02. Februar 2021

Mehr Muskeln, weniger Fett

Antikörper reduziert Übergewicht bei Typ-2-Diabetikern

Der monoklonale Antikörper Bimagrumab – er blockiert den Aktivin-Typ-II-Rezeptor – könnte bei übergewichtigen Diabetikern den Fettabbau fördern und gleichzeitig zum Muskelaufbau beitragen. Darauf weist eine in JAMA veröffentlichte Phase-2-Studie hin.1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Prof. Dr. Steven B. Heymsfield vom Pennington Biomedical Research Center in Louisiana sowie seine Kollegen aus den USA und Großbritannien haben in einer randomisierten Doppelblindstudie insgesamt 75 Patienten über einen Zeitraum von 48 Wochen behandelt. Die Gruppe, die den Antikörper erhielt, verlor dabei im Schnitt deutlich mehr Körperfett als die Placebo-Gruppe.

Der Hamburger Adipositas-Spezialist Prof. Dr. Jens Aberle findet die Ergebnisse im Gespräch mit Medscape interessant: „Das ist tatsächlich bemerkenswert, weil die Patienten eine ganze Menge Körperfett verlieren und gleichzeitig Muskelmasse aufbauen. Das macht die Substanz sehr spannend.“ Aberle ist Ärztlicher Direktor des Ambulanzzentrums des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), Fachbereich Endokrinologie, Diabetologie, Adipositas und Lipide.

Heymsfield und seine Mitautoren hatten an insgesamt 9 Zentren in den USA und Großbritannien ihren übergewichtigen Typ 2-Diabetes-Patienten alle 4 Wochen eine Infusion des monoklonalen Antikörpers Bimagrumab oder von Placebo verabreicht. Dabei waren 37 Patienten in der Verum-Gruppe, 38 Patienten erhielten Placebo.

Für die finale Analyse standen aus den Gruppen allerdings nur 27 bzw. 30 Patienten zur Verfügung, die die Behandlung wie vorgesehen beendet hatten. Zusätzlich zu Medikament oder Placebo bekamen die Teilnehmer regelmäßige Beratung zu Ernährung und Bewegung und die Anweisung, ihre Kalorienaufnahme um 500 kcal täglich zu reduzieren.

Nach Ende der Behandlungszeit hatten die Teilnehmer, die Bimagrumab bekommen hatten, ihre Körperfettmasse um durchschnittlich mehr als 7 kg reduzieren können. In der Placebo-Gruppe lag der Fettverlust dagegen nur bei 0,8 kg.

Mehr Muskeln, weniger Fett

Die Teilnehmer der Placebo-Gruppe hatten zusätzlich im Schnitt etwas Muskelmasse eingebüßt, während die Verum-Gruppe dort sogar Zugewinne von 1,7 kg verzeichnete. Eine Veränderung, die Aberle sehr positiv einschätzt: „Das ist eine Situation, die für den Stoffwechsel sinnvoll ist, weil sie dadurch einen Erhalt von Grundumsatz haben.“

Auch auf lange Sicht könnte mehr Muskelmasse ein Vorteil sein: „Potenziell ist das vielleicht auch für den Gewichtserhalt bedeutsam, auch wenn das noch spekulativ ist – denn wir wissen, dass der Erhalt eines Gewichtsverlustes sehr stark gekoppelt ist an den Erhalt von Muskelmasse“, so Aberle.

Insgesamt verloren die Patienten unter Bimagrumab 6,5% ihres Körpergewichtes, unter Placebo dagegen nur 0,8%. Das sei ein Hinweis, dass Ernährungs- und Bewegungsberatung nur eine untergeordnete Rolle bei den Ergebnissen gespielt haben, meint Aberle: „Bei der Placebo-Gruppe hat sich nicht viel getan: Wenn die Teilnehmer tatsächlich ihre Kalorienaufnahme um 500 kcal reduziert hätten über die Zeit, hätten sie einen höheren Gewichtsverlust haben müssen.“

Auch der HbA1c-Wert verbesserte sich bei den Patienten unter Bimagrumab etwas, während das in der Placebo-Gruppe kaum der Fall war.

Nebenwirkungen Durchfall und Muskelkrämpfe

Die Behandlung mit dem monoklonalen Antikörper führte allerdings bei einem Teil der Patienten zu Nebenwirkungen. Am häufigsten waren Durchfälle, besonders zu Beginn der Behandlung, und Muskelkrämpfe, die jeweils bei gut 40% der Patienten unter Bimagrumab auftraten und in der Placebo-Gruppe deutlich seltener vorkamen.

„Was ungewöhnlich viel ist, sind die Muskelkrämpfe, das ist vermutlich eine substanzspezifische Nebenwirkung, und auch die Diarrhöen sind deutlich mehr als in der Placebo-Gruppe. Das muss man natürlich beobachten, auch die Adhärenz der Patienten“, sagt dazu Aberle. In der vorliegenden Studie hatten nach Angaben der Autoren 2 Patienten wegen der Muskelkrämpfe abgebrochen.

Der monoklonale Antikörper wurde bereits gegen andere Erkrankungen erprobt. Studien zur Wirksamkeit bei Sporadischer Einschlusskörpermyositis wurden allerdings wegen enttäuschender Ergebnisse nicht weiter fortgesetzt, schreibt das Unternehmen Morphosys.

Zur Wirkung des Antikörpers am Zielrezeptor schreibt die Deutsche Sporthochschule Köln: „Durch die hochspezifische Bindung des therapeutischen Antikörpers an die Rezeptoren wird die Interaktion mit endogenen Liganden wie beispielsweise Myostatin gehemmt, so dass die nachgeschalteten Signalwege verändert und das Wachstum und die Differenzierung von Muskelzellen stimuliert werden.“

An der Sporthochschule wurde bereits eine Nachweismethode für Bimagrumab entwickelt, da befürchtet wird, dass der Antikörper auch im Doping eingesetzt werden könnte. Bisher muss das Medikament allerdings seine Wirksamkeit und Sicherheit noch in weiteren Studien beweisen. Auf solche Ergebnisse wäre Aberle durchaus gespannt: „Der Bedarf ist einfach riesig, gerade bei der Adipositas-Therapie“, betont der Hamburger Mediziner.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf medscape.de, 18.01.2021.

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653