06. November 2019

Methadon in der Tumortherapie

Stimmungsbild Ihrer Kollegen

Ist Methadon ein Wirkverstärker für Zytostatika? Oder doch nur ein Opioid? Ist der Einsatz problematisch oder einen Versuch wert? Der folgende Beitrag ordnet die Stimmen Ihrer Kollegen ein.

Lesedauer: 4 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf coliquio-Forumsdiskussionen. Redaktion: Marc Fröhling

Methadongegner

  • Methadon-Verordnung Off-Label: Anästesiologe „jaevla“ stützt seine Meinung auf Tatsachen. Demnach ist Methadon ausschließlich als Analgetikum und Substitutionsmittel in der Drogentherapie zugelassen, eine Verordnung als Chemotherapeutikum wäre also Off-Label. Auch „bobdan“ aus derselben Fachrichtung stimmt hier zu und ergänzt, dass es falsch wäre, aufgrund der aktuellen Datenlage mit fehlenden doppelblinden randomisierten Studien bezüglich Wirkung von Methadon in Kombination mit Chemotherapien den Schluss zu ziehen, Methadon heile Krebs oder verbessere eine Chemotherapie.
  • Warnung vor Komplikationen: „phineekil“ als Strahlentherapeut kann von einer „Krebstherapie“ mit Methadon nur abraten. Methadon-Nebenwirkungen führten bei seinen Patienten wiederholt dazu, dass die onkologische Therapie nicht wie geplant durchgeführt werden konnte, pausiert oder vorzeitig abgebrochen werden musste.
  • Das Wecken falscher Hoffnungen ist fragwürdig: Neurologe „chrrltwobr“ warnt davor, Patienten mit der Hoffnung auf Heilung in die Irre zu führen. Man müsse es als Behandler auch aushalten können, über kein Wundermittel zu verfügen und dies den Patienten auch zu vermitteln.
  • „Völlig unrealistische Erwartungshaltung:” Anästhesiologe „jaevla“ merkt an, dass der Hype um Methadon zu völlig unrealistischen Erwartungen bei vielen Tumorpatienten geführt habe. Diese würden nun bei ihren Ärzten auf Verordnung drängen. Eine Verschreibung als Analgetikum sei zwar möglich, aufgrund der besonderen Kinetik jedoch problematischer als bei anderen Opioiden.

Mangelndes Interesse seitens der Pharmaindustrie

  • Gezielte Desinformation: „tasrefd“ weist auf ein ausgeprägtes negatives Interesse der Pharmaindustrie hin, wodurch sogar mit einer gezielten Desinformation zu rechnen ist. Sein Fazit lautet: Bei Tumorschmerz und einer Chemotherapie ist Methadon die erste Wahl, da man hier nichts falsch machen könne und so vielleicht den einen oder anderen Patienten retten würde.
  • Kein Geld – kein Interesse: „jrgsch“ aus der Allgemeinmedizin fragt sich, warum von der Pharmaindustrie keine Studien zu bereits etablierten Medikamenten zwecks Indikationserweiterungen gemacht werden. Eine Antwort hat er auch parat: „Weil damit keine Millionen und Millarden verdient werden können.“

Positive Fallbeispiele

  • Rückbildung eines Glioblastoms: Allgemeinmediziner „medall“ berichtet von einer austherapierten Patientin mit Glioblastom. Die Angehörigen haben ihn auf Knien angefleht, Methadon zu verordnen. Da laut Fachärzten ohnehin nichts zu verlieren war, hat er sich einen Haftungsverzicht vom als Betreuer bestellten Sohn unterschreiben lassen und Methadon verordnet. Wider Erwarten bildete sich das Glioblastom zurück. Er sei etwas ratlos, aber hält seit diesem Verlauf austherapierten Krebspatienten kein Methadon mehr zurück. Grundsätzlich sieht er kein Problem, mit Haftungsverzicht als sterbend erklärten Menschen Methadon zu verordnen. Was soll es denn da zu verlieren geben?
  • Angst und Schmerzen durch Methadon im Griff: Allgemeinmediziner „kurtconstantin“ berichtet von einer Patientin mit fortgeschrittenem Mamma-Ca, die ihn dringend um die Verordnung von Methadon bat, da dadurch die Chemotherapie besser wirksam sei. Zwar hatte die Dame was das Tumorwachstum angeht kein Glück und ist mittlerweile verstorben, sie empfand die Wirkung aber als sehr entspannend und konnte so zumindest ihre Angst und die Schmerzen durch das Methadon gut in den Griff bekommen.

Methadon: Gibt es überhaupt ein Problem?

  • „Warum aus der Methadon-Frage eine Religion machen?”„winter1512 aus der Psychiatrie und Psychotherapie kennt Methadon nur aus der Substitutionstherapie. Er versteht aber nicht, warum man aus der Frage eine Religion machen und Patienten die Substanz vorenthalten sollte, wenn sie daran Hoffnungen knüpfen – eine Indikation dürfte in der Regel bestehen in der Form der analgetischen, anxiolytischen und auch sedierenden Wirkung. Man kann sich hinsichtlich der vertragenen Dosis gut von unten annähern, so problematisch ist die Substanz nicht, schon gar nicht in Anbetracht der Grunderkrankung. Dass man nicht eigeninitiativ unrealistische Hoffnungen auf ein Wundermittel induziert, dürfte sich von selbst verstehen.
  • Abwägen der Vor- und Nachteile: Allgemeinmediziner „claehrpret“ wägt das Für und Wider der Verschreibung von Methadon bei Tumorpatienten ab – insbesondere, wenn diese ohnehin eine Analgesie benötigen. Dafür spricht, dass die Substanz hinlänglich bekannt ist und die für die Tumortherapie erforderliche Dosis unschädlich und nur mit geringen Nebenwirkungen verbunden ist. Gegen einen Einsatz spreche höchstens die Frage, ob man ein Opiod einsetzen möchte, das ein so großes Abhängigkeitspotential besitzt.

1. coliquio-Diskussion: „Dextromethorphan als ‘alternative’ Krebstherapie – was ist davon zu halten?”, 09.03.2017.
2. coliquio-Diskussion: „Methadon bei Krebs?”, 12.04.2017.
3. coliquio-Diskussion: „Methadon bei Krebstherapie?”, 13.06.2017.
4. coliquio-Diskussion: „Metadon gegen Schmerzen”, 28.06.2017.
5. coliquio-Diskussion: „Methadon bei Glioblastom”, 24.03.2018.

Titelbild: © Getty Images/jacoblund

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