Vitaminpräparate: Überschätzte Wirkung auf Tumor- und Autoimmunerkrankungen?
Die Evidenzlage zu Vitaminpräparaten und ihrer schützenden Wirkung beispielsweise vor Tumorerkrankungen, Covid-19 oder Autoimmunerkrankungen scheint alles andere als eindeutig zu sein. Wir haben für Sie eine Auswahl an Studien zusammengestellt.
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Redaktion: Marc Fröhling und Dr. Linda Fischer
Wirkung von Vitamin D und C bei Krebs umstritten
Laut Ergebnissen einer britischen Umfrage nehmen vier von zehn Patientinnen und Patienten mit oder nach einer Krebserkrankung Nahrungsergänzungsmittel ein. Fast 20 % nehmen fälschlicherweise an, auf diese Weise das Risiko für Rezidive reduzieren zu können. Am häufigsten wird dabei zu Fischölpräparaten gegriffen (13 %). Unter Menschen mit Brustkrebs ist Kalzium mit oder ohne Vitamin D besonders beliebt (15 %).1
Laut Forscherinnen und Forschern aus dem Bereich Verhalten und Gesundheit um Dr. Rana Conway vom University College in London gibt es jedoch keine Anhaltspunkte aus wissenschaftlichen Studien für diese Annahme. Bei Menschen ohne einen Mikronährstoffmangel hätten solche Supplemente keinen Einfluss auf Krebsprimär- und -sekundärprävention. Vielmehr könnten sie die onkologische Therapie sogar beeinträchtigen.2
Dass die Supplementierung von Vitamin D speziell bei Erwachsenen ab 60 Jahren ohne Vitaminmangel keine Auswirkung auf das Risiko einer Tumor- oder schweren kardiovaskulären Erkrankung hat, zeigte zuletzt eine Studie, die im Januar 2022 im American Journal of Clinical Nutrition veröffentlicht wurde. Die fast 2500 teilnehmenden Personen nahmen über einen Zeitraum von fünf Jahren täglich entweder 1600 IE oder 3200 IE Vitamin D3 ein, oder ein Placebo.3
Hinsichtlich des Auftretens schwerer kardiovaskulärer Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulärer Todesfälle und invasiver Tumoren zeigten die Daten keine statistisch signifikante Wirkung des Vitamins. Die Forscherinnen und Forscher verzeichneten lediglich einen leichten Anstieg des Calcidiolwertes nach dem ersten Studienjahr. Allerdings hatte dies keine Auswirkung auf die untersuchten Erkrankungen.
Auf der anderen Seite kamen drei Metaanalysen großer randomisierter Studien aus dem Jahr 2019 zu dem Ergebnis, dass eine Supplementierung mit Vitamin D das Krebsrisiko um rund 13 % senken kann, und zwar über viele Krebsarten hinweg.4-7
Neben den bereits genannten Fischölpräparaten, Kalzium und Vitamin D existiert eine breite Palette an Vitaminpräparaten, die sich positiv auf eine Krebserkrankung auswirken sollen. Ein Beispiel stellt das Vitamin C (Ascorbinsäure) dar: Eine Infusion von hochdosiertem Vitamin C soll laut Anbieter dieser Methode gezielt zytotoxisch gegen Krebszellen wirken. Es soll zudem die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten mit Krebs steigern und gesundes Gewebe vor Schäden durch eine Chemotherapie schützen. Belastbare wissenschaftliche Belege dafür fehlen jedoch.
Folsäure in der Schwangerschaft vorsichtig dosieren
Ein Forschungsteam um Ponnusamy Saravanan und Caroline Fall aus ...
Ein Forschungsteam um Ponnusamy Saravanan und Caroline Fall aus Großbritannien fand beispielsweise in einer kürzlich veröffentlichten prospektiven Studie heraus, dass ein niedriger Vitamin B12-Spiegel und hohe Folsäurewerte in der Frühschwangerschaft mit einem erhöhten relativen Risiko für einen späteren Gestationsdiabetes assoziiert sind. Dosierung und Dauer der Folsäuresupplementierung sollte daher dringend überprüft werden, so das Autorenteam.
Auch Wilson und O’Connor schreiben dazu in ihrer im Dezember 2021 veröffentlichten Arbeit, dass orale Folsäuresupplementierung für den optimalen Nutzen personalisiert dosiert werden sollte – etwa auf Basis des Folsäurespiegels im Serum der werdenden Mutter. So könnten Folat-empfindliche kongenitale Anomalien und Morbidität im Kindesalter reduziert werden.
Ein Jahre zuvor zeigten Forschende, dass Folsäuresupplementierung im ersten Trimester, nicht aber die Einnahme von Multivitaminpräparaten, mit einem geringeren Risiko für einen angeborenen Herzfehler einhergehen kann. Hier empfehlen die Autorinnen und Autoren, dass Frauen im gebärfähigen Alter so früh wie möglich Folsäure einnehmen sollten, um das kritische Zeitfenster für die Entwicklung des fötalen Herzens abzudecken.8,9
Vitamin D schützt nicht vor Covid-19
Anfang des Jahres 2021 wurde heiß diskutiert, ob Vitamin D-Präparate ...
Anfang des Jahres 2021 wurde heiß diskutiert, ob Vitamin D-Präparate vor Corona schützen können. Klingt verlockend – doch bereits im Mai widerlegte eine für ihre Methodik gelobte groß angelegte Studie diese Annahme. Personen mit niedrigem Vitamin D-Spiegel unterlagen einem ähnlichen Infektionsrisiko wie optimal versorgte Menschen. Ergebnisse anderer, kleinerer Studien hatten zuvor auf einen möglichen Zusammenhang hingewiesen, oft wurden allerdings viele Faktoren, die das Corona-Risiko beeinflussen, nicht berücksichtigt.
Auch das Bundesamt für Risikobewertung kam im Mai 2021 zu dem Schluss, dass gut versorgte Personen nicht von einer zusätzlichen Vitamin D-Gabe profitieren. Beobachtungstudien zeigten zwar, dass insbesondere schwer an Covid-19 erkrankte Personen häufig zu geringe Vitamin D-Konzentrationen im Blut aufweisen. Meist war jedoch unklar, ob die niedrigen Serumspiegel bereits vor der Erkrankung vorlagen oder durch die Infektion verursacht wurden. Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist auch die Datenlage zur positiven Wirkung von Vitamin D-Präparaten auf den Verlauf der Covid-19-Erkrankung zu gering, um eine Ursache-Wirkungs-Beziehung abzuleiten.10
Bereits vor der Covid-19-Pandemie war die Rolle von Vitamin D beim Acute Respiratory Distress Syndrom Gegenstand der Forschung. Im Rahmen einer viel zitierten Studie untersuchten Forschende Patientinnen und Patienten, die sich einer Ösophagektomie unterziehen mussten und einen Mangel an Vitamin D aufwiesen. Eine Intervention mit Vitamin D war mit einem signifikant besseren Outcome assoziiert. Ein Jahr später konnte dieser Effekt in der groß angelegten VIOLET-Studie jedoch nicht nachgewiesen werden.11,12
Mit Vitamin D & Omega-3-Fettsäuren gegen Autoimmunerkrankungen
Die tägliche Einnahme von Vitamin D in Kombination mit Fischölkapseln senkte ...
Die tägliche Einnahme von Vitamin D in Kombination mit Fischölkapseln senkte in der groß angelegten VITAL-Studie die Zahl an Neudiagnosen von Autoimmunerkrankungen um 32 %. Eine derartige Wirkung von Fischölkapseln allein konnte in der im BMJ veröffentlichen Studie allerdings nicht gezeigt werden. Die alleinige Einnahme von Vitamin D verminderte die Häufigkeit von bestätigten Autoimmunerkrankungen immer noch um 22 %, im Vergleich zu Placebo.
Da sich Autoimmunerkrankungen über einen längeren Zeitraum entwickeln, könnte die präventive Wirkung mit der Zeit steigen. Ob dies tatsächlich der Fall ist, wollen die Forscherinnen und Forscher nun über zwei weitere Jahre beobachten.
Dass ein Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen in der Plasmakonzentration die Leistungsfähigkeit des Immunsystems beeinträchtigen kann, beschreiben auch Mitra et al. in einem umfassenden Übersichtsartikel, der im Januar 2022 in der Fachzeitschrift Molecules veröffentlicht wurde. In ihrem Review beleuchten sie die Vitamine A, B1, B2, B3, B5 (Pantothensäure), B6 (Pyridoxin), B7 (Biotin), B9 (Folat), B12 (Cobalamin), C, D, E, K, Zink, Eisen, Selen, Jod, Magnesium und Kupfer.
Laut dem Autorenteam sind weitere Studien erforderlich, um die immunmodulatorischen Einflüsse von Lebensmittelbestandteilen zu entschlüsseln, einschließlich der Festlegung optimaler Vitamin- und Mineralstoffdosierungen zur Förderung der Immungesundheit. Ausreichende Beweise für die immunmodulatorische Wirkung von Vitaminen und Mineralstoffen könnten die Entwicklung von präventiven und kurativen Behandlungen für eine Vielzahl von Autoimmunkrankheiten (Lupus, rheumatoide Arthritis und Multiple Sklerose), Infektionskrankheiten und anderen allergenen Erkrankungen unterstützen.
Mangelnde Evidenz bei Multipler Sklerose
Im Bereich der diätetischen Maßnahmen für Menschen mit Multipler Sklerose (MS) ...
Im Bereich diätetischer Maßnahmen für Menschen mit Multipler Sklerose (MS) mangelt es an aussagekräftigen Studien – das macht der Umbrella-Review von Tredinnick und Probst deutlich. Die Erkenntnisse konzentrieren sich in erster Linie auf die Isolierung einzelner Nährstoffe in Form von Nahrungsergänzungsmitteln, von denen viele keine Wirkung auf Schübe, das Fortschreiten der Behinderung oder die Aktivität von MRT-Läsionen bei Patientinnen und Patienten mit MS zeigten. Die am häufigsten in MS-Populationen untersuchten Nährstoffe sind Vitamin D und mehrfach ungesättigte Fettsäuren.
Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass der Vitamin D-Status im Serum mit verbesserten Ergebnissen beim Fortschreiten der MS verbunden ist; ein kausaler Zusammenhang wurde jedoch nicht nachgewiesen. Die Belege für eine Supplementierung mit Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren sind widersprüchlich und deuten überwiegend darauf hin, dass eine Supplementierung keinen Nutzen für die wichtigsten Ergebnisse des MS-Verlaufs hat.
Ob und wie die Gabe bestimmter Nahrungsergänzungsmittel wie Propionsäure erfolgversprechend für die Behandlung ist, wird ein Forschungsteam der Klinik für Neurologie des St. Josef Hospitals der Ruhr-Universität Bochum (RUB) untersuchen. In einer vorangegangenen Studie konnten die Forschenden bereits zeigen, dass die kurzkettige Fettsäure Propionsäure einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf von MS haben könnte. Sie erhöhte den Anteil an entzündungshemmenden regulatorischen T-Zellen des Immunsystems und reduzierte damit Entzündungsprozesse deutlich.
Die Forschenden werden in dem neuen Projekt die Wirkung der MS-Medikamente auf das Darmmikrobiom von Patientinnen und Patienten untersuchen. Sie wollen außerdem ergründen, in welchem Maße der zusätzliche Einsatz von Propionat die Wirkung bestimmter MS-Therapien beeinflusst.
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