02. Februar 2021

PATH-Studie

Ebnen E-Zigaretten den Weg zum Tabakrauchen?

Nach wie vor werden Schaden und möglicher Nutzen von E-Zigaretten zur Rauchentwöhnung und auch ihre Rolle als Einstiegsdroge unter Experten unterschiedlich bewertet. Das zeigt sich jetzt auch in den Einschätzungen zur PATH-Studie.1

Lesedauer: 5 Minuten

Autorin: Ute Eppinger

Wiederholt hatte die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) vor E-Zigaretten gewarnt und klargestellt, dass sie kein geeignetes Hilfsmittel sind, um vom Rauchen loszukommen. Wer von der herkömmlichen Tabakzigarette auf die E-Zigarette umsteige, ersetze lediglich eine Sucht durch eine andere, so die DGP in ihrer Stellungnahme vom Oktober 2019.

PATH-Studie

In der in Pediatrics publizierten PATH-Studie hatten Prof. Dr. John P. Pierce, Emeritus an der Herbert Wertheim School of Public Health in San Diego, und seine Kollegen die Gateway-Hypothese untersucht. Diese postuliert, dass vorheriger E-Zigarettenkonsum ein Risikofaktor für den späteren Beginn des Rauchens sein kann.

Die Forscher werteten Daten von knapp 16.000 12- bis 24-Jährigen über einen Zeitraum von 4 Jahren aus. Die Ergebnisse zeigen, dass Nutzer von E-Zigaretten ein 3-fach erhöhtes Risiko aufweisen, später täglich Zigarette zu rauchen – der Anteil der späteren Raucher erhöhte sich bei ihnen von 3% auf 10% der Befragten. Die Studie kann aber nicht belegen, dass E-Zigaretten die Ursache für das spätere Rauchen sind.

Ergebnisse auf Deutschland nicht übertragbar

Prof. Dr. Ute Mons, Leiterin der Arbeitsgruppe Kardiovaskuläre Epidemiologie des Alterns im Herzzentrum der Uniklinik Köln, kritisiert gegenüber dem Science Media Center (SMC) nicht nur, dass die Autoren kaum versucht hätten, „statistisch für verschiedene Störfaktoren zu kontrollieren, die generell mit dem Substanzkonsum zusammenhängen“, was eine kausale Interpretation nicht rechtfertige.

Sie sieht auch nur eine begrenzte Übertragbarkeit der Daten auf Deutschland, da E-Zigaretten in Deutschland deutlich strenger reguliert seien als in den USA. Auch gebe es in der EU eine Obergrenze für Nikotin in E-Zigaretten, die das Suchtpotenzial der Produkte begrenze.

„Bislang gibt es auf Basis deutscher Konsumdaten auch keine Hinweise darauf, dass E-Zigaretten zu einer Zunahme des Zigarettenkonsums geführt haben könnten“, sagt Mons. Seit vielen Jahren sei der Zigarettenkonsum rückläufig und sank 2019 auf 6%, während der E-Zigarettenkonsum relativ konstant bei unter 4% liege.

E-Zigarettenkonsum erhöht späteres Experimentieren mit Zigaretten

Dagegen weist Prof. Dr. Reiner Hanewinkel, Leiter des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord GmbH), Kiel, darauf hin, dass die Gateway-Hypothese intensiv untersucht wurde. Eine kürzlich veröffentlichte Übersichtsarbeit mit über 57.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen kommt zu dem Ergebnis, dass vorheriger E-Zigarettenkonsum das spätere Experimentieren mit Zigaretten um das 3-Fache erhöhen kann. Die US-Studie belege diese Ergebnisse eindrucksvoll.

Hanewinkel wertet die Untersuchungsbefunde als höchst plausibel. Er führt 3 Faktoren auf, die nahelegen, dass vorheriger E-Zigarettenkonsum späteren Zigarettenkonsum begünstigt:

  1. „Die Sucht: Sowohl E-Zigaretten als auch konventionelle Zigaretten enthalten Nikotin, das schnell zu einer körperlichen und psychischen Abhängigkeit führen kann.
  2. Die Erfahrung: Habituelle und rituelle Vorgänge des Rauchens sind bei E-Zigaretten und Zigaretten nahezu identisch. Der Konsument hält sowohl die E-Zigarette als auch die Zigarette in der Hand, führt sie zum Mund und inhaliert den Rauch.
  3. Die Zugänglichkeit: E-Zigaretten und Zigaretten werden über identische Verkaufsstätten vertrieben.“

Tabakrauchen unter Jugendlichen geht zurück

Prof. Dr. Daniel Kotz , Suchtforscher und klinischer Epidemiologe am Universitätsklinikum Düsseldorf, weist hingegen darauf hin, dass die PATH-Studie die Gateway-Hypothese nicht belege. „Es gibt insgesamt keine eindeutigen wissenschaftlichen Belege dafür, dass E-Zigaretten für Jugendliche und junge Erwachsene ein Einstieg in den Tabakkonsum sind.“

Wahrscheinlicher sei, dass eine persönliche Grundneigung gegenüber Nikotinprodukten und das soziale Umfeld den Konsum von E-Zigaretten oder Tabak unabhängig voneinander beeinflusse (sogenannte ‚Common Liability‘ Theorie).

Der Gateway-Theorie widerspreche, dass Tabakrauchen unter Jugendlichen rückläufig ist. Kotz weist auch darauf hin, dass sich in Deutschland der Konsum von E-Zigaretten seit Jahren auf einem relativ konstant niedrigen Niveau befinde, bei gleichzeitig rückläufigem Konsum von Tabak.

Schwachpunkt der Studie

Auch Prof. Dr. Heino Stöver, geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung Frankfurt (ISFF), hält die Studie für nicht geeignet, um valide Aussagen zu treffen. „Hauptschwachpunkt der Studie ist, dass sie die Motive für das Rauchen nicht berücksichtigt. Nach dem heutigen Stand der Forschung besteht kein nennenswerter kausaler Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von E-Zigaretten und späterem Rauchen.“  Die Forschungslage deute in die Gegenrichtung: Die Mehrheit der Jugendlichen experimentiere mit E-Zigaretten oder konsumiere nur gelegentlich.

Stöver mahnt, dass man Forschungsdesigns brauche, die nicht nur Korrelation, sondern Kausalität untersuchen. Das sei leider immer noch nicht der Fall und auch bei der US-Studie ein Manko: „Durch solche Unzulänglichkeiten wird die große und positive Rolle der E-Zigarette bei der Rauchentwöhnung unterbewertet. Mit 95% weniger Schadstoffen als bei herkömmlichen Zigaretten eignen sie sich gut für Raucher, die von ihrer Sucht loskommen und ihr Risiko minimieren wollen“, sagt Stöver. Dieser ‚Harm Reduction‘-Ansatz helfe den Rauchern sehr konkret.

2 deutsche Studien zur Gateway-Hypothese zeigen erhöhtes Risiko

In Deutschland sind bislang 2 Studien zur Gateway-Hypothese durchgeführt worden. In einer Studie wurden insgesamt 4.574 Jugendliche, die noch nie in ihrem Leben eine konventionelle Zigarette geraucht hatten, über 2 Jahre begleitet. Die Studie zeigte, dass vorheriger E-Zigarettenkonsum das Risiko des späteren Rauchens von konventionellen Zigaretten um das 2-Fache erhöhen kann.

Die andere Studie aus Deutschland zeigte, dass E-Zigaretten-Werbung nicht nur von Kindern und Jugendlichen wahrgenommen wird, sondern auch das Verhalten beeinflusst: Intensiver Kontakt mit der E-Zigaretten-Reklame verdoppelt das Risiko des späteren Rauchens. „Auch aus diesem Grund sollte sämtliche Werbung für E-Zigaretten aber auch Tabakerhitzer so schnell wie möglich eingestellt werden“, betont Hanewinkel.

„Die deutschen Studien legen zudem die Schlussfolgerung nahe, dass insbesondere Jugendliche mit einem niedrigen Risikoprofil für das spätere Rauchen – das sind Jugendliche, die durch eine geringe generelle Risikobereitschaft gekennzeichnet sind (geringes ‚Sensation Seeking‘) – häufig mit dem Rauchen beginnen, wenn sie vorher E-Zigaretten probiert hatten“, berichtet Hanewinkel.

E-Zigaretten sollten nicht an Jugendliche vermarktet werden

Die Langzeitfolgen des Konsums von E-Zigaretten ließen sich noch gar nicht umfassend abschätzen, schreibt die DGP dazu in ihrer Stellungnahme. „Die bisherigen Erkenntnisse zeigen aber, dass von diesen Geräten eine beträchtliche Gesundheitsgefahr ausgeht. Daher ist es von der Zigarettenindustrie fahrlässig und unverantwortlich, E-Zigaretten als harmlose, moderne Alternative zu verkaufen“, sagt DGP-Präsident Prof. Dr. Michael Pfeifer laut der DGP-Stellungnahme.

Für Mons untermauert die PATH-Studie die Bedeutung eines effektiven Jugendschutzes in der Tabakprävention: „Angesichts des Suchtpotenzials des Nikotins gehören E-Zigaretten genauso wenig in die Hände Jugendlicher wie herkömmliche Zigaretten. Die gemäß Jugendschutzgesetz bestehenden Verkaufsverbote an Jugendliche sind ein wichtiger Baustein der Tabakprävention, aber müssen auch entsprechend durchgesetzt werden. Zudem ist die Politik in der Verantwortung sicherzustellen, dass solche Produkte nicht an Jugendliche vermarktet werden.“

Dieser Beitrag ist im Original erschienen auf medscape.de, 20.01.2021

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