Titelbild von Praxis-Wissen kompakt
Logo von Praxis-Wissen kompakt

Praxis-Wissen kompakt

24. März 2022
Teil 3

Helfen Vitamine bei Herzinsuffizienz oder Depression wirklich?

Wie ist es um die Evidenz von Vitaminpräparaten zum Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen bestellt und kann Vitamin D depressive Symptome lindern? Erhalten Sie hier anhand einer Auswahl an Studien einen Einblick in die Datenlage.

Lesedauer: ca. 5 Minuten

In-Artikel Bild

Redaktion: Marc Fröhling und Dr. Linda Fischer

Herzinsuffizienz: Gibt es eine Zukunft für B-Vitamine?

Zahlreiche Studien haben in den letzten Jahren gezeigt, dass ein Mangel an B-Vitaminen bei Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz häufiger vorkommt, als in der Allgemeinbevölkerung. Dies wurde für nahezu die gesamte B-Vitamin-Familie beschrieben. Deshalb gehen Forscherinnen und Forscher davon aus, dass ein Mangel an einem oder mehrerer dieser Vitamine an dem Defizit in der Energieproduktion bei Herzinsuffizienz beteiligt sein könnte.

Die Ergänzung der Standardtherapien bei Herzinsuffizienz mit B-Vitaminen könnte also dazu beitragen, die Herzfunktion länger zu erhalten. Da mehrere B-Vitamine bei vielen Energiestoffwechselprozessen eine Rolle spielen, ist es denkbar, dass die Einnahme bestimmter Vitamine die Aktivität eines schwächelnden Herzens auch bei Menschen ohne spezifischen Mangel unterstützen könnte. Denn diese Vitamine kurbeln bestimmte Stoffwechselwege zur Wiederherstellung des Energiegleichgewichts des Herzmuskels an. Abgesehen von ihren potenziellen Auswirkungen auf den Energiestoffwechsel könnte die Einnahme von B-Vitaminen aufgrund ihrer Auswirkungen auf das Gefäßsystem und die Atherosklerose auch im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen interessant sein.

In einem ausführlichen Übersichtsbeitrag vom Januar 2022 gehen Piquereau et al. auf den aktuellen Wissensstand zur Vitamin B-Familie ein. Ihre Schlussfolgerung: Die Aufnahme von B-Vitaminen in das therapeutische Arsenal bei Herzinsuffizienz sollte ernsthaft in Erwägung gezogen werden. Sie hätten ein großes therapeutisches Potenzial, das nur dann ausgeschöpft werden könne, wenn ihre Verwendung auf besseren Kenntnissen beruhe.1

Doch nicht nur B-Vitamine, auch Vitamin D könnte das Mortalitätsrisiko aufgrund einer kardiovaskulären Erkrankung senken: Darauf deuten zumindest Studienergebnisse hin, die 2021 in Frontiers in Nutrition veröffentlicht wurden. Bei Patientinnen und Patienten mit kardiovaskulärer Erkrankung und Vitamin D-Mangel war jede Erhöhung der 25-Hydroxyvitamin-D-Konzentration im Serum um 10 nmol/l mit einem um 12 % verringerten Risiko für die Gesamtmortalität und einem um 9 % verringerten Risiko für die Mortalität aufgrund einer kardiovaskulären Erkrankung assoziiert.2

Positiver Effekt von Vitamin D auf bestehende Depression möglich

Wie zahlreiche Erkrankungen wird auch Depression mit einem Vitamin-D-Mangel ...

Wie zahlreiche Erkrankungen werden auch Depressionen mit einem Vitamin D-Mangel assoziiert. Vor diesem Hintergrund untersuchten Forscherinnen und Forscher im Rahmen einer Placebo-kontrollierten Studie mit über 18.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ab 50 Jahre, welchen Effekt die orale Langzeitsupplementierung mit Vitamin D (2.000 IU/d über durchschnittlich 5,3 Jahre) auf das Auftreten depressiver Symptome hatte.3

Das Ergebnis: Das Risiko für Depressionen oder depressive Symptome unterschied sich nicht signifikant zwischen der Interventions- (609 Ereignisse, 12,9/1.000 Personenjahre) und der Placebogruppe (625 Ereignisse, 13,3/1.000 Personenjahren); Hazard Ratio 0,97 (p = 0,62).

Eine Meta-Analyse von vier Studien deutet hingegen darauf hin, dass eine Supplementierung moderat positive Effekte auf eine bereits bestehende Depression haben kann (gepoolte Effektstärke: 0,58, 95 % Konfidenzinterfall 0,45–0,72). In einer der analysierten Studien wurde Vitamin D als ergänzende Behandlung zu Fluoxetin (1.500 IU Vitamin D3/Tag, 20 mg/d Fluoxetin) eingesetzt. Hier war die Effektstärke relativ hoch (standardisierte Mittelwertdifferenz: 1,03).4

Für Omega-3-Kapseln zeigten Forscherinnen und Forscher in einer Ende 2021 veröffentlichten Studie hingegen keinen Besserungseffekt auf Depression und mentale Gesundheit. So wenig, wie Omega-3 schon in der VITAL-Studie weder Herz-Kreislauf-Attacken noch Krebs verhindert hat, so wenig konnte es jetzt in einem Ableger dieses Mega-Projekts ältere Menschen (50 Jahre aufwärts) vor Depressionen schützen. Vielmehr lautet das Ergebnis: Selbst eine mehrjährige Nahrungsergänzung reduziert die psychische Erkrankung keineswegs – die marinen Fettsäuren sind nicht nur nutzlos, sondern sie erhöhen das Risiko sogar: zwar geringfügig, aber doch signifikant.

Vitamine, Nährstoffe & bioaktive Pflanzenstoffe bei Asthma und COPD

Im Rahmen einer 2021 veröffentlichten Studie zeigten Forschende, dass Vitamine ...

Im Rahmen einer 2021 veröffentlichten Studie zeigten Forschende, dass Vitamine, Nährstoffe und bioaktive Pflanzenstoffe anhaltende Entzündungsprozesse bei Asthma und chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) unterdrücken und die eingeschränkte antioxidative entzündungshemmende Kapazität verbessern können. So förderte beispielsweise Vitamin A in einem experimentellen Asthma-Modell regulatorische T-Zellen, es reduzierte pro-inflammatorische Th2- und Th17-Zytokine und wirkte so entzündungshemmend.5

Auch für Vitamin C konnte eine entzündungshemmende und antivirale Wirkung über NK-Zell-vermittelte Interferon (IFN)γ-Produktion nachgewiesen werden.

Für Mineralstoffe zeigten Forscherinnen und Forscher eine verbesserte Lungenfunktion. Außerdem konnten Ballaststoffe dabei helfen, die Lungenfunktion zu verbessern und das COPD-Risiko zu reduzieren. Eine ballaststoffreiche Ernährung reduzierte das Mortalitätsrisiko bei Infektionskrankheiten um 50 %, bei Atemwegserkrankungen um 60 % und bei Krebserkrankungen in Verbindung mit Tabakkonsum um 25 %.

Kein Nutzen für Nahrungsergänzung bei Psoriasis

Viele Patientinnen und Patienten mit Psoriasis nehmen Nahrungsergänzungsmittel ein ...

Viele Patientinnen und Patienten mit Psoriasis nehmen Nahrungsergänzungsmittel ein – obwohl der Einfluss der Ernährung auf Psoriasis bisher nur wenig systematisch untersucht wurde. Das macht auch eine umfangreiche US-amerikanische Übersichtsarbeit von 2018 deutlich. Hier sichteten Forschende 55 Veröffentlichungen mit über 77.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu der Thematik. Harte Beweise für den Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln bei Psoriasis gibt es jedoch weiterhin keine.6

Vorteil von Vitaminpräparaten bei Älteren unklar

Ob Multivitaminpräparate eine positive Wirkung auf die Lebensqualität speziell bei ...

Ob Multivitaminpräparate eine positive Wirkung auf die Lebensqualität speziell bei älteren Menschen haben ist ebenfalls umstritten. So zeigten beispielsweise Forschende in einer im vergangenen Jahr veröffentlichten kleinen Beobachtungsstudie mit 64 Personen ab 65 Jahren, die täglich über drei Monate hinweg entweder eine Multivitamin-Pille einnahmen oder keine Intervention erhielten, dass eine Intervention zwar keine signifikante Veränderung bei den Mittelwerten der körperlichen Gesundheit und der Umweltgesundheit (p > 0,05) bewirkt. In der Kontrollgruppe nahmen diese Werte jedoch signifikant ab (p < 0,05). Im Mittel stieg die psychische Gesundheit in der Interventionsgruppe, während sich in der Kontrollgruppe keine signifikante Änderung zeigte (p = 0,273). Das Autorenteam schlussfolgert, dass Multivitaminpräparate eine positive Wirkung auf die Lebensqualität älterer Menschen haben könnte. Weitere, groß angelegte Studien seien jedoch notwendig. 7

Um einem Vitaminmangel im Alter vorzubeugen, liegt es nahe, regelmäßige Screenings durchzuführen, um rechtzeitig eingreifen zu können. Auf der Grundlage der vorliegenden Evidenz konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jedoch bisher keinen Anhaltspunkt für einen Nutzen einer regelmäßigen Bestimmung, beispielsweise der Vitamin D- und Vitamin B12-Werte im Blut und einer nachfolgenden Vitaminsubstitution bei ansonsten symptomlosen Personen ab 50 Jahren erkennen.

Impressum anzeigen
Zurück zum Seitenanfang