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Praxis-Wissen kompakt

24. März 2022

Vitamine über Nahrungsergänzungsmittel: Wer braucht sie – wem schaden sie?

Vitaminpräparate in Form von Nahrungsergänzungsmitteln erfreuen sich in der Bevölkerung immer größerer Beliebtheit. Doch wem nützt die künstliche Vitaminzufuhr überhaupt – und welche unerwünschten Auswirkungen kann eine Überversorgung mit sich bringen?

Lesedauer: ca. 7 Minuten

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Redaktion: Marc Fröhling und Dr. Linda Fischer

Ein Drittel der Deutschen nimmt wöchentlich Nahrungsergänzungsmittel ein

Obwohl hierzulande bei einer ausgewogenen und abwechslungsreichen Ernährung der Körper fast alle Vitamine in ausreichenden Mengen erhält, wächst der Markt für Nahrungsergänzungsmittel stetig. Gerade seit Beginn der Corona-Pandemie wird immer häufiger zu solchen Produkten gegriffen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat hierzu kürzlich die Ergebnisse eine repräsentative Befragung veröffentlicht. Demnach nimmt ein Drittel der Bevölkerung mindestens einmal pro Woche Vitamine über Nahrungsergänzungsmittel zu sich, jede sechste Person sogar täglich. Am häufigsten werden Vitamin D-Präparate genutzt, gefolgt von Vitamin B12, Vitamin C und Multivitaminpräparaten.

Bei der Frage nach dem gesundheitlichen Nutzen, den Personen in der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sehen, nannte jede fünfte Person den Ausgleich von Mängeln als Hauptgrund, gefolgt von der Abwehr oder Überwindung von Krankheiten (14 %), der Abdeckung des allgemeinen Vitaminbedarfs (13 %) und der Förderung der körperlichen Fitness (12 %). Weitere 11 % der Anwenderinnen und Anwender sehen indes keinen besonderen Nutzen in der Vitaminensupplementierung. Die Anwenderinnen und Anwender nannten mit Blick auf die gesundheitlichen Risiken bei der Einnahme von Vitaminen über Nahrungsergänzungsmittel eine mögliche Überdosierung an erster Stelle (43 %), gefolgt von körperlichen Gesundheitsproblemen (14 %) oder in den Präparaten enthaltene chemische oder andere unerwünschte Stoffe (11 %).Die detaillierten Umfrageergebnisse finden Sie in der folgenden Bildergalerie zum Durchklicken.1

Viel hilft viel? – wohl nicht bei Vitaminen und Mineralstoffen

Laut BfR-Präsident Andreas Hensel sind Nahrungsergänzungsmittel für die meisten Menschen verzichtbar. „Wer hoch dosierte Vitamine einnimmt, ohne dass es nötig ist, riskiert eine Überversorgung und damit unerwünschte Auswirkungen auf die Gesundheit“, so Hensel. Eine unzureichende Aufnahme von Vitaminen und eine dadurch bedingte Unterversorgung kommt bei gesunden Menschen dagegen nur selten vor. „Viel hilft viel“ – laut Hensel auch bei Vitaminen und Mineralstoffen ein Trugschluss. Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale Hessen schlägt in dieselbe Kerbe: Man produziere durch die unnötige Einnahme von Vitaminen im besten Fall „teuren Urin“, im schlimmsten Fall gefährde man die eigene Gesundheit.1-3

Nahrungsergänzungsmittel: Lebens- und keine Arzneimittel

Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel, die dazu bestimmt sind, die normale Ernährung zu ergänzen. Sie dürfen nicht dazu bestimmt sein, Krankheiten zu heilen oder zu verhüten. Nahrungsergänzungsmittel müssen kein Zulassungsverfahren durchlaufen, in dem die gesundheitliche Unbedenklichkeit nachgewiesen werden muss. Sie unterliegen lediglich einer Registrierungspflicht beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Für die Sicherheit der Produkte sind die Hersteller selbst verantwortlich, die Überwachung ist Aufgabe der Lebensmittelüberwachungsbehörden der Länder. Welche Vitamine einem Nahrungsergänzungsmittel zugesetzt werden dürfen, regelt in Deutschland die nationale Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel (NemV). Sie enthält allerdings keine rechtlich verbindlichen Höchstmengen für den Zusatz von Vitaminen.1

Unnötige Vitamineinnahme: Was können die Folgen sein?

Bei manchen Nährstoffen kann die dauerhafte Zufuhr zu hoher Dosen durch Supplemente zu Nebenwirkungen führen. Außerdem können sich Nahrungsergänzungsmittel gegenseitig beeinflussen oder mit Medikamenten wechselwirken. Vorsicht ist geboten, wenn die Spanne zwischen empfohlener Zufuhr und empfohlener Höchstmenge gering ist. Während etwa ein Überschuss von Vitamin C eher unbedenklich ist (sehr lange zu hohe Einnahme kann zu Blasen- und Nierensteinen führen) und über den Urin aus dem Körper ausgeschieden wird, kann es laut dem Robert Koch-Institut (RKI) etwa bei den Vitaminen A, D und E zu einer toxischen Überdosierung kommen. Eine Hypervitaminose von Vitamin A etwa kann neben akuten Beschwerden wie Kopfschmerzen auch zu chronischen Erkrankungen, wie Haut- und Skelettveränderungen führen. Eine akute oder schleichende Überdosierung durch die übermäßige Einnahme von Vitamin D äußert sich in einer Hyperkalzämie, die in schweren Fällen zu Nierenversagen, Herzrythmusstörungen und zum Tod führen kann. In sehr seltenen Fällen können hohe Dosen an Vitamin E Ursache für Magen-Darm-Probleme und ein erhöhtes Blutungsrisiko sein.4-6

Die Verbraucherzentrale NRW führt hierzu weitere Beispiele an:

  • Die zusätzliche Gabe von Betacarotin, die chemische Vorstufe von Vitamin A, kann bei Rauchern die Entstehung von Lungenkrebs begünstigen.
  • Eine Überhöhte zuvor von Vitamin A durch Schwangere kann zu kindlichen Entwicklungstörungen führen.
  • Von hoch dosierten Antioxidantien wie den Vitaminen D, E und Selen wird abgeraten.
  • Auch Spurenelemente wie Eisen sollten wegen möglicher Risiken einer unkontrollierten Einnahme nur bei nachgewiesenem Mangel eingenommen werden.

Ein weiteres Problem ist, dass eine Überdosierung mitunter gar nicht erkannt wird: zu den eingenommenen Vitaminen aus Nahrungsergänzungsmitteln kommen noch die Mengen, die natürlich über die Nahrung eingenommen werden sowie die mit Vitaminen angereicherten herkömmlichen Nahrungsmittel. Zu beachten ist laut Franz außerdem, dass Nahrungsergänzungsmittel vor der Marktreife keiner behördlichen Sicherheits- und Qualitätsprüfung unterliegen, weshalb es immer wieder zu Verunreinigungen komme.3,7
Zudem ist laut den Verbraucherzentralen Vorsicht speziell bei ausländischen Produkten geboten, gerade wenn diese per Versandhandel oder über das Internet bestellt würden. Gewarnt wird insbesondere vor einer Gefährdung durch Pestizide, illegale Zutaten, natürliche Gifstoffe oder Mikroben.8

Höchstmengenempfehlungen des BfR bieten Orientierung …

Das BfR hat Empfehlungen für Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln anhand neuer wissenschaftlicher Erkenntisse erarbeitet, um die Nährstoffzufuhr auf ein verträgliches Maß zu beschränken und das Risiko für unerwünschte gesundheitliche Nebenwirkungen zu senken. Diese berücksichtigen die von der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) festgelegten tolerierbaren Obergrenzen für die Tageszufuhr. Dies ist per Definition die „höchste Menge, die bei chronischer täglicher Zufuhr eines Nährstoffes aus allen Quellen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mit negativen gesundheitlichen Wirkungen einhergeht.2,9

… sind aber nicht verpflichtend und werden häufig überschritten

Das Problem: Zwar bieten die Angaben Orientierung, rechtlich verbindlich für die Hersteller sind sie aber nicht. Bereits im Jahr 2020 hat eine Untersuchung der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd gezeigt, dass die auf dem Markt erhältlichen Nahrungsergänzungsmittel die Höchstmengenempfehlungen des BfR häufig überschreiten. Das Forschungsteam machte hierzu bei 106 freiverkäuflichen Nahrungsergänzungsmitteln Stichproben. Bei 52 % der Präparate wurden die damals gültigen Höchstmengenvorschläge des BfR bei mindestens einem Mikronährstoff überschritten. Bei Multivitaminpräparaten war dies bei vier von fünf Produkten der Fall.4,9

Wann ist die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sinnvoll?

Nahrungsergänzungsmittel sind laut einer Stellungnahme des BfR aus dem vergangenen Jahr lediglich in Einzelfällen sinnvoll. Manche Bevölkerungsgruppen können demnach einige Vitamine und Mineralstoffe, wie Vitamin D, Calcium, Folsäure und Jod, nicht den Zufuhrempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE e.V.) entsprechend aufnehmen. Dies sei jedoch nicht generell mit einer Unterversorgung oder einem Mangel gleichzusetzen. Ein erhöhtes Risiko für eine Unterversorgung kann zum Beispiel bestehen bei:

  • einseitiger Ernährung
  • Reduktionsdiäten
  • verminderter Aufnahme im Darm
  • Folge von Kau- und Schluckbeschwerden, Appetitlosigkeit bei älteren Menschen
  • chronisch Erkrankten
  • erhöhtem Bedarf (z.B. bei Schwangeren und Stillenden).1-3

Beispielsweise empfiehlt das BfR Frauen mit Kinderwunsch und in der Schwangerschaft, ihre Ernährung gezielt zu ergänzen, um eine ausreichende und nachhaltige Versorgung mit Folsäure sicherzustellen, da sich das Vitamin günstig auf den sicheren Verschluss des Neuralrohrs in der Embryonalphase auswirkt. Als weiteres Beispiel kann die Einnahme von Kalzium bei Menschen, die keine Milchprodukte zu sich nehmen, sinnvoll sein.9

Was sind mögliche Folgen eines akuten Vitaminmangels?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung unterscheidet zwischen marginaler Bedarfsdeckung (Körperreserven werden abgebaut), subklinischem (keine bleibenden Schäden, wenn die Versorgung wieder ausreicht) und manifestem Vitaminmangel (typische Mangelsymptome, die nicht reversibel sind, wenn der Mangel anhält).

Vitaminmangelerkrankungen sind hierzulande sehr selten: Vitamin C-Mangel beispielsweise tritt in Industrieländern nur noch äußerst selten auf, erste Anzeichen sind eine schlechtere Wundheilung und höhere Infektanfälligkeit. Extremer Mangel äußert sich bei Erwachsenen mit dem Auftreten der typischen Vitamin C-Mangelerkrankung Skorbut und bei Säuglingen mit dem Möller-Barlow-Syndrom. Einen Patientenfall zum Thema finden Sie hier. Sehr selten kann bei jahrelanger einseitiger Ernährung, bedingt etwa durch strenge Diäten, Fast Food oder Alkoholismus eine ernährungsbedingte Optikusneuropahtie drohen, wie dieser Fall zeigt.11
Bei Vitamin D ist zwischen einem tatsächlichen Mangel (Rachitis im Kindesalter, Osteomalazie bei Erwachsenen, Osteroporose-Risiko im höheren Alter) und einer unzureichenden Versorgung, zu denen Menschen gehören können, die sich kaum im Freien aufhalten, zu unterscheiden. In diesem Falle kommen lediglich die Vorteile einer ausreichenden Versorgung nicht zum Tragen. Ein Vitamin A-Mangel ist in westlichen Industrieländern sehr selten und kann zu vermindertem Dämmerungssehen, bei längerem Bestehen bis hin zur Erblindung führen. Bei unzureichender Vitamin E-Versorgung kann es zur Anhäufung freier Radikale und in der Folge zu Ausfallerscheinungen im Muskelstoffwechsel und Nervensystem kommen.4,5,6

Vitaminpräparate: Wissenswertes im Überblick
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