sind Infektionen auch aus benachbarten Ländern, die an die Nord- und Ostsee grenzen, bekannt: Aus Schweden, Finnland, Dänemark, Norwegen, den Niederlanden sowie von den Kanal-Inseln. Reisende aus Deutschland haben sich auch schon an der polnischen Küste infiziert.

    Zudem gibt es Berichte über reiseassoziierte Infektionen aus Israel, Spanien, Griechenland, Tunesien und der Türkei. Der Atlantik und das Mittelmeer sind aber vielerorts mit einem Salzgehalt von über 3% zu salzhaltig für eine optimale Vermehrung von Vibrionen. Die Nordsee selbst hat einen ähnlich hohen Salzgehalt, wobei aber im Bereich von Flussmündungen niedrigere Salzgehalte gemessen werden (1,5-2,5%). Die Ostsee hat im Vergleich zu den anderen Meeren den niedrigsten (und damit für Vibrionen günstigeren) Salzgehalt mit durchschnittlich 0,8%.

    Relativ häufig sind Infektionen auch in Sommer und Herbst an den südlichen Küsten der USA, wo sie bedingt durch ein leicht anderes Erregerspektrum häufiger als in Europa mit dem Kontakt zu und dem Verzehr von rohen Fischen und Meeresfrüchten assoziiert sind (siehe Informationen der CDC zu Vibrionen-Infektionen).

  • Nicht-Cholera-Vibrionen können Wundinfektionen (z.B. durch V. vulnificus) und gastroenteritische Infektionen (z.B. durch V. cholerae) hervorrufen, die zu Komplikationen wie Sepsis führen können.

    Wundinfektionen können durch den Kontakt offener, nicht verheilter Wunden mit erregerhaltigem Meerwasser hervorgerufen werden. Vibrionen können auch über Wunden eindringen, die man sich im Wasser erst zugezogen hat.

    Auch gibt es Berichte über Infektionen durch Verletzungen bei der Verarbeitung von Meeresfrüchten und rohem Seefisch (vereinzelt auch in Deutschland). Ausgehend von den Wunden können sich durch die bakteriellen Toxine invasive, grenzüberschreitende, meist eitrige Infektionen entwickeln, die dringend chirurgisch versorgt werden müssen.

    Gastroenteritische Infektionen können nach dem Verzehr von rohen (z.B. Austern) oder unzureichend gegarten (z.B. Shrimps) Meeresfrüchten oder rohem Fisch auftreten. Diese Krankheitsform kommt in anderen Gegenden der Welt z.T. häufig vor und kann theoretisch auch in Deutschland im Zusammenhang mit importierten Lebensmitteln stehen, wenn diese nicht durchgegart verzehrt werden.

    Neben diesen Krankheitsbildern können Vibrionen auch Ohrinfektionen verursachen.

  • Oberflächliche Wundinfektionen können sich schnell ausbreiten und zu tiefgreifenden Nekrosen und Hautulcerationen führen, wenn sie nicht adäquat behandelt werden.

    Ein frühes Symptom ist ein lokaler Schmerz, der angesichts der sichtbaren Wunde überproportional stark erscheint. Zudem können Fieber, Schüttelfrost und Sepsis auftreten.

    Chirurgische Behandlungen bis hin zur Amputation von Gliedmaßen können die Folge sein. Schwere Erkrankungen können tödlich verlaufen.

  • Bei gastroenteritischen Infektionen treten krampfartige abdominale Schmerzen, Erbrechen, Übelkeit und wässriger Durchfall auf. Meist ist der Verlauf insgesamt mild. Bei schweren Verläufen kann es ebenfalls zu einer Sepsis kommen. Wird die Sepsis nicht rechtzeitig erkannt und antibiotisch behandelt, kann dies zum Mehrfachorganversagen und/oder einem septischen Kreislaufschock führen und tödlich enden.

  • Die Inkubationszeit hängt vom Erreger ab. Im Allgemeinen liegt sie zwischen 4 und 96 Stunden. Bei V. parahaemolyticus liegt die Inkubationszeit normalerweise zwschen 12 und 24 Stunden und bei V. vulnificus bei 12 bis 72 Stunden.

    Diese kurzen Inkubationszeiten führen in der Regel dazu, dass betroffene Personen nahe dem Ort ihrer Exposition erkranken, diagnostiziert und behandelt werden. Eine Vibriose sollte vor allem in küstennahen Regionen Deutschlands, oder bei Personen, die sich wenige Tage zuvor dort aufgehalten haben, differenzialdiagnostik beachtet werden.

  • Zu den typischen Risikogruppen zählen ältere sowie immungeschwächte Personen. Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes mellitus, Lebererkrankungen (z.B. Leberzirrhose, chronischer Hepatitis), Krebserkrankungen (z.B. nach einer Chemotherapie) sowie schweren Herzerkrankungen haben ein erhöhtes Risiko für eine Erkrankung und auch für einen schweren Krankheitsverlauf.

    Dagegen sind unter den in Europa bekannten Fällen nur selten junge gesunde Erwachsene, die in der Regel auch nicht schwer erkranken. Bei immungesunden Kindern werden allenfalls Ohrinfektionen mit Nicht-Cholera-Vibrionen festgestellt, die mit Ohrinfektionen durch andere Erreger vergleichbar sind.

    • Antibiotikagabe: Bei einer schnellen geeigneten und ausreichend dosierten antimikrobiellen Therapie (Antibiotika) sind Infektionen auch bei Risikopatienten in den Griff zu bekommen. Unbehandelt oder zu spät behandelt kann – durch das schnelle Fortschreiten der Infektion – zusätzlich eine chirugische Behandlung (bis hin zur Amputation betroffener Gliedmaßen) erforderlich sein.

    • Wundabstriche sollten möglichst vor Beginn einer antimikrobiellen Therapie gewonnen werden, um Erreger identifizieren zu können. Jedoch sollte die Therapie bereits bei dringendem Verdacht auf eine Infektion mit Vibrionen unverzüglich (auch ohne Abwarten einer mikrobiologischen Bestätigung) erfolgen.

    • Vorgehen nach Leitlinie: Bei Verletzungen mit Salzwasser-Exposition empfiehlt eine aktuelle Leitlinie eine Kombination von Doxycyclin und Ceftriaxon (S2k-Leitlinie Haut- und Weichgebeinfektionen, Sunderkötter C, et al. 2019). Auch Patienten mit einer Gastroenteritis durch Nicht-Cholera-Vibrionen, bei denen durch Vorerkrankungen wie Diabetes oder eine Lebervorschädigung ein erhöhtes Sepsis-Risiko besteht, sollten frühzeitig antibiotisch behandelt werden.

  • Infektionen mit Nicht-Cholera-Vibrionen sind selten – vermutlich aber auch unterdiagnostiziert. Dem RKI wurden 2002-2019 jährlich eine Größenordnung von 0-20 Fällen an deutschen Küsten bekannt. Die Fälle traten vor allem in den wärmeren Sommern auf.

    Dass die Fälle fast ausschließlich auf Seewasser-Expositionen an der Ostsee zurückgeführt werden, kann auf die größere Aufmerksamkeit für diese Erreger dort zurückzuführen sein, liegt vermutlich aber auch am – für Vibrionen günstigeren – geringeren Salzgehalt des Ostseewassers.

    Die dem RKI bekannten Erkrankungen traten in der Regel vom späten Juni bis September auf und betrafen fast ausnahmslos ältere und vorerkrankte Patienten. Einige verstarben im Zusammenhang mit dieser Infektion. Die meisten Erkrankten aus küstenfernen Bundesländern wurden küstennah behandelt und diagnostiziert.

    Gastroenteritische Fälle mit Infektionsorten in Deutschland wurden nur vereinzelt übermittelt. Weiterhin kommen Ohrinfektionen mit V. cholerae vor allem bei Kindern vor.

Über weitere Gefahren beim Baden informiert unsere dreiteilige Themenstrecke:

  1. Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Nicht-Cholera-Vibrionen; rki; 06.08.2020.

Bildquelle: © gettyImages/ClaudioVentrella

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