26. Juli 2019

Notfall im Urlaub: Wann müssen Ärzte helfen?

In der Freizeit, auf dem Weg in den Urlaub oder bereits am Urlaubsort wird plötzlich nach einem Arzt verlangt. Wie verhält man sich in dieser Situation richtig? Und welche (rechtlichen) Konsequenzen können durch eine Erstversorgung für Ärzte entstehen?

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Beitrag wird vertreten durch Alexa Frey, Fachanwältin für Medizinrecht. Redaktion: Marina Urbanietz

Jeder muss helfen

Bei Notfällen ist jedermann – ungeachtet des Berufes – zur Hilfe verpflichtet. Wer bei Unglücks- oder Notfällen nicht hilft, obwohl er im Rahmen seiner konkreten Fähigkeiten dazu in der Lage ist, kann strafrechtlich wegen unterlassener Hilfeleistung (§ 323c StGB) belangt werden.

Wichtig: Die Pflicht zur Hilfe entfällt nur dann, wenn der Verletzte bereits ausreichend durch Ärzte, Rettungskräfte etc. versorgt wird. Als Arzt am Unfallort sollten Sie daher immer abfragen, ob bereits ein Arzt anwesend ist und die Situation allein unter Kontrolle hat oder ob weitere Hilfe benötigt wird.

Fachrichtung & Tätigkeitsbereich werden berücksichtigt

An Sie als helfenden Arzt werden naturgemäß bei der Erstversorgung höhere Anforderungen gestellt als an einen medizinischen Laien. Nichtsdestotrotz muss auch bei Ärzten berücksichtigt werden, in welchem Gebiet die praktische ärztliche Tätigkeit ausgeübt wird. Es ist maßgeblich, über welchen Facharzttitel der helfende Arzt verfügt und auf welchem Schwerpunkt die praktische Tätigkeit liegt.

Beim Auftreten eines Herzinfarkts würden an einen in der Notfallaufnahme tätigen Kardiologen beispielsweise höhere Anforderungen gestellt als bei einem niedergelassenen Gynäkologen. Berücksichtigt wird auch, ob der Arzt noch medizinisch tätig ist oder sich bereits im Ruhestand befindet.

Haften Ärzte für mögliche Gesundheitsschäden?

Bei einer zufälligen und überraschenden Konfrontation des Arztes in seiner Freizeit mit einem Unfallopfer werden die im Arzthaftungsrecht für den Behandlungsvertrag entwickelten Beweisgrundsätze nicht angewendet. Der Verletzte trägt die volle Beweislast für ein mögliches Fehlverhalten des Arztes, die entstandenen Gesundheitsschäden und die notwendige Kausalität. Sie haften in dieser Situation – wie jeder hilfeleistende Laie – unter Zugrundelegung der individuellen Fähigkeiten.

  • Das Oberlandesgericht München hat in einem Urteil darüber entschieden, ob ein niedergelassener Gynäkologe, der in seiner Freizeit einem Ertrinkungsopfer geholfen hat, das in der Folge verstorben ist, Schmerzensgeld und Schadensersatz an die Erben leisten muss (Urteil vom 06.04.2006 – 1 U 4142/05). Das Gericht wies die Klage ab, da nicht nachgewiesen werden konnte, dass das Unterlassen von Wiederbelebungsmaßnahmen kausal zum Tod des Opfers geführt hatte.

    Beim Eintreffen des Arztes konnte weder Puls noch Atmung festgestellt werden. Folglich bestand die Möglichkeit, dass der Herz-Kreislaufstillstand bereits zuvor eingetreten und das Gehirn des Betroffenen zum Zeitpunkt der ersten möglichen Reanimation schon irreversibel geschädigt war.

Muss ich als Arzt „Angst“ davor haben, zu helfen?

Nein! Sie müssen lediglich die für Sie zumutbare und erforderliche Hilfe leisten. Bei der Erstversorgung besteht immer die Möglichkeit, dass der Verletzte Gesundheitsschäden davonträgt. Es kann auch sein, dass dabei Gegenstände des Verletzten beschädigt wurden, beispielsweise beim Aufschneiden eines Kleidungsstückes.

Versicherungsschutz: Macht ein Verletzter tatsächlich einmal Ansprüche gegen Sie als Arzt geltend, sind diese in der Regel vom Versicherungsvertrag Ihres Berufshaftpflichtversicherers abgedeckt. Angestellte Ärzte sind üblicherweise vom Versicherungsschutz des Arbeitgebers mitumfasst. Welche Schäden Ihre individuelle Berufshaftpflichtversicherung abdeckt, ist bei Ihrem Versicherungsunternehmen zu erfragen. Personen- und Sachschäden werden aber in der Regel getragen.

Notfälle im Ausland

Generelle Hinweise

In verschieden Ländern herrschen unterschiedliche rechtliche Bedingungen für die Erste Hilfe. Laut Prof. Dr. med. Jochen Hinkelbein, Facharzt für Anästhesiologie und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin (DGLRM), ist es sehr schwer, eine pauschale Aussage bezüglich rechtlicher Konsequenzen bei Erste-Hilfe-Leistungen in verschieden Ländern zu treffen. Vor allem vor der Reise in die Arabischen Emirate, die Türkei oder die USA sollte man sich über die entsprechenden Regelungen ausführlich informieren.

Hier gibt er ein paar generelle Hinweise.

Bin ich verpflichtet, zu helfen?

Die Pflicht, Erste Hilfe zu leisten, besteht zwar in den meisten Ländern, es gibt jedoch auch Ausnahmen. In Großbritannien ist beispielsweise niemand verpflichtet, einem Opfer in irgendeiner Weise zu helfen, es sei denn es handelt sich um Eltern und ihre Kinder oder Ärzte und ihre Patienten.

Sind rechtliche Konsequenzen möglich?

In vielen Ländern gilt das sogenannte „Gesetz des guten Samariters“ (engl. „Good Samaritan law“). Es schützt die Ersthelfer vor zivil- oder strafrechtlicher Verfolgung, wenn sie freiwillig und uneigennützig handeln und keine finanzielle Kompensation erhalten.

Welchen Versicherungsschutz brauche ich?

Der Vorsorgeberater Jürgen Möhring rät den angestellten Ärzten zum Abschluss einer Berufshaftpflichtversicherung zum ärztlichen Restrisiko, da dieser Punkt nicht immer in der Diensthaftpflichtversicherung des Arbeitgebers enthalten ist.

Das ärztliche Restrisiko deckt u.a. die bei Erste-Hilfe-Leistungen im Ausland entstandenen Schäden ab. Auch vorübergehende ärztliche Auslandstätigkeit (bis zu 100 Tagen im Jahr) ist hierbei oft versichert. Bei den selbstständigen Ärzten ist dieser Schutz meist in der Berufshaftpflichtversicherung bereits enthalten.

  • Alexa Frey ist selbständige Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht. Sie ist neben dem Arzthaftungsrecht in den Bereichen des Vertragsarztrechts der Ärzte, des Vertrags- und Gesellschaftsrechts, des Berufsrechts, des Vergütungsrechts der Heilberufe sowie des Krankenhausrechts tätig. Kontakt: frey@wws-ulm.de

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Titelbild: © Getty Images/grivina

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