Pilzvergiftung: Handeln im Notfall
Bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung ist eine genaue Anamneseerhebung entscheidend. Alles zum richtigen Handeln im Notfall im Überblick.
Lesedauer: ca. 3 Minuten

Redaktion: Marc Fröhling
Diagnose Pilzvergiftung basiert auf drei Säulen
Laut den Erkenntnissen einer Übersichtsarbeit von Wennig et al aus dem Jahr 2020, basiert die Diagnoseerhebung bei einer Pilzvergiftung auf drei Säulen: der Identifikation des verzehrten Pilzes, dem Zeitintervall zwischen der Mahlzeit und dem Auftreten von Symptomen, sowie – nach Möglichkeit – einer Bestätigung durch Laboruntersuchungen.
Zu beachten ist, dass nur wenige Labortests für Pilztoxine existieren (zur retrospektiven Diagnoseabklärung ist in manchen Fällen in spezialisierten Labors ein Nachweis möglich). Eine Ausnahme bilden die Toxine des Knollenblätterpilzes (Amatoxine). Diese können schon vor dem Einsetzen erster Symptome im Urin nachweisbar sein – so kann auf Grundlage dieses Nachweises rasch mit einer aggressiven Therapie begonnen werden. Um eine intensivmedizinische Behandlung frühzeitig einzuleiten, muss wegen der begrenzten analytischen Möglichkeiten die Verdachtsdiagnose klinisch gestellt werden.1
Marko- und mikroskopische Bestimmung
Für erstbehandelnde Ärztinnen und Ärzte sind die zuverlässigsten Diagnosemittel bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung die makroskopische Bestimmung der Pilze sowie die mikroskopische Sporenbestimmung (Pilzmahlzeit, Erbrochenes, etc.) durch eine sachverständige Person. Hilfreich sind außerdem Informationen zur Zubereitungsart, dem Zustand, Sammelort und Lagerung der Pilze sowie die Latenzzeit. Wenn die betroffene Person angibt, einen weiß- oder grünhütigen Lamellenpilz verzehrt zu haben, ist dies als besonderes Alarmsignal anzusehen.1
Eine hilfreiche Checkliste zur Diagnoseerstellung finden Sie hier >>
Latenzzeit gibt Aufschluss über Schweregrad der Vergiftung
Abhängig von der Latenzzeit nach dem Verzehr einer Pilzmahlzeit kann eine Vergiftung in zwei Kategorien eingeteilt werden. So treten bei einer Latenzzeit von unter 6 Stunden meist milde verlaufende funktionelle Syndrome auf, bei einer Latenzzeit von über 6 Stunden dagegen ist mit häufig lebensbedrohlichen, organschädigenden Syndromen zu rechnen.
Zu beachten ist, dass gastrointestinale Syndrome zum Teil nicht nur vom Giftpilz ausgehend, sondern auch in der Art der Zubereitung und des Verzehrs der Pilzmahlzeit begründet sein können. Außerdem gilt es zu bedenken, dass eine Pilzmahlzeit weitere Arten als die zur Identifikation vorliegenden enthalten haben könnte.1
Therapie abhängig von Toxin und Latenzzeit
Die Behandlung von Pilzvergiftungen erfolgt in der Regel symptomorientiert. Je nach Toxin sind beispielsweise Flüssigkeits- oder Elektrolytsubstitution oder die Gabe von Antiemetika, Aktivkohle, Atropin, Betablockern, Benzodiazepinen oder Neuroleptika sinnvoll.
Vergiftungen mit kurzer Latenzzeit:
- Gastrointestinales Pilzsyndrom
- Muskarin-Syndrom
- Panther-/Fliegenpilz-Syndrom
- Psilocybin-/Magic-Mushroom-Syndrom
- Coprinus-Syndrom
- Paxillus-Syndrom
Eine detaillierte Übersicht zur Symptomatik, Therapie und dem Wirkmechanismus der Toxine bei Vergiftungen mit kurzer Latenzzeit bietet die folgende Tabelle.
Vergiftungen mit einer Latenzzeit von über sechs Stunden:
- Amatoxin-/Phalloides-Syndrom
- Gyromitra-Syndrom
- Orellanus-Syndrom
- Rhabdomyolyse-/Equestre-Syndrom
Eine detaillierte Übersicht zur Symptomatik, Therapie und dem Wirkmechanismus der Toxine bei Vergiftungen mit einer Latenzzeit von über 6 Stunden finden Sie hier.1
Vergiftung mit dem Knollenblätterpilz: Amatoxin-Syndrom
Beim Amatoxin-Syndrom lassen sich die Symptome in drei Phasen einteilen. Die gastrointestinale Phase mit einer Latenzzeit von 6 bis 24 Stunden ist gekennzeichnet durch starke Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, wässrigen Diarrhöen, abdominellen Krämpfen sowie massivem Wasser- und Elektrolytverlust. Anschließend kommt es zu einer scheinbaren klinischen Besserung des Gesundheitszustands. In der dritten Phase tritt jedoch eine massive Leberzellschädigung mit Konzentrationsanstieg der Transaminasen und des Bilirubins ein.
Ein fulminantes Leberversagen mit schwerer Koagulopathie, hepatischer Enzephalopathie, hepatorenalem Syndrom, Kreislaufversagen und Tod ist möglich. Die tödliche Dosis wird beim Menschen mit 0,1mg/kg Körpergewicht angenommen – so kann bereits der Verzehr eines Fruchtkörpers für einen erwachsenen Menschen tödlich sein.
Therapie: Durch großzügige Volumengabe mit Elektrolytsubstitution soll die Dehydration der aufgenommenen Patientinnen oder Patienten ausgeglichen werden. Aufgrund der renalen Eliminierung des Giftes ist auf eine ausreichende Urinproduktion zu achten. Innerhalb der Latenzzeit besteht noch die Möglichkeit, Patientinnen und Patienten gegebenenfalls zu hämodialysieren.
Als weitere sekundäre Methode der Giftentfernung ist die repetitive Gabe von Aktivkohle in einer Dosierung von 0,5–1 g/kg oder maximal 50 g als Einmaldosis aufgrund des enterohepatischen Kreislaufs des Gifts während des gesamten Vergiftungsverlaufs sinnvoll. Eine Antidottherapie mit Silibinin in einer Dosis von 5 mg/kg über 1 h, dann 20 mg/kg über 24 h i. v. sollte bereits bei Verdacht auf eine Amatoxinvergiftung begonnen werden.
In der hepatischen Phase kommen neben der Gabe von Aktivkohle und Silibinin zusätzlich erweiterte intensivmedizinische Maßnahmen mit Substitution von Gerinnungsfaktoren und Hämodialyse bei Nierenversagen oder Laktatacidose in Betracht. Zur Indikationsstellung einer Lebertransplantation als Ultima-Ratio-Maßnahme eignen sich die Clichy-Kriterien und die Münchner Kriterien.1,2


